Wildcat Nr. 72, Januar 2005, S. 39–42 [w72_nigeria.htm]



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Nigeria: Die »Flammen der Hölle«
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»Flammen der Hölle« überschrieb der 1995 hingerichtete Dichter und Vertreter der Bewegung MOSOP (Movement for the Survival of the Ogoni People) sein Buch über den Kampf gegen die großen Ölkonzerne, allen voran Shell. In den ewig brennenden, die Nacht gespenstisch erleuchtenden und das Land mit einer Rußschicht überziehenden Flammen der Gasabfackelung sah er das Symbol für das Regime der Ölmultis in Nigeria. Die Militärregierung dankte 1999 offiziell ab, MOSOP zerfiel nach 1998 und die meisten Schlagzeilen über das Land werden seither von der Einführung der Sharia im Norden und »ethnisch« und/ oder »religiös« bedingten bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen bestimmt. Dass Nigeria seit Jahren am Rande eines Bürgerkriegs und des endgültigen Zerfalls der staatlichen Ordnung taumelt, wird vor allem deswegen als Problem wahrgenommen, weil es der größte Ölproduzent Afrikas ist und für die USA – in der Rivalität zu Frankreich – die entscheidende Regionalmacht am Golf von Guinea darstellt.


Nigeria

Bevölkerung: ca. 130 Mio. Ethnien definieren sich u.a. durch verschiedene Sprachen: je 1/5 Haussa (Norden), Yoruba (SW) und Ibo (SO), hunderte weitere Sprachen - und damit auch hunderte »Ethnien«. Die größten Städte sind Lagos (~10 Mio. Einwohner) im Landesinneren, Ibadan und Kano, Kaduna im Norden und Port Harcourt an der Küste. Port Harcourt ist zugleich der bedeutendste Ölhafen. Die Wirtschaft ist völlig aufs Öl ausgerichtet; Landwirtschaft und Industrie gibt es zwar auch, sie spielen aber (mittlerweile) keine nennenswerte Rolle mehr. Bei der Unabhängigkeit von Nigeria, 1960, war Öl zwar ein bedeutender Devisenbringer, aber nur einer neben Erzeugnissen wie Erdnüssen, Fellen, Leder, Kakao und Palmöl.


Von zwei Bewegungen ging in den letzten Monaten und Jahren ein Hoffnungsschimmer aus: von den wiederkehrenden Aktionen von Frauen und Jugendlichen gegen die internationalen Ölkonzerne und von den mehrfachen Generalstreiks anlässlich von Benzinpreiserhöhungen. Diese Bewegungen überschneiden sich in vielen Fällen; so scheinen z.B. Besetzer von Ölplattformen manchmal gleichzeitig Mitglieder irgendeiner ethnischen Miliz zu sein; eine Miliz erklärt sich solidarisch mit einem Generalstreik usw.. Der Widerstand gegen die miserablen Lebensbedingungen scheint sich mit dem Überlebenskampf innerhalb der zerstörerischen Zustände verquickt zu haben. Eine Generation, die im permanenten Krieg aufgewachsen ist, der in zehn Jahren weit über zehntausend Tote und geschätzt anderthalb Millionen Vertriebene gekostet hat, versucht zu überleben. Diesbezüglich unterscheidet sich die Situation in Nigeria nicht von der in anderen Rohstoffe exportierenden Ländern, die nur noch im Rahmen einer auf Gewalt basierenden »Ordnung« zusammengehalten werden.

Die Ölproduktion

Der größte Teil des Öls wird im Delta des Niger-Flusses gefördert. Im Gegensatz etwa zu Saudi Arabien bildet das Öl keinen großen unterirdischen »See«, sondern viele kleine »Bläschen«. Diese Bedingungen führen zu einer intensiven Inanspruchnahme des Landes – viele Bohrstellen, Pipelines, Dämme zur Regulierung der Tide in diesem Feuchtschwemmland usw. – mit entsprechend hohen Kosten für die dort lebenden Menschen. Die ökologischen Folgen der Ölförderung im Delta sind verheerend: Verschmutzung von Wasser durch ständigen Austritt von Öl aus Hochdruckpipelines; Verschmutzung des Bodens durch ölhaltige Abfälle; Verschmutzung der Luft durch das Abfackeln von Gas, usw..

Auf der anderen Seite führen diese Förderbedingungen auch zu einer hohen Verwundbarkeit der ausgedehnten Infrastruktur. Auf die seit Jahren andauernden Kämpfe, wie z.B. Plattformbesetzungen, reagieren die Ölfirmen mittlerweile mit der zunehmenden Ausbeutung von Vorkommen unter dem Meeresgrund.

