Thekla 11 - August 1989 - S. 55-87 [t11kkpka.htm]


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Sklavenhändler und Kabelziehhunde

Kernkraftwerk Philippsburg

Karlsruhe, 1983 (Artikel aus Wildcat Nr. 38, Frühjahr 1986)

Den folgenden Artikel druckten wir erst drei Jahre nach der Erfahrung, über die er berichtet. Drei Leute von uns hatten beim Bau des zweiten Blocks des Kernkraftwerks Philippsburg (KKP2) gearbeitet. Es waren jede Menge Aktionen gegen die Arbeit, gegen Siemens und den Sklavenhändler gelaufen. Nach unserem Rausschmiß haben wir dann monatelang versucht, propagandistisch weiterzuarbeiten über die IG Metall (Artikel in der METALL) und das Anstrengen von Arbeitsgerichtsprozessen. Ehrlich gesagt kamen wir dabei zunächst gar nicht auf die Idee, daß es politisch sinnvoll sein könnte, diesen Artikel zu veröffentlichen. Daß wir viele Informationen nur mit Vorsicht oder gar nicht drucken konnten, kam dazu. Erst die Erfahrung der Schweizer Genossen gab dann den Anstoß zur Veröffentlichung - ohne Flugis und Handzettel. Was davon noch in den Prozeßunterlagen war, haben wir angefügt.

Die Anti-AKW-Bewegung hat bisher vor allem die ökologischen und militärischen Gesichtspunkte der Atomkraftwerke herausgestellt, das heißt die Gefährdung von Mensch und Umwelt, ihre Bedeutung für die Herstellung von Atombomben, ihre Standortplanung nach NATO-Richtlinien als atomarer Sperrgürtel (die Aspekte sind ausführlich in der AUTONOMIE 4/5 dargestellt).

Dagegen blieb die Bedeutung des Atomprogramms für die Neuzusammensetzung der Klasse in den Diskussionen der AKW-GegnerInnen außen vor. Schon die Tatsache, daß beim Bau, beim Betrieb und während der Revisionen sowie in der Zuliefer- und Entsorgungs-Industrie hunderttausende Arbeiter ausgebeutet werden, fand keine Beachtung. Da, wo die Bewegung mit Teilen dieser Arbeiter konfrontiert wurde - am Bauplatz -, standen sie auf der anderen Seite des Zauns. Darüber hinaus ist in unguter Erinnerung geblieben, daß die ig bergbau und energie in den 70er Jahren -zigtausende dieser Arbeiter zu Großkundgebungen »Für das Atomprogramm = Arbeitsplätze« mobilisieren konnte. So verbreitete sich unter AKW-GegnerInnen die Ansicht, bei Atomarbeitern handle es sich um eine handverlesene, loyale Elite. Bis heute hält sich das Gerücht, daß in einem laufenden AKW nur noch eine Handvoll Techniker arbeiten.

In mehreren Etappen wollen wir versuchen, dieses »schwarze Loch« in den Diskussionen der Anti-AKW-Bewegung etwas aufzuhellen ...

Im folgenden Artikel versuchen wir die Bedeutung der AKWs als Motor einer regionalen Neuzusammensetzung der Klasse darzustellen - die »atomaren Sperrgürtel« sind zunächst einmal Entwicklungsachsen, entlang denen die Industrialisierung vorangetrieben wird; die »Katastrophenschutzpläne« dienen zunächst mal der Durchleuchtung der sozialen Beziehungen und zur präventiven Einkreisung der Arbeitermilitanz in diesen Regionen.

Nur ganz kurz wollen wir an dieser Stelle auf eine weitere Bedeutung der verschiedenen Atomprogramme hinweisen: die dabei (keineswegs zufällig) »abfallende« Technologie hat in der BRD jeweils Schlüsselfunktion bei der Umstrukturierung der Produktion und Neuzusammensetzung der Arbeiterklasse gehabt. Das gilt sowohl für die 50er/60er Jahre, wo die in der Atomforschung entwickelte Steuerungstechnik dazu eingesetzt werden konnte, moderne Petrochemie-Kombinate und Raffinerien hochzuziehen, in denen der Arbeitsprozeß als Fließprozeß organisiert ist und die Belegschaft zwischen Überwachungsarbeiter »neuen Typs« und prekärem Reinigungsarbeiter aufgespalten ist. Das gilt seit den 70er Jahren für die Entwicklung dezentralisierter Rechner- und Steuerungskapazität (von Robotergreifarmen bis zu Montage-Inseln).

Und das schlägt sich zum Beispiel darin nieder, daß sich das kernforschungszentrum in Karlsruhe seit einigen Jahren schwerpunktmäßig mit Robotern, rechnergestützter Produktion usw. beschäftigt und nur noch am Rande mit Kerntechnologie (ähnliches gilt wohl für Jülich, wo sie sich mit Optik und Metallurgie beschäftigen).

In der Logik der »angewandten Atomforschung« liegt es, daß wir heute, wo seit Jahren keine AKWs mehr geplant oder bestellt werden, in Wackersdorf und Gorleben massiv mit deren »Abfallprodukten« konfrontiert werden. Die Herrschenden haben die Atomtechnologie schon immer dazu benutzt, das Überleben der Menschheit erpresserisch an ihr eigenes Überleben zu koppeln zu versuchen. Wir hoffen, daß der Artikel dazu beitragen kann, daß wir ihnen diese Scheiße endgültig aus der Hand hauen.

Im Auge des Zyklons: Prekarisierung und Sklavenhändler 1983

Als wir im Frühjahr 1983 im Kernkraftwerk Philippsburg zu arbeiten begannen, hatte das Regime gerade eine neue Runde in den Beziehungen zwischen Kapital und Arbeit eingeläutet. Bereits seit Anfang der 80er Jahre waren die Arbeitsbedingungen ständig härter geworden: wer sich für eine Stelle bewarb, und sei's als ungelernter Handlanger, mußte seinen Lebenslauf ausbreiten, sich auf Wartelisten eintragen; die Unternehmen begannen zu selektieren. Nach und nach hatte es nicht mehr der Einzelne in der Hand, wie lange er wo und zu welchen Bedingungen arbeitete, sondern die Personalchefs diktierten, und sie bedienten sich zunehmend flexibler Beschäftigungsformen - Teilzeit, Leiharbeit, Befristung. Selbst die Löhne, die bis dahin wie selbstverständlich von einem Job zum andern gestiegen waren, wurden eingefroren oder sanken sogar.

Möglich wurde dieser Umschlag im Kräfteverhältnis durch eine begleitende staatliche Politik, die einerseits die Leistungen der Arbeitslosenversicherung drastisch zurückschraubte und damit der selbstbestimmten Mobilität der Proletarier ihren materiellen Boden entzog, und zum andern durch eine aggressive Vermittlungspraxis der Arbeitsämter: Millionen Prolis wurden zwangsmobil gemacht und auf den Arbeitsmarkt gepumpt. Der Zangenangriff von Staat und Kapital richtete sich gegen die Gleichgültigkeit, mit der seit den 70er Jahren breite Schichten so grundlegenden kapitalistischen Werten wie Leistung und Karriere gegenübertraten. Er war erfolgreich, insofern die Arbeitslosigkeit als Druckmittel jetzt zum ersten Mal spürbar wurde. Dennoch schlug die »Kur« keineswegs so tiefgreifend an, wie es sich das Regime erhofft hatte.

Zwar konnten die Proletarier ihren Lebensstandard nur halten durch Mehrarbeit - das Arbeitsvolumen nahm in diesen Jahren gewaltig zu; zwar flossen die staatlichen Sozialleistungen in andere Richtungen, insgesamt aber sanken die Sozialausgaben nicht. Und: der Staat hatte die Kontrolle über die Zusammensetzung der proletarischen Einkommen verloren.

Anfang '83 machte sich das Regime daran, diese Nischen und Freiräume zu stopfen. Mit der Lehrstellenkampagne sollten die kommenden Generationen als billige Arbeitskräfte rekrutiert werden. Die Jugendlichen sollten wieder fressen, daß hier nur eine »Perspektive« hat, wer in einer Berufsausbildung seine Arbeitsdisziplin und Leistungsbereitschaft unter Beweis gestellt hat. Gleichzeitig blies die sogenannte »Blüm-Kampagne« zum Angriff auf die Schattenwirtschaft. Damit sollten nicht »Schwarzarbeit und illegale Beschäftigung« (inzwischen nämlich fester Bestandteil in der Ausbeutungsorganisation der Multis) unterbunden werden. Vielmehr ging es darum, diesen Teil des Arbeitsmarkts so weit unter staatliche Aufsicht zu stellen, daß der Einzelne, die von ihm erarbeiteten Einkommen, die Staatsknete, die er bezieht, wieder kontrollierbar würden. Nur so ließ sich der Arbeitszwang weiter verschärfen.

Schließlich wurde mit der Ausdehnung von Zwangsarbeitsprogrammen experimentiert, die sich vor allem gegen Frauen und Jugendliche richteten. Gemeinnützige Arbeit, an die Sozialhilfe gekoppelt, »freiwilliges soziales Jahr«, »Berufsvorbereitungsjahr«, Verleih arbeitsloser Jugendlicher an öffentliche Einrichtungen.

So ist die Situation Anfang '83 spannungsgeladen. Der staatliche Angriff macht sich im proletarischen Alltag bemerkbar. Das Kapital hat sich entschieden, diesen Teil des Arbeitsmarkts der Kontrolle von Sklavenhändlern zu unterstellen, und die staatlichen Institutionen stellen sich darauf ein. Binnen Wochen ändert sich der Kurs der Arbeitsämter gegenüber Verleihern, staatliche Vermittler übernehmen die Mobilisierung von Sklavenmalochern, tragen bisweilen die Lohnkosten für »schwer Vermittelbare«. Die Krankenkassen schwenken auf diesen Kurs ein. Sie beschnüffeln nun plötzlich nicht mehr den Sklavenhändler, der Versicherungsbeiträge hinterzieht, sondern den Sklavenmalocher, der krank macht. Der Angriff auf die Schwarzmalocher erreicht mit flächendeckenden Großrazzien in Baden-Württemberg und der Südpfalz seinen Höhepunkt. Allein in Ba-Wü wurden 40000 Malocher überprüft, davon 2000 gerichtlich verfolgt. Schwarzarbeit beginnt gefährlich zu werden.

