Mitte Mai ist in China die erste offensive Streikwelle in dieser Weltwirtschaftskrise losgegangen. Sie zeigt, dass die Antworten des Kapitals auf die Kämpfe der Arbeiterklasse notdürftige Krücken sind, die nicht weit tragen. Die Verlagerung der Produktion, der Einsatz von Technologie, die Spekulation auf den Finanzmärkte – diese drei typischen Fluchtversuche kommen an ihre Grenzen. Beverly Silver hat sie als fixes bezeichnet, als schnelle Hilfsmittel, die keine langfristige Lösung sind. [weiter ...]
Am 1. März 2010 hat José »Pepe« Mujica, ein ehemaliger Guerillero, Mitbegründer der MLN-Tupamaros und langjähriger politischer Gefangener, das Präsidentenamt in Uruguay übernommen. »Bei aller kritischen Distanz zur Politik des Mitte-Links-Bündnisses Frente Amplio, das seit dem 1. März 2005 die Regierung des Landes stellt, bleibt festzuhalten, dass der 29. November 2009, der Tag der Wahl »Pepe« Mujicas, ein historischer Moment ist, der wohl nur im Lebensweg Nelson Mandelas eine Parallele findet.« Damit leiten die HerausgeberInnen das Buch Uruguay – Ein Land in Bewegung ein, das pünktlich zum Amtsantritt erschienen ist.[weiter ...]
Wir haben in der Wildcat 86 mit dem Artikel Die Iranische Revolution 1979 den Hintergrund der iranischen Revolution im Einzelnen geschildert. Hier ein Nachtrag zum Februaraufstand:
Der Aufstand vom Bahman 1357 (Februar 1979) bildet den wichtigsten Abschnitt der iranischen Revolution in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er wurde in der Folgezeit aus mehreren Perspektiven erklärt und bewertet. Die Ideologen auf der politischen Rechten (die Ideologen des islamischen Staats inbegriffen) halten an der Vorstellung von einem »Sieg der islamischen Revolution« fest. Weitverbreitet – auch in Kreisen der Linken – ist die Auffassung, hier habe keine Revolution, sondern eine Inszenierung durch Mullahs stattgefunden, die von ausländischen Mächten unterstützt wurden. Die Niederlage der revolutionären Bewegung hat solchen Interpretationen den Weg bereitet. Doch diese Einschätzungen verdecken eher die Wirklichkeit des Aufstands, als dass sie ihn erklären. Was hat sich im Februar 1979 ereignet? [weiter ...]
Als kleinen Vorgeschmack auf die Wildcat 87 bringen wir hier einen Bericht über den Streik der ägytischen Fischereiarbeiter, der nicht mehr ins Heft passte.
In Nea Michaniona, einem Dorf in der Nähe von Thessaloniki (Nordgriechenland), fand von Januar bis April 2010 ein Streik der Fischereiarbeiter aus Ägypten statt. Die meisten von ihnen arbeiten seit 25 Jahren in Griechenland. Aufgrund einer Vereinbarung zwischen Ägypten und Griechenland aus den 1980er Jahren werden sie mit Acht-Monats-Verträgen (vom 1. Oktober bis 31. Mai) angestellt. In der Branche gibt es aufgrund der starken Arbeitsintensivierung sehr viele Arbeitsunfälle. Im November 2009 ertrank ein Arbeiter bei der Arbeit auf einem Boot.
Die Bosse zwangen die Fischereiarbeiter, zu Löhnen von 300 oder 400 Euro (anstatt 1200-1300 Euro) monatlich an sieben Tagen pro Woche unter schlechten Bedingungen zu arbeiten. Außerdem wurden sie von der Arbeiterversicherungsanstalt (IKA) zu einer anderen Versicherung (OGA) umgemeldet, die schlechtere Sozialleistungen bezahlt.
