Wildcat-Zirkular Nr. 6 - August 1994 - S. 66-79 [z06midni.htm]


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Buchbesprechung:

»Midnight Oil« [1]

aus Aufheben, Nr. 3, Sommer 1994 [englischer Originaltext]

Einleitung

Midnight Oil ist eine Artikelsammlung des ZEROWORK-Kollektivs (1974-79) und der Midnight Notes (1979-), in deren Mittelpunkt eine präzise Analyse des Golfkriegs steht. Es gibt viele Gründe, die Veröffentlichung dieses Buches zu begrüßen. Zunächst kann das Veröffentlichen von Texten der autonomen Tradition, die vorher nur wenigen Menschen zugänglich waren, nur ein positiver Schub für Revolutionäre in diesem Land sein, die, bis auf bemerkenswerte Ausnahmen, entweder die Orthodoxie wiederkäuten oder als akademische Kontemplation von sich wiesen. Es ist auch beruhigend, daß trotz der Rückschläge, die die amerikanische Arbeiterklasse in den letzten Jahrzehnten einstecken mußte, einige amerikanische Theoretiker immer noch in der Lage sind Analysen zeitgeschichtlicher Ereignisse anzustellen - zum Glück haben nicht alle auf die Niederlagen mit dem Versuch reagiert, wie Zerzan oder Perlman aus einer mystischen Vergangenheit die Zukunft heraufzubeschwören.

Das nach dem Golfkrieg erschienene Midnight Oil bezieht die direkte Gegenposition zu den orthodoxen marxistischen Theorien, die den Krieg lediglich auf einen (inner)imperialistischen Konflikt reduziert haben. Aber wir können sie nicht unkritisiert stehen lassen, obwohl wir mit einigen Aspekten der Midnight Notes/ »autonomen« [2] Analyse symphatisieren, und sie als Waffe gegen die orthodoxe leninistische Lehre gerne aufgreifen. Während auf den ersten Blick die Breite der Analysen in Midnight Oil beeindruckend ist, fanden wir in der Tat, daß sie entscheidende Schwächen hat. Diese Probleme werden offensichtlich, wenn wir uns an die Voraussagen der Midnight Notes vor dem Golfkrieg in der Broschüre When Crusaders and Assasins Unite [deutsch: Wenn Kreuzfahrer und Assassinen sich zusammentun ...] erinnern. Sie behaupteten in dieser im November 1990 veröffentlichten Broschüre, die der amerikanischen Anti-Kriegsbewegung eine Analyse vom Klassenstandpunkt liefern wollte, daß es keinen Krieg geben werde, weil es keine grundlegenden Differenzen zwischen dem US-amerikanischen und irakischen Kapital gebe, da beide Interesse an einem höheren Ölpreis hätten.

»Diese Differenzen hinsichtlich der Kontrolle über die Festsetzung der Ölpreise und hinsichtlich der Schuldenpolitik können vermittelt werden, obwohl in diesem Vermittlungsprozeß durchaus am Rande auch militärische Gewalt angewandt werden könnte. Doch die US-Kreuzfahrer sind nicht auf der arabischen Halbinsel, um einen großangelegten, konventionellen Krieg gegen die irakischen Assassinen zu führen, wie viele es sich immer wieder ausmalen. Die US-Truppen sind nämlich nicht auf der arabischen Halbinsel, um gegen die Soldaten einer Regierung zu kämpfen, die das Spiel des kollektiven Kapitals mitspielt. Das Regime von Saddam Hussein zeigt sich vollständig gewillt und in der Lage, dieses Spiel mitzuspielen. Diese US-Invasion des persischen Golfs ist daher nicht mit dem Krieg in Vietnam zu vergleichen, wo das US-Militär hingeschickt wurde, um eine direkt antikapitalistische, revolutionäre, bewaffnete Bewegung zu bekämpfen. Sie gleicht eher der US-Besetzung von Westeuropa nach dem Zweiten Weltkrieg, die nicht in erster Linie eine sowjetische Invasion abwehren, sondern das Entstehen von revolutionären Kräften in Westeuropa selbst verhindern sollte.« [3]