So ist die Situation noch in jeder Richtung offen. Viele resignieren gegenüber dem Sklavenhändler, weil der Job, so verhaßt er ihnen auch sein mag, für sie die letzte Chance darstellt, auf dem Arbeitsmarkt unterzukommen. Viele, die zum ersten Mal mit Verleihern zu tun haben, halten diese Etappe in ihrem Arbeiterdasein für nen Ausrutscher, klammern sich an die Hoffnung auf den nächsten Job, der besser wird, an den Mythos vom Aufstieg durch Qualifikation. Aber genauso wie Sklavenmalocher versuchen, sich in dem Job einzurichten, wie sie individuell mit dem »Menschenhändler« zu dealen beginnen - denn dafür ist immer Raum, hier liegt ja seine Stärke - kommt es vor, daß einer die Schnauze voll hat und ihm - ebenso individuell - die Schnauze vollhaut.

Die Funktion der Sklavenhändler besteht gerade darin, das Kapital von seinen Bindungen an die Arbeitskraft zu befreien, und oberflächlich scheint dieses Kalkül auch aufzugehen: der Verleiher garantiert dem Unternehmer eine bestimmte Menge Arbeitskräfte. Die tausend Tricks, mit denen er »seine« Leute heuert und feuert, sie ständig betrügt, sie diszipliniert, sind für viele Neuland. Ihre individuellen Reaktionen stellen den Sklavenhändler nicht in Frage. Zumal seit er institutionellen Rückhalt genießt. Dennoch ist das Kapital nicht nur glücklich. Zwar nimmt ihm der Verleiher seine Bindungen an die Malocher ab, aber die fühlen sich in ihrer Mehrheit dem Sklavenhändler noch viel weniger verbunden. Ihre Haltung reicht von Gleichgültigkeit bis zur offenen Ablehnung, und diese Haltung überträgt sich auch auf die Arbeit, die er ihnen vermittelt (davon sprachen jene nordrhein-westfälischen Unternehmer, die Ende `82, noch vor dem Boom der Sklavenhändler, lauthals klagten, die fehlende Loyalität der Sklavenarbeiter untergrabe die Kooperation, die Beschäftigung über Verleiher sei an ihre Grenzen gestoßen). So steht täglich neu auf der Kippe, ob diese Haltung einen kollektiven Ausdruck findet, ob aus der individuellen Dealerei eine gemeinsame Konfrontation gegen den Sklavenhändler wird.

Das also war grob die Situation, als wir nach Philippsburg kamen. Philippsburg, eine Kleinstadt von 12000 Einwohnern, ist einer der ältesten AKW-Standorte der BRD. Eine Rolle spielt dabei die unmittelbare Lage am Rhein mit der Rheinschanzinsel, einer ehemaligen Festungsanlage, auf der die AKWs errichtet werden.

Entscheidender war, daß Philippsburg etwa in der Mitte des Oberrheintals zwischen den Ballungsräumen Karlsruhe im Süden und Mannheim/Ludwigshafen im Norden liegt, in einer Region, die von Landwirtschaft, Handwerksbetrieben und aufgrund der Kiesvorkommen von einer Reihe von kleinen Baustoffirmen geprägt ist. Da die Landwirtschaft, bereits hochgradig konzentriert, nur noch wenige Menschen beschäftigt, ist die Mehrheit der Erwerbstätigen zum Pendeln in die umliegenden Industrieregionen Mannheim, Bruchsal oder daimler benz/Wörth gezwungen. Bis in die 60er Jahre war das einzige Großunternehmen in der Region ein Werk der südzucker ag, das alljährlich für zwei Monate Saisonkräfte beschäftigte. Somit waren die Voraussetzungen günstig, um im Gefolge der Kernkraftwerke auch die Industrie zur Ansiedlung zu bewegen. Denn das Atomprogramm der Bundesregierung hat für das Kapital weit mehr Bedeutung als nur dessen militärische und technologische Komponenten. AKWs sind die Schrittmacher einer Strukturpolitik, in der sich der aktuelle Stand kapitalistischer Klassenkampferfahrungen kondensiert, nämlich Mittel zur regionalen Neuzusammensetzung der Klasse.

Wir sagen: auf die Kämpfe des Massenarbeiters reagiert das Kapital mit der Auflösung der alten Massenarbeiterkonzentrationen, macht sich auf die Suche nach neuen Arbeiterschichten. Arbeitermassierungen und Großfabriken werden so weit als möglich dezimiert, ganze Abteilungen ausgelagert, dezentralisiert. Und diese Entwicklung läßt sich am Mittleren Oberrhein nachvollziehen. Während in Mannheim, der traditionellen Arbeiterhochburg, die Arbeitslosenquote zeitweilig die Zehnprozent-Marke übersteigt, während in Karlsruhe Maschinenbau- und Frauenbetriebe dicht machen, beginnt die Industrie, allen voran die Chemie, in der Pampa um Philippsburg zu siedeln; angelockt durch Löhne, die bis zu 20% unter dem städtischen Lohnniveau liegen, angelockt durch billige Grundstücke und eine neue Infrastruktur, die den AKWs auf dem Fuße folgt. Bereits Ende der 60er Jahre siedeln sich zwei Chemieriesen an: ein GOOD-YEAR-Werk in Philippsburg, sowie links und rechts des Rheins je ein ICI-Werk entlang einer neuen Ost-West-Verbindung, die nach und nach zur Schnellstraße ausgebaut wird. Es folgt ein Betonwerk, das, wie die Chemiebetriebe, in drei Schichten gefahren wird, es folgt ein Motorenwerk von ferguson. Neben SIEMENS Bruchsal, das seit Beginn der 80er Jahre von schleichender Schließung betroffen ist, stellen sie seit der Umstrukturierung die größten Betriebe der Region dar, gemessen an der Zahl der Beschäftigten.

Es folgen die Firmen, die gerade der Arbeiterrigidität der benachbarten Industriezentren entflohen sind. Nach der Schließung der traditionsreichen IWKA (Industriewerke Karlsruhe Augsburg) wird der gesund geschrumpfte Betrieb 15 Kilometer nördlich in Blankenloch wieder errichtet; john deere, Anfang der 70er eines der Streikzentren in Mannheim, eröffnet ein neues Montagewerk in Bruchsal, das Mitte der 70er Jahre gemeinsam mit Philippsburg zum »Landesausbauort«, das heißt zum vom Land geförderten Industrieansiedlungsort wird.

Beide Städte werden zusätzlich aufgewertet durch ihre Anbindung an die künftige Bundesbahnschnelltrasse Mannheim-Stuttgart. Weitere entscheidende Einschnitte erfährt der Landstrich durch zwei neue Nord/Süd-Autobahnen (im Malocher-Jargon: Kühlturmautobahnen), die auf der Höhe Philippsburg die Ost-West-Achse kreuzen und von Karlsruhe/Mannheim aus in die Landschaft getrieben werden.

Der Landschaftsentwicklungsplan 1980 weist für die Dörfer und Trabantensiedlungen entlang dieser Achsen die Anlage von Gewerbeflächen ausschließlich für Klein- und Mittelbetriebe aus. Damit wandern die Schwitzbuden und ausgelagerten Abteilungen der Elektro- und Metallindustrie auf die Dörfer der ehemaligen Pendler.

Aber Infrastrukturpolitik meint mehr als nur Planung der Verkehrswege. Es bedeutet auch Planung der technischen Zusammensetzung der Klasse. Schon der Bau der Ost-West-Verbindung, die den Pfälzer Wald mit dem rechtsrheinischen Kraichgau verknüpft, sollte den Zustrom vor allem von Pfälzer Malochern in die ehemaligen Pendlerregion ermöglichen. Und die von Bund, Land und Stadt geforderte Karlsruher Nordtangente, bislang an Bürgerprotesten gescheitert, wurde konzipiert, um die verstärkte Ausbeutung billiger Elsässer Arbeitskraft auch im nördlichen Landkreis zu ermöglichen. Um den Bedürfnissen der Industrie nach einem ausreichenden und ausreichend durchmischten Arbeitskraftangebot gerecht zu werden, erstellen die Regionalplaner auf Grund regelmäßiger Arbeitsmarktstudien und -prognosen sogenannte Bevölkerungsrichtwerte. Wo die reale Entwicklung von diesen Vorgaben abweicht, werden sogenannte »Infrastrukturmittel« bereitgestellt. So organisierte z.B. die Stadt Philippsburg für die von GOOD-YEAR rekrutierten jugoslawischen und türkischen Malocher den Wohnungsmarkt, außerdem errichtete sie ein Lager für »Spätaussiedler« in unmittelbarer Nähe des KKP - gerade rechtzeitig zum Baubeginn.

Nicht nur Zusammensetzung der Klasse, Beschäftigungs- und Infrastruktur ändern sich im Gefolge des AKW-Baus. Parallel vollzieht sich eine Verpolizeilichung der Region, eine Militarisierung der sozialen Beziehungen. Die Konzentration militärischer Anlagen im Raum Philippsburg/Germersheim dürfte bei der Standortwahl für die AKWs eine Rolle gespielt haben. Allein Philippsburg beherbergt neben einer deutschen und einer US-Kaserne ein Atomwaffenlager sowie eine Batterie atomarer Lenkwaffen. Dazu kommt im linksrheinischen Germersheim ein Panzerdepot der REFORGER-Truppen, das größte außerhalb der USA. Über die militärische Präsenz hinaus wird hier die Bevölkerung an Bedingungen gewöhnt, wie sie Mitte der 70er Jahre im Ruhrgebiet öffentliches Aufsehen erregten: Alljährlich während der REFORGER-Manöver wird das GOOD-YEAR-Werk, am Rande des größten Truppenübungsplatzes im Landkreis gelegen, von Kettenfahrzeugen umstellt.