Trotz der Erpressung durch die Unternehmer und dem in der Krise zunehmenden Terror von Teilen der ansässigen Bevölkerung machten sie Front gegen ihre Ausbeuter, gingen sie auf die Straße, streikten und blockierten die Produktion. Unterstützung bekamen die Streikenden nur von PAME und Leuten aus der anti-autoritären Szene von Thessaloniki, die vor Ort und auch im Gericht auftraten. Die Solidaritätsversammlung aus Thessaloniki organisierte während des dreimonatigen Streiks Demos, Diskussionsveranstaltungen, Kundgebungen und Konzerte zur finanziellen Unterstützung der Streikenden. [weiter ...]
Vor etwas über einem Monat, am 5. April 2010, starb in Turin Romano Alquati. Andere waren schnell genug und haben im Web das Ihre dazu gesagt – siehe z.B. Für Romano Alquati.
Die Untersuchungsphase von Beginn der 60er Jahre bis zum Heißen Herbst 1969 war keine »Vor-Phase« des Operaismus. Alle ernsthaften Beschäftigungen mit der Geschichte der Klassenkämpfe in Italien zeigen: Es war eine einzigartige Etappe in der Geschichte der Klassenkämpfe überhaupt! Eine der ganz wenigen Beispiele, wo sich Externe und Interne, Studis und Arbeiter auf produktive Weise zusammengetan und voneinander gelernt haben. Und Romano Alquati war einer der ganz wichtigen Inspiratoren in dieser Phase.
Wir veröffentlichen im Folgenden einen kurzen Nachruf von Sergio Bologna und einen unserer Ansicht nach sehr wichtigen Text von Romano Alquati selber. Wir hatten ihn Mitte der 80er Jahre ins Deutsche übersetzt und in TheKla 6 veröffentlicht, er war aber bisher im Web nicht verfügbar. Es handelt sich um ein Referat von 1967, in dem er den Zusammenhang zwischen weltweiter Kapitalverwertung und der Entstehung einer globalen Arbeiterklasse zu skizzieren versucht. Dabei positioniert er die Klassenkämpfe in Italien am entwickeltsten Punkt in Turin als einen »Mittelpunkt« zwischen hochqualifizierten und tertiarisierten Arbeiten einerseits und den Zulieferketten im globalen Süden andererseits. Auch wenn er es im Jargon der 60er Jahre und in seiner kryptischen Sprache tut – als wir den Text fast 20 Jahre später entdeckten, hat es uns umgehauen, wie aktuell er noch immer war – und wie antizipierend er in den 60er Jahren gewesen sein musste!
Praktisch waren seine frühen Untersuchungstexte für uns am wichtigsten. Sie haben uns geholfen, vom anpolitisierten »Rumjobben« zu einem politischen Ansatz zu kommen, bei dem wir ernsthaft die eigenen Erfahrungen und Wünsche mit einer Analyse der Klassenzusammensetzung und einem Eingreifen in aktuelle Klassenkämpfe zusammenbringen konnten. Unsere Jobbergruppe in Karlsruhe fühlte sich Anfang der 80er Jahre durch das gemeinsame Lesen v.a. des Olivetti-Texts regelrecht nach vorne katapultiert. Auch heute lohnt es sich noch (und immer wieder!) diesen Text zu lesen; hier machte der Operaismus den entscheidenden Schritt über alle sozialistischen Selbstverwaltungs-Utopien hinaus: es geht nicht drum, die Fabriken selber zu verwalten; der Kommunismus entsteht aus dem täglichen Antagonismus des Arbeitsprozesses, gegen die kapitalistische Maschinerie, gegen die Fabriken. Indem die ArbeiterInnen gezwungen sind, »die Regeln zu übertreten«, um ihre Arbeit machen zu können, indem sie sich gegenseitig helfen (müssen), um überhaupt den Akkord zu schaffen, entsteht ein Graubereich, zu dem kein Unternehmer und kein Industriesoziologe Zugang hat. Hier setzt die con-ricerca ein.