Midnight Notes und No War But The Class War in Britannien versuchten mit der Betonung des Klassenkampfs über die leninistische Analyse des Krieges hinausgehen, aber wir müssen ihre Grenzen erkennen, um darüber hinauszugehen. Es ist vielleicht nicht überraschend, daß When Crusaders and Assasins Unite und die Vorhersagen in Midnight Oil verschwiegen werden. Aber für uns ist nicht wichtig, daß die Midnight nicht recht hatten, sondern warum sie nicht recht hatten. Wenn wir ihre Analyse des Golfkrieges als Lackmustest nehmen, werden die losen Fäden ihrer Theorie schnell entwirrt. Es geht nicht nur darum, daß Midnight Oil inkonsistent ist, wie man es ja auch nur erwartet von einem kollektiven Projekt mit 20jähriger Entwicklung, sondern wir finden die dahinterstehende Theorie unzusammenhängend.

Leninismus und die Imperialismustheorie

Um die Bedeutung von Midnight Oil zu verstehen müssen wir es in den Kontext der Opposition zu den dominierenden marxistischen Erklärungen des Golfkrieges stellen. In Britannien wurde die Antikriegsbewegung dominiert vom links-liberalen Pazifismus des CND, der Sanktionen befürwortete, um die Iraker zur Aufgabe zu hungern anstatt, sie ins Mittelalter zu bomben. Die schnelle Antwort der 'revolutionären Linken' war einfach die alte anti-imperialistische Position des 'Unterstützt das schwache Land gegen die imperialistische Aggression' zu bringen (trot out), die jede echte Klassenanalyse des Krieges leugnet. Aber im Fall des Iraks wurde die blanke Absurdität dieser Position offensichtlich. Wie können sogenannte Revolutionäre eine faschistische Diktatur mit einer nachgewiesenen Zahl von Massakern an der eigenen Arbeiterklasse unterstützen? Die SWP (Socialist Worker Party) hat die [knee jerk] Reaktion, den Irak zu unterstützen, bald aufgegeben, weil sie aufgrund ihres Opportunismus die Linie änderten und sich an die Friedensbewegung anhängten, in der Hoffnung, neue Mitglieder zu gewinnen, während die RCP ihre stramme Unterstützung für den irakischen Staat beibehielt. In beiden Fällen ließ ihr (rigider) Glaube an die diskreditierte leninistische Imperialismustheorie die Gruppen bei der Einschätzung der linksliberalen/pazifistischen Initiative in der Antkriegsbewegung scheitern.

Die leninistische Imperialismustheorie

Die leninistische Imperialismustheorie hat ihre Ursprünge in Lenins Imperialismus. Lenins Imperialismus basiert auf der Arbeit von Bucharin, die gegen die orthodoxe Theorie der zweiten Internationale entwickelt wurde, wie sie beispielhaft in Hilferdings Finanzkapital zu finden ist. Sie legt dar, daß seit 1870 die Welt eine Konzentration und Zentralisierung der Produktion in riesige Monopole und Kartelle, die den nationalen Markt beherrschen, erlebt hat. Dies brachte eine neue Ära des Monopolkapitalismus hervor, der, auf jeden Fall für Lenin, das letzte Stadium des Kapitalismus war. Im Monopolkapitalismus tendieren die riesigen Monopole zur Verschmelzung mit dem Finanzkapital und wegen der nationalen Bedeutung dieser riesigen Kapitale werden sie zunehmend vom Staat reguliert und gefördert. Weil diese großen Kapitale, in Kartellen organisiert, den Markt beherrschten, konnten sie die Produktion planen und die Preise festlegen. Es gab nicht mehr die Anarchie des Marktes. Die Voraussetzungen für eine zentralisierte und geplante sozialistische Wirtschaft waren gegeben. Es war nur noch nötig, daß die Arbeiterklasse die Macht übernimmt und die großen Monopole und Banken verstaatlicht.