Vor allem brachte der AKW-Bau, und damit die Notwendigkeit, über Jahrzehnte mehrere tausend Malocher unter Kontrolle zu halten, eine gewaltige Aufrüstung des Polizeiapparats mit sich. Derzeit kommt auf rund 200 Philippsburger ein Bulle. Damit liegt die Dichte doppelt so hoch wie in Berlin oder Karlsruhe, den Städten mit der höchsten Konzentration. Da sich der Großteil der Beamten aus der Region rekrutiert, bedeutet das eine weitgehende Kontrolle über die sozialen Beziehungen, was sich in der sprunghaft gestiegenen Kriminalitätsstatistik, vor allem der Jugendlichen, ausdrückt. Zum Beispiel wurden in Philippsburg ein spezielles Rauschgift-Dezernat sowie ein Jugendbulle, eine Art KOB für Kinder, zur Bekämpfung der Jugendkriminalität eingerichtet.

In bezug auf das AKW selbst erreicht die Zusammenarbeit von Werkschutz, privaten Wachdiensten und Behörden ein Ausmaß, wie es sonst nur aus den Notstandsplanungen von Bürgerkriegsstrategen bekannt ist. Während der Werkschutz in Minimalstärke gehalten ist und sich auf Ausweiskontrollen an den Toren und Personalienfeststellungen beschränkt, übernehmen Private die Überwachung des Zauns, des Geländes, der Wege, überhaupt der verdächtigen Bewegungen. Und jede Bewegung ist verdächtig. Die einzige Zufahrt zum AKW steht unter Bullenkontrolle. Regelmäßig wird an den Notstand gewöhnt, wenn Bullen diese Straße dichtmachen, nach unbekannten Kriterien Fahrzeuge zerlegen und deren Insassen durchsuchen. Diskussionen über Schleppnetzfahndungen sind hier schon ein alter Hut: wer in der Region lebt, muß mit Bullenüberfällen rechnen.

Hinter diesen Erscheinungen steht eine Zusammenarbeit ziviler und militärischer, privater und öffentlicher Einrichtungen, deren institutioneller Kern bereits in den Notstandsgesetzen und später, unter dem Vorwand der nuklearen Katastrophe, in den Katastrophenschutzplänen für die Region festgelegt ist. Und wie sie jederzeit zum Beispiel gegen Streikende oder einfach nur malochende Bauarbeiter zum Einsatz kommen kann. Wie reibungslos zum Beispiel die Zusammenarbeit zwischen Werkschutz und Polizei flutscht, läßt sich erahnen, wenn man das Antragsformular für einen Baustellenausweis näher betrachtet. Während die Vorderseite neben den Personalien des Malochers Formalien wie Art der Tätigkeit, Name des Subunternehmers usw. abhandelt, ist auf der Rückseite Platz für die Sicherheitsüberprüfungen diverser Polizei- und Geheimdienststellen (wie bka, mad, vs usw.) gelassen.

Mit dem Bau eines AKW erfährt die Region, insbesondere der Mittelstand, einen ungeheuren Geldregen.

Das fängt schon in der Planungsphase an: Um die nötige Akzeptanz zu schaffen, macht das Energieunternehmen mal eben ein neues Schwimmbad raus. Mit Baubeginn schwimmt die Kommune (zum Bad kommt das Gemeindehaus, die Schule, das Wasserwerk), schwimmen die Vereine im Geld (wenn der Altrhein dem Zubringer weichen muß, bekommt der Anglerverein eben einen neuen See), boomt das örtliche Handwerk: obwohl sich die AKW-Zulieferindustrie multinational rekrutiert, gibt's kaum einen lokalen Unternehmer, der nicht seinen Auftrag auf der Baustelle sichert: Sei's die Malerfirma, die im Auftrag von peiniger die Treppengeländer streicht, sei's der Ölhändler, der mit dem Kleinlaster die Heizungstanks auf der Baustelle füllt, sei's der Bauer, der mit dem Traktor die alten Verschalungen abtransportiert. Dazu kommt der Schul-, Schwimmbad- und Straßenbau, der endgültig den Boom der örtlichen Bau- und Handwerksbranche heraufbeschwört (und mit dem Ende der Bauphase auch die Mittelstandskatastrophe: mit Bauende sind in Philippsburg neben Handwerksbetrieben vor allem die Baustoffhersteller in Konkurs gegangen; halten konnten sich nur die, die rechtzeitig in neue Produktionstechniken investiert und auf Drei-Schicht-Betrieb umgestellt haben).

Auch wer nicht unmittelbar vom Bauboom berührt wird, hat in zehnjähriger Bauzeit genug Gelegenheit, seinen Anteil am staatlich finanzierten Kuchen einzuheimsen. Die Heere angereister Malocher lassen die Mieten, die Lebensmittel- und Kneipenpreise auf das Niveau von Großstädten wie Stuttgart klettern. Wer bei Baubeginn die Zeichen der Zeit erfaßt und ein Häusle baut, hat es bis zur Inbetriebnahme des AKWs allein aus den Mieten der Wanderarbeiter finanziert. Daß die Zerstörung der dörflichen Struktur wie der Landschaft im Zuge der Industrialisierung so reibungslos über die Bühne geht, daß sich z.B. im Raum Philippsburg so gut wie kein Widerstand gegen den AKW-Bau regte, läßt sich überhaupt nur so erklären, daß in der Bauphase einfach jeder profitiert: hier gehört der Arbeitsverweigerer-Freak, der Bademeister im neuen Schwimmbad wird, genauso hin, wie das Gemeinderatsmitglied, für das ne zusätzliche Planstelle im Wasserwerk eingerichtet wird, wie der Jungmalocher, der auf der Baustelle in 50-Stunden-Wochen - für ihn - dicke Knete macht, nebenbei abzockt, was geht, und nach genau ausgerechneten Monaten Arbeitslosengeld zieht.

Der Bau eines AKW beschäftigt über einen Zeitraum von rund zehn Jahren ständig mehrere tausend Menschen. Nur wenige davon sind das, was man sich gemeinhin unter einem typischen AKW-Arbeiter vorstellt: hochbezahlte Spezialisten bei renommierten Anlagenbaukonzernen wie SIEMENS, MANNESMANN, GUTE-HOFFNUNGS-HÜTTE; Facharbeiter, die weltweit in Sachen Großanlagen im Einsatz sind, von »ihrem« Produkt überzeugt, hundertprozentig loyal und gewohnt, ihre jeweiligen Parias zu kommandieren. Die Mehrheit aber machen eben jene Parias des Arbeitsmarkts aus: Malocher aus ganz Europa, die die eigentlichen Arbeiten verrichten: angefangen beim Stahlmattenflechten, über den Gerüstbau und die Schweißarbeiten bis zum Kabelverlegen und den Reinigungsarbeiten. Würden diese Malocher in der Region rekrutiert, die Arbeitslosigkeit wäre sofort gleich null, es würde sich umgehend ein Lohndruck bemerkbar machen. Deshalb setzt mit dem Bau eine gigantische Mobilisierung der Arbeitskraft über Länder und Kontinente hinweg ein, hat die Mehrheit dieser »Parias« eines gemeinsam: sie sind über Sklavenhändler da, wobei legale Verleiher noch zu den »Lichtblicken« zählen - nicht selten verschwindet der Sklavenhändler, dessen Büro aus dem Kofferraum seines BMW besteht, kurz vor Zahltag auf Nimmer-Wiedersehen. Auch der Pariser Kollege, der von seinem Sklavi an den Schweizer Verleiher und von diesem zu DIS nach Philippsburg vermietet wurde, ist keine Ausnahme. Dazu kommen die englischem Kollegen, die Jugos, Türken, Spanier, »Spätaussiedler« und und und.

Dennoch geht der AKW-Bau am regionalen Arbeitsmarkt alles andere als spurlos vorbei: kaum einer, der nicht schon mal im AKW geschafft hat. Unter Kumpels werden die Tips weitergereicht, wer wo einstellt, wer besser zahlt und so weiter. Und der Chef des dortigen Arbeitsamtsbezirks beschreibt seine Aufgabe ganz offen, mit Hilfe der AKWs die Arbeitslosen in der Region auf Trab zu halten. Stütze abziehen wird da ganz schön schwierig. Wer beim Arbeitsamt als arbeitsscheu gilt, wird kurzerhand als »schwer vermittelbar« deklariert und dem nächsten Sklavenhändler vermittelt, wofür der noch die Lohnkosten vom Arbeitsamt erstattet bekommt. Dennoch wird peinlich darauf geachtet, daß die regionalen Arbeitslosenziffern nicht allzu sehr sinken. Die Masseneinstellung, über die wir ins AKW kamen - es wurden rund achtzig Leute auf einmal eingestellt -, wurde in einer koordinierten Aktion von fünf Arbeitsämtern im Achtzig-Kilometer-Radius inszeniert, zur Einstellung wurden dem Sklavenhändler kurzerhand die Räume des Arbeitsamtes zur Verfügung gestellt.

Smoker, Sabotage, Betriebsrat

Eingestellt hatte uns die Firma DIS und von der wurden wir zusammen mit 250 Kollegen an die Firma SIEMENS zum Kabelziehen »verliehen«. Ich hatte vorher hauptsächlich in Metallfabriken gejobbt, es war meine erste Baustelle, ich beschreibe das Folgende also vor diesem Erfahrungshintergrund.

Zu der Zeit arbeiteten etwa 4000 Malocher auf dem Gelände, die täglich und wöchentlich wechselten. 80 bis 90% davon waren über Sklavenhändler zu sehr unterschiedlichen Bedingungen angestellt: die Reinigungsarbeiter hatten maximal 10 Mark brutto, waren fast nur Türken und wurden behandelt wie der letzte Dreck. Das stieg dann über Installations- und Malerarbeiter mit vielleicht 15 Mark brutto bis hin zu irgendwelchen Spezialschweißern, die angeblich um die zehntausend Mark »im Monat raus« hatten. Wir »DIS-Malocher« waren mit 11 Mark brutto und als »Montagehelfer« die zweitunterste Stufe.