Ein Bericht über die aktuellen Kämpfe in Griechenland
In Krisenzeiten – wie in der aktuellen Überakkumulationskrise – entwickeln die Kapitalisten mit Hilfe einer Politik der »Staatsverschuldung« neue Methoden, die Ausbeutung zu verschärfen. Während der kapitalistischen Aufschwünge steigt die private Verschuldung, während des Abschwungs steigt die »Staatsverschuldung«. Private Investitionen in staatliche Schatzbriefe sichern Profite, die als Zinszahlungen aus der direkten und indirekten Besteuerung der ArbeiterInnen abgepresst werden und letztlich das Bankenkapital stärken. [weiter ...]
»Vorabdruck« aus Wildcat 87, Sommer 2010
Die folgende Analyse aus dem krisengeschüttelten England wurde für die Wildcat 87 geschrieben. Bis die im Juni erscheint, müssen wir den Artikel sicherlich nochmal »updaten«. Deshalb veröffentlichen wir ihn hier schon mal.
Im April 2009 gab das britische Justizministerium Pläne für den Bau einer neuen JVA mit 1500 Plätzen auf dem Gelände des früheren Ford-Werks in Dagenham bekannt. Besser hätte man nicht zusammenfassen können, was das Proletariat von der herrschenden Krisenpolitik zu erwarten hat. Aber am Fortgang der Geschichte zeigt sich auch die gleichzeitige Eindämmung und Vertiefung der sozialen Spannungen im Lauf des letzten Jahres. In Dagenham hat der Staat nach einer großen Kampagne des dortigen Labour-Abgeordneten und des Stadtrats letztlich im Einzelfall nachgegeben: Dieses konkrete Gewerbegebiet wird also nicht von einem Knast verschandelt, aber anderswo sind weiterhin genau dieselben Projekte geplant, und die Regierung wird ihr »Versprechen« halten und 96.000 Menschen einsperren. Die Wildcat-These vom März 2009 – »die Krisenmaßnahmen der Herrschenden zielen bisher nicht auf einen Wiederaufschwung, sondern darauf, politisch zu überleben« – hat sich inzwischen praktisch bestätigt. [weiter ...]
Wer hätte gedacht, dass die bundesdeutsche Linke mit ihrer Kleinphilosophiekunst den strategischen Crash des von ihr doch so gehypten »Postfordismus« vorhersagte?
hallte es bis vor kurzen durch die Szenelokale – und hinterließ einen Ohrwurm, demzufolge es nicht so wichtig sei, etwas zu durchschauen und die richtigen Schlüsse draus zu ziehen. Nun macht Toyota mit 8,5 Millionen fehlerhaften Fahrzeugen eine Unternehmensphilosophie daraus. GM ist zwar auch bemüht, liegt aber mit etwas über einer Million Rückrufaktionen wegen defekter Lenkungen weit abgeschlagen. Aber der Trend setzt sich über die Autoindustrie hinaus fort, U-Bahn-, Autobahn- und Gleisbau.
Die Absätze der BRD-Autoindustrie brechen ein (man rechnet mit einer Million weniger Neuzulassungen in diesem Jahr), Dienstwagensubventionen bleiben aus, Kurzarbeit und Abwrackprämie laufen aus, Dividendenzahlungen fallen aus (Daimler). Was nun? Wird es der Export noch einmal rausreißen? Die deutschen Konzerne haben ihn im Vergleich zum Vorjahr um 57 Prozent gesteigert – vor allem nach China. Ob die Leasingraten für all die Luxuswagen auch bezahlt werden? Ob die Kreditgeber nicht selber bereits pleite sind? Ob sich die Investitionen für noch höhere Stückzahlen bei gesättigten Märkten wohl rechnen?
Die Unternehmer ergreifen die Krise mal wieder als Gelegenheit: Trotz massiver Qualitätsprobleme (siehe Rückrufaktionen) werden in den Autofabriken – wie auch anderswo – weiterhin die Kosten gedrückt. Drei Viertel der Betriebe beantragten bislang Kurzarbeit. Was als Überbrückung propagiert wird, ist ein Angriff auf allen Ebenen. Psychologisch werden Existenzängste geschürt, körperlich werden die Leute mit verkürzten Taktzeiten und ausgedehnten Produktionszeiten an ihre Grenzen getrieben; rechtlich wird getestet, wie weit die Arbeitsgesetzgebung gedehnt werden kann.