Das Erdöl wird größtenteils exportiert – eine Verarbeitung im Land selber findet nur im geringen Maßstab statt. Es sind zwar mal Raffinerien gebaut worden, diese funktionieren aber größtenteils nicht mehr. Die mafiösen Machtstrukturen lassen es profitabel werden, Benzin wieder zu importieren, statt im Land zu produzieren. So sind nach Schätzungen in den letzten Jahren ca. 400 Mio. US$ in die Öl verarbeitende Industrie geflossen, ohne dass dies höhere Kapazitäten zur Folge gehabt hätte.


Kurze Geschichte Nigerias nach der Unabhängigkeit 1960

Erst 1963 wurde eine Verfassung beschlossen; der entscheidende Streit über die staatliche Form des neuen Landes war der über die Frage »Einheitsstaat oder Föderation«. Dabei ging es v.a. um die Verteilung der Einnahmen. Die föderative Verfassung von 1963 sah zunächst eine paritätische Mittelverteilung zwischen Zentralregierung und Regionen vor, in denen die Einnahmen generiert worden waren. Mit der zunehmenden Bedeutung des Öls wurde dieser Zuteilungsschlüssel zuungunsten der Regionen geändert. 1966 kam es zum ersten Militärputsch - vor allem von Ibo-Offizieren; der Premier wurde umgebracht, aber der Putsch scheiterte. Kurz darauf gibt es einen Gegenputsch von Offizieren aus dem Norden. Die Elite der Östlichen Region rief daraufhin die »Unabhängige Republik Biafra« aus, die von der Militärregierung Gowon in einem 30 Monate währenden Krieg niedergeworfen wurde. Ungefähr eine Million Menschen starben. Der Einheitsstaat war wieder hergestellt, aber nicht beruhigt. Auch andere Regionalfürsten verlangten ihren Anteil an den Einnahmen. Erst mit den ab 1973 steigenden Ölpreisen – und Gewinnen – wurde den Regionen ab 1975 etwa 13 Prozent der Einnahmen zugestanden. Zu dieser Zeit hatte sich gerade ein neuer General an die Spitze des Staates geputscht, Murtala Muhammed. Er gab sich einen linksnationalistischen Anstrich, rüstete die Armee auf und drohte vor allem den USA mit Ölboykott und provozierte diese durch Unterstützung des südafrikanischen ANC. Anfang 1976 wurde er ermordet und der persönliche Freund Kissingers und McNamaras, General Obasanjo auf den Thron gesetzt. Dieser übte sich in Demokratie und veranstaltete drei Jahre später eine Wahl. Die sog. »Zweite Republik« hielt jedoch nur vier Jahre. Die nächsten 20 Jahre bis 1999 brachten eine immer brutaler werdende Militärdiktatur hervor, gelegentlich kurzzeitig unterbrochen von »demokratischen« Zwischenspielen. Neben dem Terror gegen eine immer stärker werdende Opposition basierte die Diktatur aber auch auf gewissen Konzessionen gegenüber den Gewerkschaften. 1998 starb der letzte Diktator Sani Abacha eines mysteriösen Todes und seit 1999 sitzt wieder General Obasanjo auf seinem Stuhl.


Der IWF in Nigeria

Der IWF hat als Bedingung für neue Kredite verlangt, dass Nigeria die Industrie für ausländische Beteiligungen öffnet, den öffentlichen Bereich rationalisiert und die Subventionierung von Verbrauchsgütern abbaut. Neben dem Ölsektor ist vor allem der Bereich der Telekommunikation, der Elektrizitätserzeugung und der Transport (Flugverkehr) im Visier.

Ein brisantes Unterfangen, wenn man bedenkt, dass fast alle offiziell Beschäftigten vom Staat angestellt sind. In der Landwirtschaft wird überwiegend Subsistenzproduktion betrieben. Aber es geht nicht nur um Entlassungen, sondern auch um die Organisation der öffentlichen Verwaltung. Tarife und Mindestlöhne sollen nicht mehr landesweit gelten, sondern regional verhandelt werden.

Ein Hindernis für Profit versprechende Investitionen sind die subventionierten Spritpreise. Benzin ist in Nigeria der Energieträger Nummer eins: Transport, Stromerzeugung und auch das private Kochen hängen am Zapfhahn. Angesichts der Armut im Lande sind billige Energiepreise lebenswichtig.