Mit 4000 Malochern war die KKP-Baustelle natürlich jenseits von Größenordnungen, in denen die Malocher mit ihrem normalen Bauarbeiter-Verhalten klarkommen. Viele der deprimierenden Eindrücke der ersten Tage erklären sich wohl daraus. Du warst erstmal ganz auf dich allein gestellt, dein Kapo zeigt dir die Arbeit und du kannst sehen, wie du damit zurechtkommst. Kein Kollege zeigt dir Trickse, das normale Arbeitstempo, Möglichkeiten sich zu verdrücken. Wenn du Glück hast, sagt dir mal einer, wann die offiziellen Pausen sind. Ich hab am ersten Tag einen einzigen Malocher getroffen, der deutlich machte, daß er nicht so schnell wie möglich, sondern so schnell wie erträglich arbeitet!

Die meisten auf der Baustelle hatten eine Ausbildung und von daher so eine »Handwerker-Mentalität« aufrechterhalten. Damit mein ich sowohl ihr Verhältnis zur Arbeit als auch das Verhalten zueinander. Die Arbeit war dreckig, wir steckten den ganzen Tag in engen, feuchten Räumen ohne Tageslicht, kletterten auf hohen Trassen herum, was ganz schön oft gefährlich bis hin zu lebensgefährlich war ... aber es war nicht die allgegenwärtige, zusammenhängende und dich jede Sekunde erdrückende Linie wie am Fließband oder im Akkord. So gehört auch auf der Baustelle der Spruch von der »Scheiß-Maloche« zum guten Ton, aber die Leute haben eher ein »intimes«, persönliches Verhältnis dazu, wie sie »ihre« Arbeit machen, sie verschanzen sich viel stärker dahinter. Das wird gefördert durch eine Art Status quo von (geduldeten) Möglichkeiten, sich mal einzeln in eine Pause abzuseilen, wenn dann aber Arbeit da ist, auch total hinzuklotzen. Von der Einzel-Pause über das Verhältnis zu »seiner« Arbeit und »seinem« Werkzeug bis zur (notwendigen!) Vorsicht den »Kollegen« gegenüber, was Geld, Abseil-Möglichkeiten, Wissen um lockere Jobs usw. angeht, trafen wir auf der Baustelle auf einen Individualismus, wie er in der Fabrik höchstens als pathologisch angesehen würde. Das ging bis hin zu einer Schlägerei um den »richtigen« Sitzplatz beim Vespern. Sehr viele haben die großen Bewegungsmöglichkeiten, die es auf einer solchen Großbaustelle gibt, zu einer hektischen Suche nach individuellen Auswegen benutzt. Da gab's welche, die wochenlang nach ihrem Zehnstundentag noch bei einer anderen Firma ohne Lohn malochten, weil sie sich dadurch zu »qualifizieren« hofften und ihnen eine Einstellung versprochen worden war; andere, die mit der Möglichkeit spekulierten, selber Sub-Unternehmer zu werden, während ihr Kollege vielleicht deshalb im Kabelzug malochte, weil er vor ein paar Wochen als Sub-Unternehmer gescheitert und nun völlig pleite war. Bezeichnend ist aber, daß über solche Erfahrungen in der Arbeit wenig kollektive Auseinandersetzung lief, jeder für sich selber checkte.

Die Kolonnen

Wir waren in »Kabelzug-Kolonnen« eingeteilt. Es gab Kolonnen von fünf, sechs bis zu solchen von 15-20 Malochern. Pro Kolonne gab es je nach Größe einen oder zwei »SIEMENS-Kapos« und pro sechs DIS-Malochern je einen »DIS-Kapo«, der 50 Pfg. mehr verdiente und die rechte Hand des SIEMENS-Kapos war. An solchen einfachen Sachen wie der Arbeitsorganisation in Kolonnen merkst du dann, daß selbst eine so große Baustelle alles andere als ein »Ameisenhaufen« ist, daß du's mit jahrhundertelangen (wenn man an den Pyramidenbau denkt, mit jahrtausendelangen) Erfahrungen der Ausbeuter zu tun hast, aus denen sie ihre Schlüsse gezogen haben. Eine solche Kolonne ist ein äußerst effektives Mittel, um die Kooperation der Malocher auszunutzen und sie zu kontrollieren. Marx zitiert im Kapitel über die Kooperation einen Pächter, der das schon vor über hundert Jahren »wissenschaftlich« erforscht hat: »Ohne Frage besteht ein beträchtlicher Unterschied zwischen dem Wert der Arbeit eines Mannes und der Arbeit eines andren durch unterschiedliche Kraft, Geschicklichkeit und redlichen Fleiß. Aber ich bin auf Grund meiner sorgfältigen Beobachtung völlig sicher, daß beliebige fünf Mann in ihrer Gesamtheit eine gleiche Menge Arbeit liefern wie fünf andere, die in den erwähnten Lebensperioden stehen. Das heißt, daß sich unter diesen fünf Mann einer befindet, der alle Eigenschaften eines guten Arbeiters hat, einer ein schlechter Arbeiter ist, während die anderen drei mittelmäßig sind und sich dem ersten und letzten annähern. So wird man also schon in einer so kleinen Gruppe von selbst fünf Mann die Gesamtheit all dessen finden, was fünf Mann leisten.« (Burke, zit. in MEW 23, S.342)

In diesem Sinne war ich in eine typische Kolonne gekommen: ein junger, karrieregeiler Türke auf dem Weg zum »DIS-Kapo«; ein jugoslawischer Arbeitergenosse, der sich in der Großfabrik Arbeiterverhalten angeeignet hatte, auf led zeppelin stand und Schlagzeug spielte - der als einziger in der Kolonne offensiv ein gemäßigtes Arbeitstempo vertrat -; ein kurz zuvor eingewanderter »Volksdeutscher« aus Rumänien, der total arbeitsgeil und untertänig war; ein junger Familienvater, der mit dem miesen Lohn seine Familie nur mit Ach und Krach durchbringen konnte; ein türkischer Politologie-Student; sowie Vater & Sohn Schwarzunternehmer-Schrottler vom Bau, die auch im AKW völlig »auf eigene Rechnung« arbeiteten - dazu ein völlig durchgeknallter SIEMENS-Kapo, der ständig noch schneller arbeiten lassen wollte. Diese Situation eskalierte sehr schnell und endete leider damit, daß der Jugo selber kündigte, ich in eine andere Kolonne versetzt wurde, und der Türke tatsächlich Kapo wurde.

Eine andere Kolonne, die wir am Anfang mitgekriegt haben, war dagegen sehr cool: der SIEMENS-Kapo hatte absolut keinen Bock, jemand anzutreiben, auch weil er auf diese Art hoffte, bald versetzt zu werden. Diese Kolonne hat dann sehr wenig, aber wenn, dann erstklassig gearbeitet. Letzten Endes führte aber die gute Atmosphäre zu einigen recht vernünftigen Diskussionen und dazu, daß diese Kolonne auch späterhin nicht einsehen wollte, was zu arbeiten - dieses Problem wurde erst durch das völlige Auseinandernehmen der Kolonne gelöst.

Einen weiteren Vorteil der Kolonnen-Organisation nutzte SIEMENS dadurch aus, daß ihre Kapos freie Hand bei der Umsetzung hatten. Du konntest also zwei-, dreimal das allgemeine Arbeitstempo senken, aber dann war's auch der letzten trüben Tasse klar, wo der »Störfaktor in der Kolonne sitzt«, und du wurdest in eine andere Kolonne versetzt. Die SIEMENS-Kapos haben sich aus solchen hartnäckigen Fällen dann »Strafkolonnen« zusammengestellt, die nur »Spezialaufträge« gekriegt haben. Auf Deutsch hieß das, dort waren die Hardcore-Alkis und Störenfriede versammelt, der SIEMENS-Kapo war in der Regel selber Säufer. Diese Kolonnen haben buchstäblich nur gesoffen und gepennt, waren ganz locker als Ausfälle einkalkuliert - und als Abschiebebahnhöfe für Leute, die sich gewehrt hatten.

Der zunächst deprimierende Eindruck für uns war also, daß Arbeitstempo, Qualität der Arbeit und Umgehen der Kolonnen untereinander sehr viel stärker von den SIEMENS-Kapos als von den Malochern bestimmt wurde. Das Verhalten dieser SIEMENS-Kapos wurde dabei sehr stark von ihrem Kern her bestimmt: den erfahrenen Montage-Facharbeitern, die im KKP den gleichen Befehlston an den Tag legten, wie auf ihren letzten Einsätzen im Großanlagenbau (Flughafen Moskau, Staudamm Brasilien, AKW Australien usw.), das ging von Sprüchen wie »hättest du in der Schule aufgepaßt, dann müßtest du jetzt nicht Kabel ziehen« bis zu lupenreinem Herrendenken und rassistischen Sprüchen gegen ausländische »Untergebene«. Die waren wohl auch hauptsächlich für den ekelhaften Rassismus verantwortlich, ich hab noch nirgends gearbeitet, wo so ein Rassismus herrschte. Diese Typen schwimmen in einer Fettschicht »deutscher Facharbeiter«, die sich in der Kantine in Philippsburg mal eben für den Einsatz demnächst im Iran verabreden, Grüße nach Lateinamerika ausrichten lassen usw. Für sie ist die Welt unverrückbar in zwei Hälften geteilt: den SIEMENS-Overlooker und den arbeitsscheuen, dummen, faulen Rest, den sie antreiben müssen. Ihre Loyalität zu SIEMENS ist ihrem Beamtenstatus und der Möglichkeit geschuldet, bei diversen Auslandseinsätzen durch Schmuggel usw. das große Geld zu machen. Uns gegenüber haben diese Typen gerade deswegen so gut funktioniert, weil sie untereinander nicht die Bohne solidarische Strukturen hingekriegt haben, um sich gegen ihre eigenen Vorgesetzten zu wehren.