Aber um Monopolprofite machen zu können, beschränkten die großen Monopole die inländische Produktion, um die Preise nach oben zu treiben. Eine verringerte Produktion begrenzte die Investitionen, woraus beide Tendenzen entstanden - Überproduktion und Kapitalüberschuß, der im Ausland investiert werden mußte. Das führte zu einem Drang auf ausländische Märkte und Imperialismus unter dem Schutz des Staates, aber dies brachte jede imperialistische Macht in Rivalitätskonflikte mit den anderen Mächten. Der orthodoxe/zentristische Kautsky ging davon aus, der imperialistische Konflikt würde sich letztendlich friedlich in einem Ultra-Imperialismus auflösen. Lenin sagte, er könne lediglich durch Krieg und Revolution gelöst werden. Eine These, die er durch den Ersten Weltkrieg bewiesen sah.

Probleme der leninistischen Theorie

Erstens ist seine Analyse veraltet, wenn sie auf die aktuelle Situation angewandt wird. Hilferdings Arbeit, auf der Lenins Arbeit weitgehend aufbaut, bezieht sich auf die Ära des Monopolkapitalismus zur Jahrhundertwende, speziell auf die Situation in Deutschland. Aber mit der Entwicklung und Durchsetzung des Fordismus besteht die Teilung der Welt nicht mehr länger aus überausgebeuteten Kolonien, sondern vielmehr erscheint die Dritte Welt als marginalisierte Ökonomien innerhalb des Weltmarktes, die das Kapital nicht vollständig ausbeuten kann.

Vielleicht ist noch wichtiger, daß Lenins Theorie des Imperialismus durch die Annahme einer Passivität der Arbeiterklasse eingeschränkt ist. Die Arbeiterklasse ist der am wenigsten entwickelte Aspekt in Lenins Imperialismus, während die Dynamik zum Krieg und die Möglichkeit der Planung völlig aus den Verhältnissen innerhalb des Kapitals abgeleitet werden. So wird die Arbeiterklasse als passiv gesehen, die durch objektive Bedingungen heranreifen muß, bevor sie in der Lage ist, entscheidend in Aktion zu treten. Das wird besonders deutlich in Lenins Konzeption der Arbeiteraristokratie in dem Sinn: die Arbeiter sind 'gekauft', und nicht in dem Sinn, sie haben Zugeständnisse erreicht, die die Monopole zwangen, den Preis zu erhöhen. Deshalb ist das Ergebnis von Lenins Imperialismus, mit dieser Annahme der Passivität der Arbeiterklasse, daß er die Bewegung zum Kommunismus in den Widersprüchen innerhalb des Kapitals als objektivem ökonomischen System und nicht in der revolutionären Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse lokalisiert.

Autonomie gegen die leninistischen Imperialismustheorien

Wenn die Unangemessenheit von Lenins Imperialismus, wie er auf den Golfkrieg angewandt wird, darin liegt, daß der Kern die 'Objektivität' ist, also das Kapital, können wir ihn dann bekämpfen, wenn wir die »autonome« These der 'Subjektivität', also des Klassenkampfes, der Midnight Notes benutzen? Die große Stärke der Midnight Notes und anderer »autonomer« Marxisten ist, die Zentralität des Klassenkampfes herauszustellen. Mit ihrer Sicht der Klassenzusammensetzung, besonders der Idee des Massenarbeiters, haben Midnight Notes und andere »Autonome« die Notwendigkeit erkannt, über die Phase des Monopolkapitalismus, wie er von Hilferding beschrieben wurde, hinauszugehen. Mit dem Bezug auf die Arbeiterklasse als autonome Kraft innerhalb und gegen das Kapital waren die »Autonome« in der Lage, den Fordismus und den Widerstand dagegen zu begründen. Technologie und Organisation der Arbeiterklasse reflektieren von daher beide eine bestimmte Machtverteilung als Ergebnis vorangegangener Kämpfe. Deshalb sind Gewerkschaften, Sozialdemokratie und leninistische Parteien spezifische historische Organisationsformen.