Jeder Versuch von Preiserhöhungen führte zu einer neuen Runde von Streiks und Unruhen. Auch in den Zeiten der Militärdiktatur konnten die Herrschenden keinen wirklichen Durchbruch erzielen. Immer wieder wurden sie mit z.T. lang anhaltenden Streiks auch in der Ölindustrie konfrontiert – wie etwa 1994, als die 150 000 Arbeiter der Öl- und Gasindustrie gegen den Willen der Gewerkschaftsführung sechs Wochen streikten und die Ölförderung zum Erliegen brachten. Dutzende Gewerkschafter wurden verhaftet, ermordet und Demonstranten erschossen. Aber trotz des militärischen Sieges war die Junta gezwungen, Rücksicht zu nehmen. Der öffentliche Sektor wurde nicht in dem Maße privatisiert, wie der IWF dies gefordert hatte. Ebenso setzte sie gegen das Verdikt des IWF einen landesweiten Mindestlohn fest.

Seitdem General Obasanjo 1999 wieder an der Regierung ist, hatte man in der internationalen Finanzwelt die Hoffnung, er sei durch seine »demokratische Legitimation« in der Lage, die geforderten »Reformen« durchzusetzen. Das ist ihm aber bislang nicht gelungen. Auch unter der Regierung Obasanjo kam es regelmäßig zu Generalstreiks, sobald Preiserhöhungen angekündigt wurden. Die Basis dieser Streiks bildeten jeweils die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst. Daneben beteiligten sich Betreiber von Transportunternehmen, Studenten, Bürgerrechtsorganisationen und Gruppen von Jugendlichen aus den Slums, die »Area Boys«. Die Demonstrationen wurden jedesmal von der Polizei auch mit scharfer Munition angegriffen. Nach kurzer Zeit musste der Präsident wieder zurückrobben und die Erhöhung zumindest teilweise zurücknehmen. Nachdem der IWF im letzten Sommer ungeduldig wurde und schon gegebene Kreditversprechen zurückzog, wollte Obasanjo die Schraube endlich fester ziehen. Zum einen legte er ein Gesetz vor, das als alleinigen Streikgrund betriebliche Belange erlaubt und alle anderen Streiks als »politisch« verbietet. Dieses Gesetz wurde jedoch erstmal von einem Gericht auf Eis gelegt. Zum anderen unterstützte er die Firma Shell in ihrem Bemühen, einen geplanten Streik der Ölarbeiter zu verbieten. Der Streik der Ölarbeiter hätte dem Generalstreik eine neue Dimension verliehen. Bislang hielten sich diese zumeist abseits der Treibstoff-Preisstreiks. Nachdem aber befürchtet wurde, dass Shell die Entlassung von hunderten einheimischer Arbeiter plane, riefen die beiden Gewerkschaften im Ölsektor, die NUPENG der Arbeiter und die PENGASSAN der Angestellten dazu auf, sich am Generalstreik im November zu beteiligen und die Ölförderung des Landes zu unterbrechen.

Zusätzlich erklärten noch verschiedene Milizen, dass sie den Generalstreik unterstützen wollten, so der Ooduas Peoples Congress und die separatistische Bewegung zur Wiedererrichtung des souveränen Staates Biafra (MASSOB).

Für den Gewerkschaftsdachverband NLC (Nigerian Labor Congress) scheint es schwierig zu sein, dieses heterogene Bündnis unter Kontrolle zu halten. Die Gewerkschaftsspitze setzt die Streiks eher taktisch ein. Mit der Rekrutierung verarmter Jugendlicher, um die Regierung zum Verhandeln zu zwingen, legen sie allerdings das Feuer an eine Lunte - die folgende Explosion kann auch sie treffen. Im Juni attackierte z.B. eine Gruppe von »Area Boys« das Hauptquartier des NLC. »Sie verlangten Bezahlung dafür, dass sie die Kampagne handfest unterstützt hatten« Was auch immer »Bezahlung« heißen mag: Sold oder einfach die Umsetzung konkreter Zusagen zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen.

Der Generalstreik wurde für Mitte November angekündigt, dann jedoch in letzter Sekunde (mal wieder) abgesagt, da sich die Regierung zu geringfügigen Konzessionen bereit erklärte und die Gewerkschaftsspitze Raum für Verhandlungen lassen wollte.

Weniger spektakulär fanden in anderen als dem Ölsektor Streiks gegen Entlassungen statt. Im Oktober 2004 räumte die Polizei gewaltsam das Gebäude der aufgelösten Fluggesellschaft Nigeria Airways, das die Angestellten besetzt hielten, um die Auszahlung ausstehender Löhne und Renten zu erreichen.