Am ehesten hat sich dann noch an den von den Kapos durchgesetzten Arbeitsbedingungen was entzündet: wenn der SIEMENS-Kapo beispielsweise lieber zehn DIS-Malocher schwitzen läßt, anstatt einen Motor anzuwerfen (die einen stehen ja eh rum, das andere kostet Strom), oder wenn totale Maloche draus wird, weil die richtigen Geräte nicht geholt werden (geht bloß Zeit verloren). Der Vergleich der eigenen Situation mit dem »Pyramidenbau« oder mit »Galeerensträflingen« war schon sehr häufig. Hier kam es am ehesten zu gemeinsamer Arbeitszurückhaltung, gingen möglicherweise die entscheidenden Werkzeuge kaputt, wurden Zusatzpausen gefordert und durchgesetzt.

Die »Handwerker-Mentalität« wurde auch dadurch angeknackst, daß die Kabelzieh-Arbeiten beim KKP2 zum ersten Mal vollständig standardisiert und vorgeplant waren. Die Verlegearbeiten waren durch Computer-Kabelziehkarten nach Kabelsorte, -länge und -qualität genau vorgeschrieben und durch Tausende von Kontrollpunkten überwacht, es gab sogar Ansätze zur Zeitvorgabe. Dies ist ein wichtiger Schritt hin zur Verwertung »beliebiger Arbeitskraft«, das heißt so ein AKW soll genauso gut mit Indios in Lateinamerika oder mit ghanesischen Wanderarbeitern in Nigeria hochgezogen werden können. Und das hieß für die »frisch Ausgelernten«, daß sie ihr ganzes angelerntes Wissen nirgends anbringen konnten.

Insgesamt hat es schon gut geklappt, die ganzen Malocher durch die Aufteilung auf lauter verschiedene Sklavenhändler zu spalten, und durch die Aufteilung in Kolonnen dieses Gemisch aus jungen Arbeitsverweigerern, die ihre Lehre abgebrochen hatten, anderen, die nach ihrer Lehre noch zum Bund mußten, älteren, aussortierten Malochern, Alks, Rockern usw. zu verwerten. Es gab sehr wenig Ansätze von Homogenisierung; Leute, die wochenlang jeden Tag Stunden früher vom Gelände geschlichen sind (natürlich ohne sich abzumelden, so daß die Zeit bezahlt war), haben mit anderen zusammengearbeitet, die nach dem Motto »hart arbeiten und dann viel Pause« stundenlang malochten und dann mal für zehn Minuten sich zu einem Bierchen abseilten; Leute, die schon vor dem Frühstück ihren ersten Joint reinzogen, haben neben buchstäblich halbtoten Alkis gearbeitet; einige haben sich total viel Arbeit reindrücken lassen und wurden dann von anderen Kollegen bei Feierabend angemacht: »Ich hab heut' insgesamt zwanzig Minuten gearbeitet, ansonsten gepennt, Werkzeug »gesucht«, in der Kantine gehockt - und du?«. Am ehesten waren noch die (wenigen) Malocher, die vorher in Fabriken gearbeitet hatten, so was wie Kristallisationspunkte: die hatten ihre eignen Vorstellungen davon, was man sich gefallen läßt und was nicht, daß man sich gemeinsam wehren muß, wenn man was erreichen will - und vor allem: sie hatten ein Gespür dafür, wann und wie man so eine Gemeinsamkeit herstellen kann, im richtigen Moment die richtigen Sprüche drauf: »Für 11 Mark schafft man nicht, da tut man nicht mal so!«, »eine halbe Stunde vor Arbeitsende fängt man keine neue Arbeit mehr an«, »wenn einer aufhört, hört auch der zweite auf, und wenn zwei aufhören, haben alle aufzuhören«. Die waren auch die einzigen, die versuchten, bestimmte Diskussionen und Auseinandersetzungen innerhalb der Kolonnen für den SIEMENS-Kapo undurchschaubar zu machen, die auch gegen Denunziationen vorgingen. Ein solches Verhalten, das man mal grob bezeichnen könnte als »den Massenarbeiterstandpunkt einnehmen«, hat sich noch am ehesten als homogenisierende Bewegungsmöglichkeit für uns selber herausgeschält: für 11 Mark schaffen wir uns nicht zu Tode, nach ner harten Maloche muß auch ne gemeinsame Pause drin sein usw. - das waren Sachen, die man offen gegen die Kapos vertreten und oft auch durchsetzen konnte; denn daran konntest du im Fall des Falles (Gegenrede vom Kapo) auch eskalieren und so den Widerspruch ausnutzen, daß diese Sachen zwar jeder europaweit im Kopf hat, daß sie aber für Sklavenmalocher nicht mehr gelten sollen. Durch solche kleinen Erfolge gegenüber den Kapos konnten wir dann ansatzweise auch mal Abseilen gemeinsam organisieren, kleinere Sabotage-Aktionen abquatschen wie z.B. die Beleuchtung in einem Raum gezielt immer wieder zu zerschlagen und so die Arbeiten dadrin stundenlang zu verzögern (als Widerstand gegen Arbeitshetze).

Die Scenes

Als nächstes haben wir dann auch von Arbeiterseite her den »Ameisenhaufen« besser durchschaut. Die meisten auf der Baustelle haben sich nämlich weniger an ihrer Kolonne orientiert und in ihr bewegt als vielmehr an ihrer Scene (so haben wir das genannt). Das konnte die Pokerer-Scene sein, die in jeder Pause an einem bestimmten Tisch Tageslöhne verspielte, das konnte die Kiffer-Scene sein, die das ganze (buchstäblich: jeden Raum!) AKW mit »Legalize it« und »Freies Cannabis«-Sprüchen bemalt hatte, das konnte eine der Ausländer-Scenes sein, das konnten Gruppierungen mit »landsmannschaftlichem« Gepräge sein (Leute aus demselben Dorf, Pfälzer usw.).

Solche Scenes gingen nicht nur über die Isolation in den Kolonnen hinaus, sondern auch über die Begrenzungen auf die (Sklavenhändler-)Firmen. Über solche Strukturen kriegte man mit, wo ein Arbeitsplatz frei wurde, der besser bezahlt war, von wem man was lernen konnte in Richtung »Qualifizierung«, hier wurden Erfahrungen ausgetauscht, Schmuggelzigaretten, Dope, Waschmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs. Solche Infos gingen zum Teil auch bis in Firmen-Interna, weil die »Schreibkraft« im DIS-Büro natürlich auch aus irgendeinem Dorf der Umgebung kam. Über diese Scenes haben wir gelernt, uns auf der ganzen Baustelle zu bewegen, konnten wir systematisch Infos sammeln, Diskussionen führen, Flugblätter, Vorschläge u.a. rumgehen lassen. Wir waren schnell besser informiert als unsere SIEMENS-Kapos über den momentanen Stand der Arbeiten, Krankenstand, Neu-Einstellungen usw. Und das war dann wieder wichtig, damit unsere Vorschläge Hand und Fuß bekamen.

Dadurch, daß wir uns bewußt in diesen Scenes bewegten, haben wir hinter der Oberfläche vom Bauarbeiter, der »seine« Arbeit macht und basta, erst das wirkliche Arbeitsverhalten gecheckt, haben wir gemerkt, daß wir nicht die einzigen Arbeitsverweigerer und Saboteure auf der Baustelle waren. Erst jetzt kriegten wir einen Eindruck davon, warum sich die AKWs beim Bau immer wieder so verzögern. Da wurden die Kabel ausgerechnet an den Kontrollpunkten falsch durchgelegt (die Tagesleistung einer Kolonne damit zunichte gemacht), da wurden ganze Bücher mit Kabelziehkarten geklaut (was bedeutet, daß 20 oder 30 Kabel so lange nicht gelegt werden können, bis jemand, der sie anschließen will, ihr Fehlen bemerkt - also wochen- oder monatelange Verzögerungen), da hatte man seine Treffpunkte zum Kiffen und Infos austauschen, wurde gemeinsam Werkzeug geklaut, wurden ganze Trassen bereits gelegter Kabel zerschnitten (zwei, drei Wochen Arbeit einer Kolonne und Kabel im Wert von Zigtausenden futsch) usw. usw. Das hat uns dann insgesamt doch sehr angeturnt. Wir haben den Eindruck gekriegt, daß der Kampf gegen die AKWs auch von den Baustellen her möglich ist - bzw. auf einer bestimmten Ebene schon läuft - und dort seine kampfstärksten Punkte haben könnte.

Entlang dieser Linien haben wir dann versucht, Initiativen zu starten, Diskussionen zu vertiefen. Das stieß aber auf zwei Ebenen an Grenzen. Erstens sind solches Scenes immer interklassistisch zusammengesetzt: in der Kiffer-Scene hängen auch Kapos drin, in der Pokerer-Scene zum Teil noch höhere Chargen. Um ein Funkgerät zu klauen, kannst du womöglich deinen Kapo einweihen oder vielleicht geht die Initiative dazu sogar von ihm aus; wenn du mehr Lohn willst, wird's schon schwieriger, aber eventuell kann er auch da »für dich« was machen - du kannst aber sicherlich nicht mit deinem Kapo über eine Form von gemeinsamer Arbeitszurückhaltung oder gar Streik diskutieren, die ihn seinen Job kosten würde.

Das hängt eben mit der Funktion solcher Scenes zusammen: sie funktionieren fürs Überleben, sie sind keine Kampfstrukturen. Die politische Neuzusammensetzung der Klasse geschieht sicherlich nicht durch die Addition solcher Scenes oder wie auch immer gearteter Communities, sondern quer dazu. Das liegt zum zweiten daran, daß sich solche Scenes gar nicht addieren lassen. Im Gegenteil herrschte ein tiefes Mißtrauen gegeneinander vor: die Kiffer hielten die anderen für »biedere Familienväter und Spießbürger«, hatten möglicherweise sogar Sprüche gegen die Türken drauf; die Pokerer hielten wiederum die Kiffer für »grüne Jungs«, denen man nicht trauen kann; die »Familienväter« gingen auf Distanz zu den Arbeitsverweigerern und »Tunichtguten«, denen »alles scheißegal« war usw. Die Abgrenzung zwischen den Scenes war dichter als die gegenüber den Kapos.