Midnight Oils große Kraft liegt in der Betonung des Klassenkampfes, ob es Wanderarbeiter der Ölindustrie, irakische Deserteure, streikende Autoarbeiter, wild streikende Bergarbeiter oder italienische Mietstreikende sind. Aber während dieser Bezug auf die Selbsttätigkeit der Klasse die Stärke von Midnight Oil ist, ist er auch gleichzeitig seine größte Schwäche. Das Problem der Midnight Notes ist nicht einfach, daß sie den Klassenkampf überbetonen, sondern daß sie den modernen Kapitalismus nicht ausreichend verstehen. In der Konzentration auf die Kämpfe neigen sie dazu, die Funktionsweise des Weltmarkts auf eine reine Machtfrage zu reduzieren, wo das Kapital kollektiv die Preise diktiert, um die Arbeiterklasse anzugreifen.

Wert und Apokalypse

Für Marx ist der Kapitalismus nicht die letzte Wiedergeburt einer allwissenden Megamaschine, die entstanden ist, um die Menschheit zu unterdrücken, und auch nicht eine einfache Vereinbarung, in der sich die Kapitalistenklasse bewußt verschworen hat, uns auszubeuten. Kapital ist vielmehr ein gesellschaftliches Verhältnis, durch das menschliche Handlungen als eine fremde und objektive Macht gegenübertreten, die menschlichen Willen subsumiert und für den bedingungslosen Drang zur eigenen quantitativen Ausweitung benutzt. Als solcher ist Kapitalismus für Marx weit entfernt von einem bewußt regulierten System. Als eine Totalität ist Kapital ein Prozeß, der sich ständig aus den Konflikten selbsterneuern muß und dafür den Widerspruch zwischen getrennten Individuen und antagonistischen Klassen nutzen muß. Das heißt natürlich nicht, daß es keine bewußten Versuche von Planung oder Formen sozialer Kooperation, wie den Staat, gibt, aber das sind einzelne Momente innerhalb des Kapitals als unbewußtem Subjekt und sie entstehen nur aus bestimmten Kampfbedingungen und der Konkurrenz zwischen Individuen und Klassen.

Jenseits ihrer unterschiedlichen politischen Ansichten sehen sowohl die Midnight Notes wie auch der orthodoxe Marxismus Lenins und Kautskys eine grundlegende Veränderung im Kapitalismus verglichen zu dem im Marxschen Kapital beschriebenen - sie begreifen den modernen Kapitalismus in der Entwicklung zu einem bewußt regulierten System.

Das hängt zusammen mit der Vorstellung davon, wie wir das Übergangsstadium zum Sozialismus/Kommunismus erreichen. Der orthodoxe Marxismus sieht das in erster Linie unter den Bedingungen der innerkapitalistischen Verhältnisse, in Form wachsender Staatsintervention und dem Wachstum der Monopole, die beide zu geplanter Produktion und Tausch anstelle Regulierung durch die Anarchie des Marktes führen, also die Überwindung des Wertgesetzes. Die Midnight Notes/"Autonomen« sehen die Überwindung des Wertgesetzes dagegen mehr in der Trennung der Arbeit vom Kapital durch die Automatisierung der Produktion.

Das Fragment über die Maschinen

Die theoretische Basis für die Position von Midnight Notes, das Wertgesetz sei überwunden, liegt in dem inzwischen berühmten Abschnitt in den Grundrissen, der als Fragment über die Maschinen bekannt worden ist. Auf diesen Seiten beschreibt Marx lebhaft, wie das Kapital in seinem Drang, die gesellschaftliche Produktivität der Arbeit durch Mechanisierung und letztlich Automatisierung der Produktion zu erhöhen, dazu führt, daß die Produktion immer weniger proportional zur eingesetzten Arbeitskraft ist. Da aber das Kapital nichts anderes als die Ausweitung entfremdeter Arbeit ist, treibt diese Tendenz das Kapital über seine eigene Grundlage hinaus. Folglich Krise und Apokalypse. Wie Marx schreibt:

»Sobald die Arbeit in unmittelbarer Form aufgehört hat, die große Quelle des Reichtums zu sein, hört und muß aufhören die Arbeitszeit sein Maß zu sein und daher der Tauschwert [das Maß] des Gebrauchswerts. [...] Das Kapital selbst ist der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren [sucht], während es andererseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. [...] Nach der einen Seite ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der natur, wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, um die schöpfung des Reichtums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Nach der anderen Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit, und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Wert als Wert zu erhalten.« [4]

Die Vorstellung, es gebe eine Tendenz zur Aufhebung des Wertgesetzes ist zentral dafür, wie die Midnight Notes den Erdölpreis analysieren. Sie ermöglicht ihnen die Position, daß der Wert nicht länger ein notwendiger Maßstab/Regulator des Kapitals ist und somit die Arbeit zur reinen Form gesellschaftlicher Disziplinierung geworden ist. Folglich ist die Verweigerung der Arbeit nicht länger eine utopische Forderung. Und in dem Ausmaß, in dem die Arbeit vom Kapital getrennt und nicht länger durch den Wert vermittelt ist, haben wir es nur noch mit zwei antagonistischen Klassen zu tun, von denen jede ihre eigene Strategie hat. Deshalb versucht der kollektive Kapitalist seine Macht zu erhalten, indem er Arbeit aufzwingt, und der kollektive Arbeiter versucht zu widerstehen und diese Arbeit zu verweigern.

In Midnight Oil versuchen die Midnight Notes, diese Tendenz einseitig anzuwenden als wenn sie eine langfristige historische Tendenz sei, die nun real wird. [5] aber damit geraten sie in große Probleme. Wenn diese Tendenz real geworden ist, dann tritt das Kapital über seine eigene substanz hinaus. Wenn Kapital nicht die Selbst-Expansion von Wert ist, was ist es dann? Das Kapital verschwindet! Unredigiert durch objektive Kategorien von Wert und Kapital sind wir alleingelassen mit zwei antagonistischen Subjekten, der 'kapitalistischen' Klasse und der 'Arbeiter'klasse, die in einen apokalyptischen Kampf auf Leben und Tod verstrickt sind. Sind wir in einer solchen Epoche angekommen? Ist die fortdauernde Existenz von kapitalistischer Konkurrenz und Märkten lediglich eine Illusion aus der Vergangenheit? Die Midnight Notes starren in den Abgrund und sehen die Konsequenzen einer solchen Schlußfolgerung, sie schrecken davor zurück:

»[W]enn das Kapital nach Belieben die Energie- und Industriepreise aufgrund der Macht der multinationalen Konzerne verändern und manipulieren kann, d.h. unabhängig von der Arbeitsmenge, die in die Warenproduktion eingeht, dann müssen wir Arbeit und Mehrwert (Ausbeutung) als unsere grundlegenden Kategorien aufgeben. Marx wäre dann zwar ehrenwert, aber gestorben. Wir müßten die Position eines Sweezy oder Marcuse übernehmen, wonach Monopole und technologischer Fortschritt das Kapital vom »Wertgesetz« unabhängig gemacht haben. (Dieses Gesetz besagt, daß Preise, Profite, Kosten und andere betriebswirtschaftliche Einheiten sich an der Arbeitszeit messen {und von dieser erklärt werden}, die in die Warenproduktion und die Reproduktion der dafür benötigten Arbeiter eingeht.) Scheinbar kann das Kapital seine eigenen Gesetze brechen, der Klassenkampf verlagert sich auf die Ebene des reinen Machtkampfes, des »Willen zur Herrschaft«, Macht gegen Macht; und die Preise werden Teil des Gewaltverhältnisses, willkürlich ausgelöst wie das Abfeuern eines Schusses.« [6]

Stattdessen versuchen sie, das Problem zu umgehen, das sich aus der Aufgabe des Wertgesetzes ergibt, indem sie behaupten, nur bestimmte Sektoren seien vor der Arbeit geflüchtet, aber diese Sektoren - Erdöl und Nahrungsmittel - sind grundlegende Bedarfsgüter, deren Preis alle anderen Preise bestimmt. Sie können deshalb als Waffe benutzt werden, durch die der Kapitalismus als weltweites System gegen die Arbeiterklasse organisiert werden kann. In mehreren Artikeln, vor allem [den bereits zitierten] Anmerkungen zur internationalen Krise setzen sie die politische Kontrolle über das Erdöl als selbstverständlich voraus, aber in Die Arbeits/Energie-Krise und die Apokalypse [TheKla 12] versuchen sie eine Erklärung in Begriffen unterschiedlicher organischer Zusammensetzungen des Kapitals.

