Wildcat Nr. 80, Winter 2006/2007, S. 3–4 [w80_edi.htm]



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Dezembersonne

Gerade schreiben wir das Editorial, da kommt eine SMS aus einer Autofabrik: »Hey, in Deutschland ist der Stahl aus. In vielen Werken – auch bei uns – beginnt die Produktionsruhe eine Woche früher…«

»Wir müssen propagandistisch viel mehr drauf rumreiten, dass diese Produktionsweise nicht einmal die Rohstoffe herstellen kann, die sie am dringendsten braucht (Erdöl, Stahl..)!« »Ja, und die Ressourcen sogar zerstört! Wasser, Klima… An der Stelle war die G8-Mobilisierung (S. 24) inhaltlich richtig schwach!« »George Caffentzis schrieb neulich, wenn wir nicht klarmachen können, dass hinter peak-oil der Klassenkampf steckt, wird es eine reaktionäre Debatte.« »Das sieht man schon am Wort des Jahres 2007: Klimakatastrophe…« »… erst auf Platz 6 kommt »Lustreisen!«

Nur weil der ehemals »linke« Industriesoziologe M. Schumann in der FR vom 25.1.2007 eine Lanze für Peter Hartz brach?? »Hartzens Auto 5000 (S.11) … stellt den bisher erfolgreichsten Weg dar, in der deutschen Autoindustrie neue Jobs zu schaffen… Arbeitsplätze in einer zukunftsfähigen, innovativen Fabrikorganisation. Die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit wurde dadurch erreicht, dass alle Beschäftigten aktiviert wurden – nicht durch gute Worte, sondern durch reale Vorteile, also Verbesserungen in der Arbeitsorganisation.« Wie sagen die KollegInnen von der Amper Klinik (S. 37) so richtig? »Wer jahrelang die Augen verschließt, braucht sich nicht wundern, wenn er irgendwann den Dingen hinterher läuft und die Initiative von anderen ausgeht.«

In Nordhausen bei Bike Systems galt der Spruch zunächst andersrum: die ArbeiterInnen hatten bis zum Schluss gearbeitet und sogar noch die Maschinen verpackt. Seither haben sie sich aber mit dem StrikeBike noch tapfer aus das Affäre gezogen. Mit »Selbstverwaltung der Produktion«, wie es viele linke Gruppen dort reinfantasiert haben, hatte das allerdings wenig zu tun. (S. 8)

Um auf die Begrenztheit und Widersprüchlichkeit solcher Kämpfe hinzuweisen, benutzen wir das Wort »Arbeitskämpfe« – soweit wir wissen ein Novum in der Wildcat. Wir haben uns immer gegen den Begriff gewehrt und stattdessen von »Arbeiterkampf« gesprochen, um deutlich zu machen: wenn ArbeiterInnen kämpfen, dann geht es immer um »alles«, ums ganze Leben, um die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Die Gewerkschaften »ökonomisieren« solche Kämpfe – wenn es ihnen gelingt! – auf Lohnprozente. Wenn auch die ArbeiterInnen selber diese Grenze nicht infrage stellen, die Mobilisierungen von Anwälten und Gewerkschaften ausgedacht sind, scheint es uns passender, von »Arbeitskämpfen« zu reden, Kämpfe um (und nicht gegen!) Arbeit.

Wir haben endlich mal wieder eine Wildcat, in der beide Seiten vorkommen: movement und labour, und das ist toll! Aber so wie Heiligendamm eine »Mobilisierung« und noch keine Bewegung war, bleiben die Kämpfe in den Betrieben im Rahmen des »Arbeitskampfs«. Sie haben zwar die Kraft, die Linke zu reaktivieren (in Nordhausen gaben sich alle linken Gruppen »die Klinke in die Hand«), aber nicht die Kraft, sie neu zusammenzusetzen (jede Gruppe bleibt bei ihrem Stiefel).

Der BSH-Streik (siehe die letzten beiden Hefte) war ein widersprüchlicher Lernprozess, der am Ende abrupt gestoppt wurde. Über ein Jahr später hatte nun der Streikfilm Premiere, der leider genau diesen Lernprozess nicht aufgreift. (S. 19) Wenn überhaupt kommen die Hauptpersonen, die ArbeiterInnen, nur mit kurzen persönlichen Statements zu Wort, nie mit politischen Überlegungen. Kein Interview (S. 17), das sie Resümee ziehen lässt. Auch der neue Hype bei den Gewerkschaften, Organizing (S. 20), ist ein top-down-Ansatz – für Linke mit Uniabschluss eine Alternative zur akademischen Reproduktion?

Die Lokführer (S. 5) bringen die Idee von der Wirksamkeit des Streiks in die öffentliche Debatte zurück und öffnen Handlungsspielräume. Gerade bei globalisierter Produktion und just-in-time können Streiks effizient und wirkungsvoll sein. Der GDL-Streik ist korporativ, aber er bricht die Fixierung auf ein Gemeinwohl auf, das ansonsten mit Geldakkumulation gleichgesetzt wurde.