Immer weiter treibt es auch die radikale Linke auseinander. Viele stecken mittendrin in der Verarmung. Hoffentlich haben noch genug Leute die Power aufzugucken und genau(er) hinzuschauen, um zu verstehen was hier gerade abgeht, und um dagegen aufzumucken!
Im Krisenartikel der Wildcat 86 gucken wir uns nochmal die Vorgeschichte und den bisherigen Verlauf der globalen Krise an, denn die nächsten Monate entscheiden darüber, ob der Dominoeffekt eines Staatsbankrotts die dritte Welle auslöst, oder ob sie das abwenden können und die US-Bondblase erst nächstes Jahr platzt. Entscheidend sind dabei die Kämpfe gegen die nun deutlich werdenden radikalen Spar- und Lohnsenkungsprogramme. Wenn Griechen, Iren, Balten... sich gegen die radikalen Sparprogamme auflehnen, kracht das europäische Kartenhaus zusammen. Die Streiks in Griechenland graben bereits den Euro an.
Die Notenbanken beginnen in diesen Tagen mit dem Ausstieg aus den Stützungsprogrammen, In der zweiten Jahreshälfte werden die sozialen Auswirkungen der Krise(npolitik) auch in der BRD ankommen. Die harten Sparpläne in Griechenland, Spanien usw. zeigen uns, wo es hingehen soll. Die dortigen Kämpfe sind auch die unseren! [weiter ...]
Wir empfehlen ausdrücklich, die Krisenartikel in den letzten Heften der Wildcat zu lesen!
wildcat 85: Alle Hoffnungen richten sich auf China
wildcat 83: Alles in Frage stellen – Teil II
wildcat 82: Globale Krise
Link zum geplanten Migrantenstreik am 1. März in Italien:
in deutscher Sprache
Wir veröffentlichen hier den Artikel von Mimmo Perrotta ungekürzt, der leider nicht vollständig in die Zeitung passte.
Rosarno ist eine Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern in der Piana di Gioia Tauro in der Provinz Reggio Calabria. Am 7. Januar werden hier drei vom Feld zurückkehrende afrikanische Immigranten, die wegen der Zitrusfruchternte da sind, darunter ein Asylbewerber aus Togo, von drei »hiesigen Jungs« angeschossen. Hunderte von MigrantInnen, unterbezahlten saisonalen LandarbeiterInnen, die unter katastrophalen Bedingungen in zwei stillgelegten Fabriken und in verlassenen Bauernhäusern wohnen und permanent Opfer von Aggressionen und Übergriffen werden, gehen in Rosarno auf die Straße und lassen ihre Wut an Autos und Müllcontainern aus. Die Polizei greift ein. Zwei Tage lang kommt es zu Auseinandersetzungen mit den kalabrischen Bürgern, die die ImmigrantInnen zum Teil weiter verprügeln und beschießen und auf den Feldern Menschenjagden veranstalten.
Am 9. Januar werden 1300 AfrikanerInnen (Regulären1 wie Irregulären) vom Staat in sogenannte Identifikations- und Abschiebezentren (CIE)2 in Crotone und Bari deportiert; andere verlassen die Stadt auf eigene Faust und gehen vor allem nach Neapel und in die norditalienischen Städte. Alle müssen Rosarno ohne Lohn für die bisher geleistete Arbeit verlassen. Andere verstecken sich weiter auf den Feldern in der Piana und setzen die Zitrusfruchternte fort, die noch bis März geht. Insgesamt werden 66 Verletzte gezählt (30 ImmigrantInnen, die teilweise Aufenthaltserlaubnisse aus humanitären Gründen bekommen, 17 Ortsansässige und 19 Polizisten), sieben ImmigrantInnen und drei Rosarneser werden festgenommen. Hundert irreguläre ImmigrantInnen werden aus den CIE in Bari und Crotone abgeschoben. [weiter ...]