Die Arbeiterklasse setzt sich nur im Kampf neu zusammen

Dieser scharfe Widerspruch zwischen hohem Krankenstand (so etwa 20%, und das wollte 1983 schon etwas heißen!), hoher Konfliktualität, alltäglichen Konflikten einerseits und sehr wenigen Ansätzen zu gemeinsamem Handeln andererseits wurde so wie immer gelöst: Die Widerspenstigen wurden gekündigt oder kündigten selber. Auch daran wurde nochmal die Funktion der Scenes deutlich: Trotz offiziell »leergefegtem Arbeitsmarkt« hatten die meisten noch innerhalb der Kündigungsfrist ihren nächsten Job gecheckt - aber keine der Scenes wäre fähig gewesen, Widerstand gegen eine Kündigung zu organisieren. Wenn du aber innerhalb eines Betriebes Widerstand gegen die Arbeit organisieren willst, dann kannst du diesem Problem nicht ausweichen: Es sind immer die Kämpferischsten, die als erstes weggehen. Und sie werden nur bleiben, wenn sich durch gemeinsame Kämpfe die Bedingungen so weit verbessern lassen, »daß es sich lohnt zu bleiben«.

Als Möglichkeiten von Kampfinitiativen haben wir im KKP drei Sachen ausprobiert (wir haben das damals nicht so gegliedert, ich schematisier das jetzt, um es darstellen zu können): a) Aktionen für 40 x 15; b) Handzettel, Flugis und Aushänge im Frühstückscontainer; c) Diskussion um Betriebsratsgründung.

a) 40 x 15 (Reduzierung der Wochenarbeitszeit auf 40 Stunden, Lohnerhöhung auf 15 Mark). Ein Schlüsselerlebnis war für uns die Auszahlung des Februarlohns gewesen. Lohnauszahlung hieß: in einem Zeitraum von zehn bis fünfzehn Minuten drängen sich 200 Malocher um den DIS-Büro-Container und holen ihren Verrechnungsscheck ab. Als Mitte März der Februarlohn ausbezahlt wurde (1200 bis 1300 Mark, man konnte jede Woche 300 Mark Abschlag holen, das heißt, die meisten hatten das Geld schon verbraucht), war die Wut der Malocher kurz vor dem Knall. Die Leute hatten einen Monat lang jede Woche 46 Stunden malocht und hielten nun die paar Kröten in der Hand! Hier hat nur der Zündfunke gefehlt, die mobilisierende Parole, das entschlossene Vorgehen einer Handvoll Malocher ... Wir waren damals noch relativ frisch auf der Baustelle, kannten fast noch niemand, waren überrascht von der »plötzlichen« Wut. Ich denk auch, daß uns darin halt auch noch die Übung fehlt, solche Situationen dann spontan und siegreich zu eskalieren. Wir haben uns dann jedenfalls vorgenommen, auf solche Situationen in Zukunft vorbereitet zu sein, oder sie selber vorzubereiten. In der nächsten Zeit sind wir übers Gelände gepest und haben alle guten Kumpels in Gespräche über den Lohn verwickelt oder solche Gespräche aufgegriffen. Dabei wollten wir immer drauf raus, daß wir mehr verdienen wollen und nicht so verdammt lang arbeiten. Um die üblichen defätistischen Sprüche »macht ja eh keiner mit« oder »ich mach nur mit, wenn alle mitmachen« oder »ein Streik hilft nix, da müßte man mit dem MG reinhalten«, also all die Sprüche, die immer nur begründen sollen, daß man sich am besten gar nicht wehrt, zu durchbrechen, haben wir immer gefragt: »Gesetzt den Fall, 40 bis 50 Leute machen mit und wir gehen zusammen ins Büro, machst du dann auch mit?« Auf diese Art kamen nach und nach ein Kern von zehn bis zwölf Leuten zusammen, die bei einer solchen Aktion mitmachen wollten. Das ganze haben wir dann noch durch Aufkleber »40 x 15«, »Mehr Lohn - weniger Arbeit« usw. unterstützt, die wir im AKW und in den DIS-Containern geklebt haben. Aber obwohl die meisten der zehn, zwölf Leute dabei eifrig mitmachten, konnten wir die Diskussionen und Aktionsbereitschaft in diese Richtung nicht mehr groß erweitern. Uns blieb also nur, auf eine Situation ähnlich der Februarlohn-Auszahlung zu warten - die hat sich aber nicht mehr eingestellt (durch »Abgänge«, hohen Krankenstand ... oder waren wir zu zögerlich?).

b) Über die dadurch entstandenen Strukturen haben wir dann auch Flugblätter usw. verteilt. Dabei haben wir uns aber zu lange mit dem Problem aufgehalten, wie wir trotz Werkschutz- und Bullenkontrollen ein Flugblatt in großer Auflage im AKW verteilen könnten. Von unserem ersten »Flugblatt« haben wir dann nur 12-15 Stück verteilt!! - und zwar direkt an die Leute, die wir aus den Gesprächen schon kannten als diejenigen, die sich wehren wollten. Und das war eigentlich auch die bessere Idee, die wir dann noch ein paarmal aufgegriffen haben. Wir haben Handzettel gemacht und sie weitergegeben. Das hat sehr viel dabei geholfen, Strukturen aufzubauen, indem wir Diskussionen zusammenfaßten und verallgemeinerten. Der »Diskussionskreis« der »Aktionsbereiten« stabilisierte sich durch die Handzettel: ab da waren wir so was wie eine verschworene Gemeinschaft - und im weiteren Verlauf hat sich gezeigt, daß der Sklavenhändler trotz aller Repressionen diese Verankerung nicht mehr durchbrechen konnte.

Durch diese Diskussionen und Handzettel haben sich dann bestimmte Verhaltensweisen verstärkt und ausgeweitet. Die »Familienväter« sind von sich aus auf uns zugegangen. Sie haben angefangen, offensiv bestimmte Sachen zu fordern, wie sie von Gesetzen, Tarifverträgen und ähnlichen für Sklavenarbeiter nutzlosen Sachen vorgeschrieben sind. Sie haben dabei sehr schnell gemerkt, was für ein schmutziges Schwein der Sklavenhändler hinter seinen gepflegten Umgangsformen war und haben angefangen, nur noch zu mehreren mit ihm zu verhandeln - was natürlich den »kleinen Nebeneffekt« hatte, daß sich ihre Forderungen stark popularisiert haben. Im Lauf der Auseinandersetzung sind die dann ziemlich aus sich rausgegangen, haben zum Beispiel im Vesperraum aus einer gewissen Broschüre Wege zu Wissen und Wohlstand vorgelesen, haben offensiv Diskussionen über unsere Aushänge und Handzettel provoziert, sich ihrem Kapo gegenüber darauf berufen usw. Kurz: das waren nicht mehr die »spießigen Familienväter« mit ihrer anfänglich zur Schau gestellten Super-Arbeitsmoral, sondern die haben sich in die Karten gucken lassen: ihre Arbeitsmoral hatten sie vorgezeigt, um dahinter eine eigene Kolonne aufbauen zu können mit gemeinsam abgesprochenen Pausen und ähnlichen Annehmlichkeiten. Das als Beispiel, wie Scenes aufbrechen und sich Strukturen entlang von Kampfverhalten neu zusammensetzen.

Ein ganz wichtiger Punkt bei dieser Neuzusammensetzung war der Vespercontainer - auch das ein Durchblick, für den wir leider Wochen gebraucht haben. Dabei wäre es ganz nahe gelegen: das wesentliche Herrschaftsinstrument war die Arbeitsorganisation in Kolonnen. Die Pausenräume waren potentiell die einzige Möglichkeit zu so was wie »betrieblichen Strukturen«, und der Sklavenhändler hatte das sehr genau gecheckt: es gab einen Extra-Container für die Studies, er hatte einen genauen Überblick darüber, wer mit wem frühstückt, und ist immer wieder in diese Sphäre vorgestoßen, um sie zu besetzen und für sich zu benutzen (Bürogeschäfte abzuwickeln, Aushänge zu machen). Uns hat das total gestunken, daß die regelmäßig in die wenigen und unbezahlten Pausen reingestiefelt kamen und was von uns wollten. Und als mal wieder der Sklavenhändler während des Frühstücks in den Container gekommen war und den üblichen großkotzigen Aushang hingeklatscht hatte: »ACHTUNG!! WICHTIG!! Aus gegebenem Anlaß teilen wir mit ... blablabla«, haben wir uns spontan hingesetzt und selber einen Aushang gemacht: »ACHTUNG! Aus gegebenem Anlaß weisen wir daraufhin: 1.) Pausen sind zum Ausruhen da, DIS soll seine Bürogeschäfte in der Arbeitszeit abwickeln; 2.) die wollen die Arbeitszeit noch weiter verlängern; 3.) DIS soll mehr Leute einstellen, es gibt Millionen Arbeitslose und wir malochen wie die Verrückten!« [siehe Anhang]. Das Ding gab sofort einen Auflauf, alle haben es gelesen, einer der »Familienväter« hat es aus dem Container rausgenommen und draußen gut sichtbar für alle Malocher aufgehängt. Das gab nach der Pause einen Volksauflauf; bei den SIEMENS-Kapos gingen gleich so Sprüche rum: »Jetzt wird's ernst, die DISler fangen an zu streiken.« (Das natürlich vor dem Hintergrund, daß die SIEMENS-Kapos in ihren Kolonnen inzwischen mit anderen Verhaltensweisen konfrontiert waren: Antreibereien wurden offensiv zurückgewiesen, Rassismus als Spaltungsmittel zog nicht mehr). Wir hatten mit dem Aushang mitten ins Schwarze getroffen: die Container waren der einzige Ort zum Kennenlernen und Diskutieren innerhalb der DIS-»Belegschaft«, und die Pausen waren schon des öfteren zu Streitpunkten geworden (darf man Alkohol trinken, darf man »Karten spielen«, wir haben keinen Bock auf Bürogeschäfte in den Pausen).

c) Ab da war die Kacke am Dampfen: der Sklavenhändler versuchte, »die Störenfriede zu entfernen« und hat dabei fast seine Filiale aufgelöst: vom Höchststand von 250 Malochern kündigte er sich nach und nach auf einen Tiefstand von 80, um uns zu erwischen. Und selbst nachdem wir selber auf diese Art schon draußen waren, haben sich die Malocher mit einem weiteren Aushang einen arbeitsfreien Tag erkämpft. Der Aushang machte sich die Illegalität des Sklavenhändlers zunutze: der »Verleih« ist ja auf Baustellen verboten; deshalb arbeiteten wir offiziell in einem Werkvertrag-Verhältnis. Der Aushang interpretierte nun das Werkvertrag-Verhältnis, wie es legal sein muß: man darf den SIEMENS-Kapos nicht gehorchen, muß DIS-Werkzeug benutzen usw. Auf den Aushang hin haben die Leute also erstmal nicht mehr gearbeitet, Schlangen vor der SIEMENS-Werkzeug-Ausgabe gebildet, um ihr Werkzeug zurückzugeben usw.