Dezentralisierung der Macht

Das Machtgefüge im Land war seit Bestehen des (zunächst kolonialen) Zentralstaates schon immer äußerst fragil, unter Präsident Obasanjo scheint es auseinanderzufallen. Den Protestbewegungen der 90er Jahre konnte die Elite nur begegnen, indem sie zuerst die fortschrittlichen Bewegungen massakrierte, dann im Namen der »Demokratie« die lokalen Machthaber stärkte und diese gegeneinander aufhetzte. Deren Macht wiederum basiert auf einem Patronagesystem, das sich auf die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ethnie, Religion oder einem Clan stützt.

Das Massaker übernahmen die Militärdiktatoren. Die Hinrichtung der Ogoni-Führer 1995 war lediglich der im Ausland wahrgenommene Höhepunkt. Die ganzen 90er Jahre hindurch wurden Demonstrationen in den Städten zusammengeschossen, Massenverhaftungen von Gewerkschaftsführern vorgenommen, Oppositionelle ermordet, Militär besetzte weite Gebiete des Nigerdeltas und radierte ganze Ortschaften aus. Aber all das schaffte es nicht, den Widerstand zu brechen. Stattdessen wurde der Glaube an die Wirksamkeit des gewaltlosen Widerstandes in Verbindung mit einer weltweiten Solidaritätsbewegung, wie ihn MOSOP propagierte, gebrochen. Die neu auftretenden Gruppierungen setzten auf eine militante Selbstverteidigung gegen die Macht der Ölkonzerne. Sie konfrontierten diese direkt mit ihren Forderungen und führten zu diesem Zweck Besetzungen von Ölplattformen, aber auch Entführungen von Angestellten durch. Führten sie noch unter dem Regimes Abachas einen Untergrundkrieg gegen die Armee und die Ölfirmen, so öffnete der Tod Abachas und die damit verbundene Hoffnung auf Demokratisierung im Mai 1998 den Raum, an die Öffentlichkeit zu treten. Als erste versammelten sich Jugendliche der Ijaw im Dezember 1998 in der Stadt Kaiama und verfassten die Erklärung von Kaiama. Darin formulierten sie ihre Ansprüche gegen die Multis und gegen den nigerianischen Staat: Rückzug der Ölfirmen und jeglicher Militäreinheiten; Rücknahme der »künstlichen« Verwaltungsgrenzen, die von den Briten 1939 zur »Balkanisierung« Nigerias eingeführt worden waren. Die ethnischen Auseinandersetzungen denunzierten sie als von der Regierung und den Ölfirmen gezielt geschürt und reichten »unseren Nachbarn eine Hand der Freundschaft und Kameradschaft«. Namentlich den Bewegungen, die ebenfalls für die jeweilige nationale Selbstbestimmung eintraten, aber auch den »Nigerianischen Ölarbeitern (NUPENG and PENGASSAN)«. Ähnliche Deklarationen wurden in der Folge von weiteren Versammlungen Jugendlicher anderer Nationalitäten verfasst, zuletzt von den Oron im Juni 1999.