»Nun kann man sagen: Wenn da jeder käme! Ja, soll doch jeder kommen! Sollen … doch ein paar TV-Techniker das Fernsehen lahmlegen, sollen die Bauern Milch und Korn eine Zeit für sich behalten, sollen die Arbeiter am Band den Schraubenschlüssel zur Seite und den Betrieb lahm legen. Sollen … die Dachdecker nach dem nächsten Sturm sagen, nein, ich komme lieber nicht, sollen die Kassiererinnen bei Aldi und die Kassierer in den Tankstellen das Tippen verweigern. Was da alles lahmgelegt werden kann! Und was wird dann passieren? Es wird sich herausstellen, dass viel mehr Leute viel wichtiger sind, als sie gedacht haben.« (Kommentar in der FR) Dafür sind die Streiks im Einzelhandel ein gutes Beispiel! Seit Juni gab es 1500 Streiks mit über 100 000 Streikenden. Am 13. November waren allein in Berlin über 4000 Leute am Streiken. Ver.di arbeitet mit schriftlichen Streikeinladungen und war überrascht, dass Leute anriefen, die nicht angeschrieben worden waren: Sie wollten auch streiken! Es gibt sowohl starke Mitgliederzuwächse als auch eine Eigendynamik (eigene Telefonketten, gegenseitige Absprachen…). Ein ehemaliger ver.di- Funktionär machte sich Sorgen: »Hoffentlich können wir die Erwartungen erfüllen!«

Offiziellen Zahlen zufolge verdienten im April 2007 525 000 Leute mit Vollzeitarbeit so wenig, dass sie aufstockendes ALG II bezogen. Auch vor diesem Hintergrund haben Kämpfe und Lernprozesse im Einzelhandel (bundesweit 2,6 Millionen Beschäftigte, davon 700 000 geringfügig Beschäftigte) eine große Bedeutung.

An der Stelle müssen wir das Schreiben unterbrechen und schnell los in die Stuttgarter Innenstadt: die VerkäuferInnen streiken! Schon aus der Ferne hören wir einen höllischen Lärm. Vor der H&M Filiale stehen etwa 50 Streikende mit Transparenten. Ein Gewerkschaftssekretär legt sich am Mikro mächtig ins Zeug, die meisten singen mit: »Wir wolln mehr Kohle sehn, wir wolln mehr Kohle sehn…« Jungs türkischer Herkunft, die sich absolut am Mikro gefallen und einen ganz neuen Stil in diese Veranstaltungen bringen. Die große Mehrheit der Streikenden ist jung und kommt aus Migrantenfamilien. Zettel mit selbstgedichteten Liedern machen die Runde.

Sie streiken seit drei Wochen. Morgens stehen sie vor dem Laden und verteilen Flugis (Standard-Ver.di-Flugi) an die Passanten. Kaum eine Kundin lässt sich davon abhalten, in den Laden zum Einkaufen zu gehen. Zwei Wachmänner gewährleisten freien Zugang. In dieser Filiale streiken die meisten VerkäuferInnen – bis auf ein paar »Talente«, die ihren Aufstieg nicht gefährden wollen. Der Ladenbetrieb läuft mit H&M-VerkäuferInnen aus anderen Städten, »StreikbrecherInnen!« Einer schlägt »intelligentes Einkaufen« vor: in einen H&M-Laden gehen, Ein-Euro-Artikel kaufen, mit großen Scheinen bezahlen, und dann in der anderen Filiale wieder umtauschen.

Die Belegschaft dieser Filiale ist ausgesprochen guter Stimmung. Von 130 Beschäftigten arbeiten nur 30 Vollzeit, aber die meisten sind schon seit mehreren Jahren hier. Die Filiale gibt es seit elf Jahren, seit zehn Jahren haben sie einen Betriebsrat. Der mache seine Arbeit, Kündigungen bei Krankheit gehen nicht durch. Ein Verkäufer der höchsten Gehaltsstufe hat 1200 Euro netto. Die Frühschicht beginnt um 7 Uhr, obwohl der Laden erst um 10 Uhr aufmacht. Spätschicht geht bis 20 Uhr, donnerstags länger. Alle klagen über den Stress bei der Arbeit, »nicht vergleichbar mit anderen Läden!«, vor allem Kassieren sei der Hammer.

Um halb zwölf geht's zum Gewerkschaftshaus. Davor warten schon Hunderte von VerkäuferInnen (70-80 Prozent Frauen) aus ganz Baden-Württemberg: IKEA, OBI, real, Schlecker. Bei IKEA Walldorf streikt ein Drittel; letzte Woche haben sie mal ohne Vorankündigung gestreikt, das hat gesessen! Der Streik heute ist seit gestern angekündigt, die Unternehmen konnten sich vorbereiten, deshalb sind die meisten Läden offen. Bei real sieht's finster aus, sehr viele Leute mit befristeten Verträgen, die aus Angst nicht streiken, da nur die Hälfte übernommen wird (bei Festeinstellung rutschen sie eine Gehaltsgruppe höher).

Wieder kurze Kundgebung – keine Reden, nur gemeinsame Gesänge. Dann geht es in einem Demo-Zug von sicher 2000 Leuten Richtung Bahnhof, ein ziemliches Spektakel, leider nicht in der Fußgängerzone, sondern auf der Durchgangsstraße, wo es praktisch keine Fußgänger gibt. Die größte Sorge der gewerkschaftlichen Streikordner ist, dass wir erst über die Straße gehen, wenn die Fußgängerampel grün ist…

Stuttgart, 7. Dezember

Die Beilage »Unruhen in China« hat eine eigenständige Redaktion verfasst, die sich vor allem die massenhafte Proletarisierung in China angeguckt hat. Es hat nicht alles auf 80 Seiten gepasst, der Rest ist auf der Wildcat-Website im »Dossier China« nachzulesen.



aus: Wildcat 80, Winter 2007/2008



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