Was die Reaktion des Sklavenhändlers betrifft, so hatten wir die Wucht unseres »Angriffs« völlig unterschätzt: ein Sklavenhändler kommt in dem Moment, in dem ihn seine Malocher öffentlich angreifen, in einen Zweifronten-Krieg, denn der »Entleiher« hat kein Interesse an »aufsässigen Sklaven«. Um SIEMENS zufriedenzustellen, mußte der also so stark um sich schlagen, daß ihm jede Menge Profit entgangen ist.

Die Malocher von DIS waren in dieser Phase auf der Suche nach Möglichkeiten, ihre Bedingungen zu verbessern und sich gegen die Repressalien zu schützen: nun gab es praktisch jeden Tag Zoff wegen falscher Lohnfortzahlung, weil die Leute mehr Urlaub wollten usw. Die Leute gingen nur noch zu mehreren in den DIS-Büro-Container zum Verhandeln, die »Familienväter« schleppten von irgendwoher Rechtsbücher an, in denen sie sich die zutreffenden Passagen unterstrichen hatten. Und wir versuchten, so schnell und so viel wie möglich Infos zu verbreiten, wie man durch die Beachtung von einigen Formalitäten zumindest die fristlose Kündigung vermeiden könnte; wir haben zwei Flugis gemacht, die sich um solche Probleme drehten, und die dann so massiv verteilt, daß sie dem Sklavenhändler in die Pfoten gefallen sind.

In dieser Situation (einige der Kämpferischsten waren schon draußen, andere hatten Abmahnungen gekriegt, die offensichtlich ihre Kündigung vorbereiten sollten) entstand unter uns eine Diskussion darüber, ob wir einen Betriebsrat gründen sollten. Diese Debatte enthielt einige vielversprechende Ansatzpunkte wie zum Beispiel, daß sich quer durch die Scenes Leute dafür interessierten und daran beteiligten, daß in ihr die meisten der vorangegangenen Erfahrungen nochmal gemeinsam thematisiert wurden, daß alle, die sich an ihr beteiligten, darin den Übergang von den individuellen Revolten zu einer gemeinsamen Struktur, die den Kampf mit dem Sklavenhändler und mit SIEMENS aufnimmt, sahen. Aber gleichzeitig hatten wir wenig reale Vorstellungen davon, was uns ein Betriebsrat bringen könnte, und die an der Intervention beteiligten Genossen hatten die Befürchtung, daß so was sehr schnell in reformistisches Fahrwasser abgleiten würde (es ist zum Beispiel total schwierig, einen Betriebsrat aufzubauen, ohne daß die Gewerkschaft die Pfoten drin hat). Heute würden wir sagen, daß wir damals zu sehr auf das »Endprodukt Betriebsrat« gestiert haben - wo ja keineswegs ausgemacht war, ob es so weit überhaupt kommen würde - und daß wir dabei die Diskussionen und gemeinsamen Erfahrungen unterschätzt haben, die es bedeutet hätte, so was in die Wege zu leiten (Agitation durch Flugblätter, Betriebsversammlung usw.). Die Diskussion scheiterte aber nicht nur daran, daß wir zu sehr zögerten, sondern auch deshalb, weil sie in eine Phase geriet, wo die Entlassungen dutzendweise erfolgten - und außerdem war inzwischen Sommer und viele hatten sich vorgenommen, bei gutem Wetter am Baggersee zu liegen und Arbeitslosenkohle zu ziehen.

Nachdem wir auch alle rausgeflogen waren, haben wir uns als letzte Möglichkeit, die wir sahen, auf Arbeitsgerichtsprozesse und Öffentlichkeit geschmissen. Das hat uns einen Haufen Zeit gekostet, die Prozesse haben wir in ihren »politischen« Teilen alle verloren, und der Artikel, der schließlich in der »metall« erschien, war dreimal zensiert worden: Da stand kein Satz mehr von uns drin. Das Arbeitsamt initiierte daraufhin noch eine Großrazzia auf der Baustelle, die sie zunächst als ihren »größten Schlag gegen die illegalen Arbeitskräfte-Verleiher« darstellten, letztlich aber unter den Teppich bügelten.

Thesen und Konsequenzen

Aus den Erfahrungen im KKP haben wir die meisten unserer seitherigen Konzepte und Vorschläge entwickelt: Analyse über die Funktion der Sklavenhändler und von daher den Vorschlag zu einer überregionalen Kampagne {siehe thekla 8}; Konzept von militanter untersuchung und territorialem arbeiternetz; die Idee eines handbuchs usw. Der Vorschlag einer überregionalen »Sklavenhändler-Kampagne« stieß aber Mitte 1983 total auf Granit, weil angeblich niemand in der Bewegung bis dahin mit diesen »seltenen Tieren« Bekanntschaft gemacht hatte! Dabei wäre es eine praktikable Möglichkeit gewesen, die ganzen Jobber- usw. Inis aus dem toten Winkel ihres linken Getto-Daseins rauszuholen und so ein Thema wie Prekarisierung und Überausbeutung wirklich »von unten« anzugreifen - und nicht von oben, wie Wallraff es jetzt vormacht.

Zweitens haben wir es damals mit unseren schwachen Gruppenstrukturen nicht hingekriegt, die Idee eines territorialen Arbeiternetzes in die Praxis umzusetzen (Philippsburg liegt immerhin 46 km von Karlsruhe weg). Wir hatten auch nicht den langen Atem, den so ein Projekt erfordert; von den Leuten, mit denen wir heute noch in Kontakt stehen, wissen wir, daß die meisten in den letzten drei Jahren die typische Prekären-Laufbahn durchgemacht haben (Fahrer, Fabrik, Klitsche, »arbeitslos«, Schwarzarbeit).


Zweiter Handzettel

Wir meinen nicht,

daß Bähr gerade viele Leute rausschmeißt, weil er einen Kraftwerkskoller hat und jetzt durchdreht. Im Gegenteil: das hat Gründe und ist geplant!

Wieder einmal hat Bähr merken müssen, daß er mit den Arbeitern nicht machen kann, was er will (wir haben bloß putz, krank, pausen, flugblätter gemacht und zu wenig gearbeitet).

Deshalb versucht er seit ein paar Wochen mal wieder, so viele rauszuschmeißen, daß nur noch eine Kernmannschaft von Supermalochern, Speichelleckern und Spitzeln übrigbleibt, die zu allem bereit sind.

Aber er weiß genau, daß er dazu mehr als die Hälfte von uns rausschmeißen muß - ein riskantes Unterfangen!!

Deshalb ist er bis jetzt in zwei Schritten vorgegangen:

zuerst      viele einzelne fristlose Kündigungen;

jetzt      nen ganzen Schwung fristgerechte.

Im ersten Schritt wollte er weniger Pausen, weniger Krankenscheine, mehr Arbeitsdisziplin durchdrücken.

Dazu hat Bähr seinen Spürhund Hitler losgeschickt; der ist uns dann bis aufs Klo und in die Kantine nachgeschnüffelt, unters Auto gekrochen, hat am (Kranken-)Bett gebellt und sogar beim Arzt Männle gemacht.

Als Ergebnis hat dann Bähr seiner Tipse Andrea nen Haufen fristloser Kündigungen diktiert.

Dadurch haben wir zwar viele gute Kumpels verloren, aber erstens haben wir endlich kapiert, was für ne aalglatte Ratte der Bähr ist und wozu Andrea und der »Sicherheitsbeauftragte« Hitler da sind.

Und zweitens wissen wir sowieso, daß es schlimmer als 11 Mark die Stunde nicht kommen kann, und deshalb hat die Angstmache nicht besonders gewirkt und unsere Arbeitsmoral ist ganz und gar nicht gestiegen.

Der zweite Schritt mußte also kommen!

Jetzt kündigen sie einen Haufen Leute fristgerecht und scheinbar wahllos: Leute, die schon oft krank gemacht haben und andere, die noch nie krank waren, Leute, die schon Putz gemacht haben und andere, die noch nie aufgefallen sind...

Dadraus sind uns zwei Sachen klar geworden:

1.) Mit den beinahe 40.- Mark, die der Bähr pro Stunde für uns kriegt, und den 18.- Mark Auslösung täglich könnten wir zwischendurch auch mal zwei Monate gar nix malochen und er hätte immer noch keine Verluste gemacht. Wenn er uns jetzt wegen »schwieriger Auftragslage« feuert, obwohl er weiß, daß er spätestens in ein paar Wochen wieder Leute braucht, wird klar, wie rücksichtslos der uns ausnimmt. Dem geht's nur um Kohle, mit dem gibt's kein Fair-Play und keine Abmachungen, sobald der Rubel nicht mehr rollt, kriegst du einen Tritt in den Arsch. Solche Typen sind unsere täglichen Feinde!

2.) Dagegen kommen wir individuell nicht mehr durch; diesmal kann es jeden treffen (die ärgsten Radfahrer mal ausgenommen); die Kündigungen haben Konsequenzen für alle!