Mit der Ernennung Obasanjos zum Präsidenten im Mai 1999 wurde nichts besser. Dem Krieg dieses »demokratisch legitimierten« Präsidenten gegen die Menschen im Delta hing nicht mehr der Geruch der Diktatur an. Aber weiterhin wurden bei Bestrafungsaktionen ganze Dörfer und Städte niedergebrannt. Diese militärische Strategie wurde allerdings mit einer »demokratischen Verwaltungsreform« ergänzt, die Grenzen der Bezirke wurden neu festgelegt und damit der Nährboden für Verteilungskämpfe gelegt. Da Pfründe zumeist über die ethnische Zugehörigkeit verteilt werden, bedeutet die Zuordnung einer Stadt zu einem anderen Bezirk für einen Teil der Einwohnerschaft, dass er zukünftig von allen Machtpositionen ausgeschlossen ist. Zugleich stützten die jeweiligen lokalen Machthaber ihre Macht auf eine, zumindest teilweise Einbeziehung der entstandenen Milizen. Ein Beispiel dafür stellt die »Delta Peoples‘ Volunteer Force« unter dem Kommando Mujahid Dokubo Asaris dar. Asari war in den 90er Jahren einer der Vizepräsidenten des »Ijaw Youth Councils«, einer der Gruppierungen, die die Erklärung von Kaiama verfasst haben. Die DPVF stellte den bewaffneten Arm des IYC dar; im Laufe der Zeit suchte Asari jedoch die Zusammenarbeit mit dem Gouverneur von River State, Peter Odili. Bei den Wahlen 2003 soll die DPVF auf Seiten des Gouverneurs gegen Oppositionelle und rivalisierende Gangs vorgegangen sein. Im Sommer 2004 rief Asari zu einem umfassenden Krieg seiner angeblich tausenden Kämpfer gegen den Zentralstaat auf, falls sich die Ölfirmen nicht zurückziehen würden. Im September jettete er zu Präsident Obasanjo und schloss einen Waffenstillstand. Ähnliche Vorwürfe werden auch anderen Milizen gemacht, sowohl den politischen wie der Yoruba-Organisation OPC, als auch den vordergründig unpolitischen Selbstverteidigungsgruppen in den Dörfern und Städten. Private Sicherheitstruppen von Unternehmern und Händlern wie die »Bakassi Boys« üben mittlerweile offiziell in manchen Gegenden Polizeifunktionen aus – inklusive Folterungen und öffentlicher Hinrichtungen. Die religiös motivierten (und ebenso von Geschäftsleuten und Politikern bezahlten) Milizen im Norden stellen nur eine Abart dar; ihre islamischen Sharia-Gesetze haben ihr Spiegelbild in den gleichartigen grausamen öffentlichen Strafen im Süden.

Die zu verteilenden Gelder kommen im Delta vor allem aus dem illegalen Ölhandel. Es wird geschätzt, dass etwa 10 Prozent (!) der geförderten Ölmenge auf dem Schwarzmarkt verkauft wird. Ein Bruchteil geht auf das Konto einzelner Pipelinebohrer, die geringe Mengen Rohöl stehlen und privat raffinieren. Der allergrößte Teil wird mit Hilfe oder zumindest stillschweigendem Wissen der verschiedenen Staatsorgane geklaut und verschoben. So verschwinden dann schon mal ganze Tanker samt Ladung, werden beschlagnahmt und verschwinden wieder unter den Augen der verschiedenen Sicherheitsorgane. Unter diesen Umständen ist es schwierig zu beurteilen, inwieweit die Robin Hood-Rhetorik der Milizen teilweise sogar umgesetzt wird und von dem erlangten Geld auch etwas für den Rest der Bevölkerung überbleibt. Politisch scheint sich unabhängig von der Frage der moralischenb Integrität von Teilen der Milizen ein realer Machtverlust des Zentralstaates und eine Aufsplitterung der Macht in einzelne, unter Umständen gewählte Warlords zu zeigen. Obasanjos Zwickmühle besteht darin, dass sein politisches Überleben davon abhängt, dass die völlig verarmten Massen gegeneinander um die Brotkrumen kämpfen. Andererseits hat die Gewalt ein Ausmaß angenommen, das die Fortführung der Ölförderung in Frage stellt.

Die Bewegung der Frauen

Neben den organisierten Milizen gibt es immer wieder direkte Aktionen der Bewohner von Regionen, in denen Öl gefördert wird. Besonders die Aktionen von Frauen in den letzten Jahren sind hierzulande mit großer Sympathie aufgenommen worden. Die Frauen revoltieren nicht allein gegen die übermächtigen Ölfirmen und das Militär, sondern stellen sich mit ihren autonomen Aktionen auch gegen die traditionellen patriarchalen Machtstrukturen in den Communities. Sie greifen auf ein Vorgehen zurück, das schon während der Kolonialzeit in Konflikten angewandt wurde. Anstatt eine gewaltsame Konfrontation mit dem Militär einzugehen, beharren sie auf ihrem moralischen Recht und drohen den Soldaten, sich auszuziehen. Diese Drohung hat schon mehrfach die Staatstruppen zum Rückzug gezwungen. Inhaltlich stellen sie weniger »politische« Forderungen denn praktische nach »Brot und Butter«. Sie fordern eben nicht eine »Autonomie« des jeweiligen »Volkes«, sondern Arbeitsstellen, Entschädigungen der Gemeinden für die Umweltzerstörungen, Kleinkredite für Existenzgründungen, Krankenversorgung etc. Sie scheinen über die Grenzen der jeweiligen Communities hinaus organisiert zu sein. Die Besetzungen von Ölstationen Chevrons im Sommer 2002 zunächst von Frauen der Itsekiri und dann von Ijaw-Frauen fanden direkt hintereinander statt. Im August 2002 gaben Frauen aus den Communities der Itsekiri, Ijaw, Ilaje und Urhobo eine gemeinsame Pressekonferenz im Zentrum der ethnischen Auseinandersetzungen im Delta, der Ölstadt Warri. »Die Tatsache, dass Frauen aus den sich oft bekriegenden Gruppen … in einer einheitlichen Front gegen die nigerianische Regierung und die Ölkonzerne zusammenkommen konnten, zeigt, dass zumindest sie das Geheimnis der Macht im Nigerdelta verstanden haben.« (George Caffentzis: The Petroleum Commons; 15.12.2004 - http://www.counterpunch.org/caffentzis12152004.html)