Mit Marx behauptet Die Arbeits/Energie-Krise und die Apokalypse, daß der Ausgleich der Profitrate bedeutet, daß sich die Preise von den Arbeitswerten unterscheiden müssen, weil sich das Verhältnis von lebendiger zu toter Arbeit in den verschiedenen Industriebranchen unterscheidet. Da Mehrwert nur von lebendiger Arbeit angeeignet werden kann, können Industriebranchen, die eine große Menge Arbeit im Verhältnis zu den in ihnen angewandten Produktionsmitteln ausbeuten (also diejenigen mit einer niedrigen organischen Zusammensetzung), relativ mehr Mehrwert produzieren als Kapital, das in stark mechanisierten Industriebranchen angelegt ist (also Kapital mit einer hohen organischen Zusammensetzung). Der Ausgleich der Profitrate geschieht durch den Transfer von Mehrwert von den Branchen mit niedriger organischer Zusammensetzung zu denen mit hoher organischer Zusammensetzung. Damit dies stattfinden kann, müssen in Branchen mit hoher organischer Zusammensetzung die Preise höher als die Werte sein und niedriger in Branchen mit niedriger organischer Zusammensetzung.

Davon ausgehend versuchen die Midnight Notes dann, Marx umzudrehen, indem sie behaupten, dies beweise, daß Preise von Werten entkoppelt sein können in Branchen mit hoher organischer Zusammensetzung wie Nahrungsmittel und Erdöl. Aber Marx versuchte genau das Gegenteil zu zeigen, nämlich wie trotz der Veränderungen in Preisen und Werten gleichwohl die Werte die Produktion und den Tausch regulieren. [7] Und gerade durch die Analyse der Herausbildung der Durchschnittsprofitrate und der Herausbildung der Produktionspreise, die systematisch von den Werten abweichen, zeigt Marx, wie das 'Wertgesetz' - vermittels der Konkurrenz zwischen einzelnen Kapitalisten - jedes individuelle Kapital dazu zwingt so zu handeln, als sei es nur ein besonderer Teil eines allgemeinen Kapitals, trotz aller bewußten Absichten auf seiten der Kapitalisten selbst. [8]

Selbst wenn wir also akzeptierten, daß Energie und Nahrungsmittel Bereiche hoher organischer Zusammensetzung sind - was wir nicht tun [9] - hat The Work/Energycrisis and the Apocalypse keinen ausreichenden theoretischen Grund unter den Füßen. Und Midnight Notes geben das sogar selbst zu, wenn sie einräumen, daß die Kapitalisten nur 'scheinbare Freiheit' haben, wenn es darum geht, die Erdölpreise unabhängig von der Arbeit, die in die Erdölproduktion eingeht, festzusetzen. [10] Aber erst anhand der Geschichtsbetrachtung der Midnight Notes wird die Bedeutung dieser theoretischen Lücken deutlich.

Erdöl als Geschichte

Ist es richtig, wie die Midnight Notes behaupten, daß die Geschichte des Nachkriegs-Kapitalismus die Geschichte von Veränderungen des Erdölpreises ist?