Die Gekündigten sind erstmal froh, daß sie dem Bunker entkommen sind. Die kalte Dusche kommt aber, wenn's drum geht, woher nun die Kohle kommen soll. Arbeitsamt zahlt evtl. nichts oder so wenig, daß niemand davon leben kann. Dann nen neuen Job! Findste aber nur dasselbe in Grün und dann wahrscheins noch bei einem Kleinbetrieb, wo du noch ganz anders ausgeliefert bist!

Und wir, die erst mal weiter malochen müssen, haben auch schlechte Karten, wenn wir die ständigen Entlassungen schlucken. Der Bähr verteilt die Arbeit auf immer weniger Leute und drückt immer mehr Überstunden durch. Es wird immer schwerer, sich zu wehren.

WENN WIR NICHT BALD WIE DIE HUNDE 60 STUNDEN IN DER WOCHE OHNE PAUSE UND OHNE KRANKENSCHEIN KABEL ZERREN WOLLEN, DANN MÜSSEN WIR DIESE KÜNDIGUNGEN VERHINDERN!!

Alle Gekündigten sollen uns schleunigst schreiben,
damit wir gemeinsam was unternehmen können -
unsere Kontaktadresse: Postlagerkarte ....


Ein Flugi

Kündigungen

Keiner von uns macht den Job aus Spaß an der Arbeit, sondern weil er das Geld dringend zum Leben braucht (wobei die 11 Mark nicht mal zum Leben reichen).

Jede Kündigung ist ein Angriff auf unsere Überlebensbedingungen: sie entzieht einem von uns die Lebensgrundlage und sie soll die Übrigen zu noch mehr Arbeit erpessbar machen.

Es ist klar, daß die meisten, die vom Bähr gefeuert werden, dem Job erstmal nicht nachtrauern, denken: »Gottseidank bin ich den Job los.« Die kalte Dusche kommt dann aber, wenns drum geht, nen neuen Job zu suchen:

Mit Kündigungen treiben sie uns seit ein paar Jahren in immer miesere Jobs. Seien das jetzt Massenkündigungen wie beim Neff, Kündigungen, weil der Sklavenhändler betrügerischen Bankrott gemacht hat, Kündigungen wegen der »angespannten Gewinnsituation« oder oder - für uns ist's immer auf das gleiche rausgekommen: im nächsten Job noch miesere Bedingungen, noch mehr Maloche, noch weniger Geld...

Zur Zeit setzt Bähr massiv und frech Kündigungen gegen uns ein. Der Lohn ist so dreckig und die Arbeitszeiten so lang, daß immer 'n ziemlicher Teil von uns fehlt (ein Fünftel bis ein Viertel), - wann soll man auch sonst die ganzen Erledigungen machen, oder auch einfach mal auspennen und sich in die Sonne fläzen - bei täglich 11 Stunden auf dem Bau.

Dafür hat er sich nen günstigen Zeitpunkt ausgewählt, die Nachtschicht ist aufgelöst, es gibt nicht genug Kabelziehkarten, so daß Siemens gerade nicht auf jeden Malocher angewiesen ist. Während dieser Atempause kann Bähr in aller Ruhe die Arbeitsunwilligeren raussäubern, und das alles im Hinblick darauf, daß er in nächster Zeit die 60-Stundenwoche durchsetzen muß und die möglichen »Störer« am besten jetzt schon rausschmeißt.

Da DIS aber nicht fristgerecht kündigen darf, müssen sie einen Vorwand zur fristlosen Kündigung finden, und deshalb trauen sich Bähr und Hülter in letzter Zeit wieder öfter auf die Baustelle. Sie schleichen durch den Bau, um zu spannen, wenn du dirs grade mal zu nem Päuschen gemütlich gemacht hast, oder sie stehen an der Pforte um festzustellen, wer früher in die Pause geht. Und sie verschicken Verwarnungen. Das Ziel: ihre fristlosen Kündigungen vorbereiten, den Krankenstand senken, ein Angstklima schaffen: jeder könnte der nächste sein.

So denken sie uns in die Schere zu treiben: brutal mieser Lohn und Scheißarbeitszeiten, und eben durch die lange Arbeitszeit erhöhen sie die Arbeitslosigkeit, so daß sie uns jederzeit drohen können: »Wenn's euch nicht paßt, draußen warten 100 andere« - wie gesagt, diese ganze Kündigerei ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Politik und wird von uns nicht auf die leichte Schulter genommen.

Und die paar Rechtstips sind auf keinen Fall ein Ersatz dafür, daß wir uns mal zusammenhocken und gemeinsam überlegen, wie das jetzt weitergehen soll.

Rechtstips

Eine Kündigung wird erst dann wirksam, wenn sie dir zugeht (also wenn du den Einschreibebrief kriegst oder wenn dir der Bähr unter Zeugen sagt, daß du gekündigt bist).

Du mußt auf jeden Fall gleich Widerspruch einlegen und sagen, daŠ du weiterarbeiten willst (unter Zeugen oder Einschreiben). Natürlich fallen einem dann erstmal Sprüche ein wie »Gottseidank muß ich in dem Scheißladen nicht mehr schaffen«, aber behaltet die für euch und sagt, daß ihr natürlich weiterschaffen wollt.

Du gehst am nächsten Tag hin und willst weiterarbeiten; wenn sie dich lassen, ist eben alles gebongt und die Kündigung ungültig (wenn du Widerspruch einlegst, brauchst du nicht auch noch hingehen und arbeiten - es sei denn, der Bähr fordert dich dazu auf, dann mußt du; wenn du den Widerspruch gewinnst, muß er dir das ganze Geld nachzahlen.)

Es gibt zwei Arten von Kündigungen:

ordentliche
                                    Kündigungen
außerordentliche

Für die erste Sorte braucht der Bähr keinen Grund angeben, es dürfte aber unmöglich für ihn sein, einen von uns auf diese Weise loszuwerden, da Sklavenhändler niemanden auf der ersten Arbeitsstelle fristgerecht kündigen dürfen. Bei Leuten, die schon länger als 6 Monate bei DIS (egal, welche Niederlassung) arbeiten, muß er immer einen Grund angeben.

Die Zwei-Tage-Frist in der Probezeit ist übrigens illegal (auch hier muß er 14 Tage einhalten).

Bei fristlosen Kündigungen muß er immer einen Grund angeben (wenn er's nicht tut, und sich weigert, dir den Grund zu nennen, ist er schadensersatzpflichtig, d.h., du kannst einen Prozeß machen und er muß dir deine Kosten zahlen, sogar wenn er dann im Prozeß einen »guten« Grund nennt und du verlierst - wenn er einen neuen Grund nennt, ist die Kündigung unwirksam). Frage also auf jeden Fall nach dem Grund!!

Gründe für fristlose Kündigungen sind:

  • häufige Fehlzeiten, wenn sie selbstverschuldet sind,
  • wenn du öfter mal zu spät kommst oder zu früh gehst.
  • Verstöße gegen die Betriebsordnung (gegen die DIS-Arbeitsordnung oder Baustellenordnung)
  • Nicht rechtzeitiges Krankmelden bzw. zu spät vorgelegte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung

DIES ALLES SIND JEDOCH NUR DANN GRÜNDE FÜR EINE FRISTLOSE KÜNDIGUNG, WENN DU ES MEHRMALS MACHST UND DU SCHON SCHRIFTLICH DESWEGEN VERWARNT WORDEN BIST.

Kündigung wegen Krankheit (wenn du ordentlich deinen Krankenschein mit Einschreiben rechtzeitig hingeschickt hast) wird er so gut wie nie durchbringen - und wenn, dann muß er dir auf jeden Fall deinen Krankenschein (von hoffentlich dann 6 Wochen) zuende zahlen. Es lohnt sich auf jeden Fall, gegen eine fristlose Kündigung zu klagen: das mindeste ist, daß sie in eine fristgemäße umgedeutet wird, d.h. 800.- Mark. Aber die allermeisten Kündigungen in der letzten Zeit hätte der Bähr mit Sicherheit vor keinem Arbeitsgericht durchgebracht.

Wie macht man ne Klage:

Du schreibst einen Brief an das Arbeitsgericht Karlsruhe, Ritterstr. 12, mit deiner Anschrift und wo du ganz kurz darstellst, was passiert ist und warum du dagegen klagst, das ganze mußt du unterschreiben und zusammen mit nem Durchschlag losschicken. (Einen Durchschlag behältst du für dich). Das war's schon.

Dann kommts nach ein paar Wochen erstmal zu einem Gütetermin, wo man sich also »gütlich« einigen soll.

Aber bis es soweit ist, haben wir ja spätestens mal miteinander gequatscht - oder?


Aushang im Frühstücks-Container

Wichtig

Aus gegebenem Anlaß weisen wir nochmals auf folgendes hin:

  1. Pausen sind zum Ausruhen da.
    Bürogeschäfte während der Pausen in den Pausenräumen haben zu unterbleiben. Dafür ist die Arbeitszeit da.
  2. Auch wir DIS-Arbeiter haben Rechte.
    Wir haben einen Anspruch auf Freizeit.
    DIS und Siemens halten es aber nicht für nötig, uns zu fragen, wenn sie die Arbeitszeit verlängern.
    Das Gesetz erlaubt höchstens 10 Stunden Arbeit am Tag und nach höchstens 4,5 Stunden eine Pause, außer es gibt eine Erlaubnis des Gewerbeaufsichtsamts.

Deshalb verlangen wir:

Wer hat die Überstunden erlaubt?

Hat da überhaupt ein Betriebsrat zugestimmt?

Wir wollen eine Betriebsversammlung, auf der wir ordnungsgemäß informiert werden, und gefragt werden, ob wir die Überstunden und demnächst die 60-Stunden-Woche machen wollen, oder nicht.

Wenn schon Überstunden, dann bei gescheiter Bezahlung: frei raus. Wenn sich nicht genügend für Überstunden finden, sollen neue Leute eingestellt werden. Es gibt doch genügend Arbeitslose. Überhaupt wollen wir lieber 40 Stunden arbeiten und gescheiten Lohn kriegen.


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