Aus einem Jahresbericht 2001/ 02 von H. Bergstresser, Mitarbeiter des Institutes für Afrika-Kunde in Hamburg (März 2003):

»Am 21.1. wurden neun Mitarbeiter von Shell entführt. (…) Im April war Shell erneut das Ziel, als in der Nähe von Warri zehn Ölarbeiter in die Hände von Kidnappern fielen. Nach einer Woche kehrten sie unversehrt zurück. Im September begannen die Attacken auf Shell zu eskalieren, als jugendliche Ijaw sechs Pumpstationen von Shell im Bezirk Warri South stürmten. Bis zum 7.10. war die Station außer Betrieb, die unter normalen Umständen täglich 80 000 Barrel [Ein Barrel = 159 Liter] Öl zu den Verladestationen pumpte. Kurz darauf besetzten Jugendliche acht Bohrlöcher in Egbema. Die Produktion von 14 000 Barrel pro Tag kam für mehrere Tage zum Erliegen. Im November befanden sich drei Shell-Mitarbeiter in der Nähe der Stadt Sapele im Delta State für einige Tage in der Hand von Geiselnehmern. (…) In Warri belagerten am 29.1. Demonstranten aus den umliegenden Gemeinden das Büro von Chevron-Texaco und verlangten Kompensationszahlungen für einen Ölunfall aus dem Vorjahr. Am 21.4. besetzten Jugendliche in der Nähe von Escravos einen Bohrturm, nahmen 88 Mitarbeiter als Geiseln und forderten Beschäftigung für ihre Anhänger. Nach mehrtägigen Verhandlungen verließen die Besetzer die Plattform. Im Juli griffen 150 Itsekiri-Frauen die Ölverladestation Escravos von Chevron-Texaco an, und verlangten Jobs und Infrastrukturmaßnahmen für ihre Dörfer. Die Arbeit kam für mehrere Tage zum Erliegen, und die Frauen räumten die Station erst, als die Ölgesellschaft einige Zusagen gemacht hatte. Einen Tag später besetzten über 1000 Frauen der Ijaw mehrere Pumpstationen von Chevron-Texaco. (…) Zum Jahresende führte ein Brandanschlag auf die Zentrale der staatlichen Ölgesellschaft NNPC in Lagos zu schweren Schäden. Das Youth Democratic Movement übernahm die Verantwortung…«


Letzte Meldungen:

Am 5.12. besetzten mehrere hundert Einwohner von Dörfern in der Nähe des Ölverladeterminals Bonny im Delta zwei Shell- und eine Chevron-Pumpstation, um die Ölfirmen zu zwingen, mehr in ihren Communities zu investieren. Im Laufe des Monats und unter Einschaltung eines staatlichen Vermittlers wurden die Besetzer »überredet«, die Stationen wieder zu verlassen. Allerdings versprachen die Ölfirmen, die Produktion solange nicht wieder anzufahren, bis eine Einigung erreicht ist.

Ende Dezember beliefen sich die Einbußen der Ölfirmen auf täglich 134 000 Barrel Öl – ca. fünf Prozent der Gesamtmenge Öl, die im Land gefördert wird.

Zusätzlich streikten Angestellte der staatlichen Behörde »Department of Petroleum Resources« (DPR) Ende Dezember wegen Löhnen und Arbeitsbedingungen. Nach zwei Tagen gab die Gewerkschaft PENGASSAN bekannt, dass ihre Forderungen weitgehend erfüllt worden seien und brach den Streik ab. Die Gewerkschaft der Arbeiter im Ölsektor, NUPENG, kündigte für Anfang des neuen Jahres (Streik-)Aktionen an, um der zunehmenden Beschäftigung von Tagelöhnern und Leiharbeitern anstelle von Festangestellten etwas entgegenzusetzen.



aus: Wildcat 72, Januar 2005



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