Bekanntlich sprengten in den späten 60er Jahren Arbeiterkämpfe den Lohn-Produktivitäts-Deal des Keynesianismus. Arbeiter forderten 'mehr Geld - weniger Arbeit', und das führte zu einem Einbruch der Profite. Die Midnight Notes behaupten, das 'Kapital' (in Form der USA) habe als Antwort auf diese Offensive die 'Energiekrise' eingesetzt, indem sie die Ölpreise nach oben trieben, was zu einer Umstrukturierung des Kapitals und zu Reallohnverlusten führte. So führte die Vervierfachung der Erdölpreise 1973-74 zu riesigen Profiten der Energieunternehmen und erdölproduzierenden Länder, die dann als Petrodollars recyclet wurden und massiven Investitionen in die Automatisierung von Fabriken sowie die Produktionsverlagerung in die »neu industrialisierten Ländern«, wo die Arbeit billiger war, ermöglichte.

Nachdem das Kapital den Erdölpreis hochgetrieben hatte, führen die Midnight Notes aus, mußte es ihn auch wieder nach unten bringen. Denn Mitte der 70er Jahre hatten sich erdölproduzierende Staaten im Nahen Osten, Nordafrika und in der Karibik breiten [popular] Forderungen gebeugt und 'vergeudeten' die erhöhten Erdöl-Einnahmen in Form von höheren Löhnen und Sozialausgaben. Die höheren Erdölpreise führten nicht nur dazu, daß das Erdölproletariat höhere Löhne forderte, sondern ermutigten es, in Ländern wie dem Iran auch dazu, ihre Herrscher zu stürzen und zu versuchen, Kontrolle über den Reichtum zu erlangen, den sie produzierten.

Deshalb, so behaupten die Midnight Notes, verließ das Kapital in den 80er Jahren seine Strategie, die Erdölpreise hoch zu halten und setzte Austeritätsmaßnahmen durch. Dies schloß notwendigerweise ein, daß der Erdölpreis gesenkt wurde, um das Erdölproletariat anzugreifen. Deshalb setzte die US Federal Reserve Bank eine globale Verlangsamung [slowdown] ins Werk, indem sie das Geldangebot einschränkte, was zu einem scharfen Anstieg der Zinsraten führte, und in Verbindung mit einem Verlust an Einnahmen durch den Export die Schuldenkrise auslöste. Als hauptsächlicher Exekutor des Kapitals verschrieb der IWF den Schuldnerländern Austeritätsmaßnahmen, das heißt ein vorteilhafteres Investitionsklima und Produktion für den Export. Midnight Notes zufolge führte aber der Widerstand der Arbeiterklasse gegen die Austeritätspolitik dazu, daß die Rückzahlung der Schulden der Dritten Welt gefährdet war. Dies zwang die USA dazu, den Dollar um die Hälfte abzuwerten, wodurch auch die (in US-Dollar berechneten) Schulden sich halbierten, um das globale Bankensystem zu retten.

Wie erwartet führte diese Ausweitung der Austeritätspolitik zu einem heftigen Widerstand der Arbeiterklasse, so daß, wie die Midnight Notes ausführen, Ende der 80er Jahre das Kapital das Scheitern seines Austeritätsprogramms festgestellt hätte und daß es deshalb eine massive Expansion mit riesigen neu zu erschließenden Gebieten wie Rußland und China plante. Die Vorstellung war, daß die billige Arbeit und Rohstoffe des sozialistischen Blocks dazu genutzt werden könnten, die Löhne der ArbeiterInnen im Westen zu untergraben. Aber angesichts der weltweiten Rezession waren die Investitionen knapp, deshalb sollten die Erdölpreise als Motor benutzt werden, um zusätzliche Mittel für eine allgemeine Umstrukturierung der globalen Akkumulation bereitzustellen. Diese Umstrukturierung sollte sich auf die Reorganisierung der Erdölindustrie konzentrieren, besonders in den Gebieten, wo sie nationalisiert worden war. Das internationale Kapital hoffte, diese Gebiete als Ergebnis fallender Erdölpreise zwangsweise öffnen zu können; aber als der IWF versuchte, Ölstaaten wie Nigeria, Venezuela, Algerien und Marokko zu zwingen, Sozialausgaben und Löhne zu kürzen, kam es zu massenhaften Aufständen. Deshalb, so führen die Midnight Notes aus, konnten die Erdölpreise nur dann erhöht werden, wenn eine massive Steigerung der Repression die Proleten davon abhielte, sich eine Scheibe der geplanten Erdöleinkommen anzueignen, wie es die 70er und 80er Jahre über passiert war.

Den Midnight Notes zufolge ist der Golfkrieg somit entstanden aus dem Prozeß der Rekolonisierung in den späten 80er Jahren, der auf den Kollaps des sozialistischen Blocks folgte. Um die Erdölfelder im Ostblock, in Mexiko und Nigeria zu öffnen, bedurfte es einer neuen Welle von Investitionen, um sie profitabel zu machen. Aber die lokalen Regimes könnten sich dazu gezwungen sehen, einen Teil der erhöhten Einnahmen den Proleten zu geben. Den Midnight Notes zufolge wurde der Golfkrieg also gebraucht als Beispiel, um die Proleten zu terrorisieren, damit sie ein Leben in extremer Armut inmitten gigantischer Akkumulation von Reichtum akzeptieren. Deshalb

»war die Re-Organisierung der ArbeiterInnen in den bedeutendsten erdölproduzierenden Regionen des Planeten kein zufälliges Nebenprodukt des Kriegs, sondern eher sein zentrales Anliegen, und zwar eines, das trotz einiger Streitereien [untereinander], von den herrschenden Klassen von Irak, Kuweit, Saudi Arabien, Europa und den USA geteilt wird. Da die Erdölindustrie im Nahen Osten (und international) dabei war, ihre größte Expansion in den letzten 15 Jahren vorzubereiten, mußte sie ein zunehmend rebellisches erdölproduzierendes Proletariat sowohl neuzusammensetzen wie terrorisieren. Vor dem Hintergrund einer 'internationalen Intifada' gegen die IWF-Austeritätspläne hatte jeder neue Versuch, inmitten neuer, auf der Erhöhung des Erdölpreises gründender Akkumulationswellen von Reichtum die Lebensbedingungen der ArbeiterInnen auf breiter Grundlage zu verschlechtern, zur Voraussetzung, daß die Militarisierung sprunghaft angehoben wird.« [11]

Das Abgleiten in die Verschwörung

Das zentrale Problem von Midnight Oil besteht darin, daß ihr Versuch, die Geschichte des Kapitalismus auf die Geschichte der Veränderungen der Erdölpreise zu reduzieren, in der Tendenz zu einer Verschwörungstheorie führt, wo ein vereinigtes Kapital die Energiepreise manipuliert, um die Arbeiterklasse anzugreifen. Niemand bestreitet die Auswirkung/Bedeutung [impact] der Erdölpreise, oder ihre Rolle bei der Umstrukturierung des Kapitals nach der Offensive der Arbeiterklasse in den 60er und 70er Jahren, aber die Analyse von Midnight Notes ignoriert völlig die Bedeutung der Entwicklung des globalen Finanzkapitals. Denn da das globale Finanzkapital jenseits der Kontrolle jeder Regierung agiert, untergräbt es die Vorstellung der Midnight Notes von einem vereinigten Kapital, das bewußte Kontrolle ausübt.

Ebensowenig gelingt es den Midnight Notes, an irgendeiner Stelle in Midnight Oil zu zeigen, wie und von wem Erdölpreise manipuliert werden. Wer entscheidet über 'die Strategie des Kapitals'? Überdies belegt die von ihnen zitierte 'Dokumentation' zum Beweis der Konspiration der USA mit der OPEC zur Verdreifachung der Erdölpreise ihre Behauptung nicht. [12] Sie zeigt nur, daß vor dem Hintergrund der Verdreifachung der Erdölproduktion und der Explorationskosten in den USA die amerikanische Erdölindustrie in der Lage war, die US-Regierung zu beeinflussen, nicht zu intervenieren, als zunächst Libyen und dann die anderen Staaten die Gelegenheit der Krise in der Erdölindustrie dazu benutzten, die Preise auf Höhen zu treiben, die von den am Rande der Profitabilität liegenden Produzenten in den USA bestimmt waren. Die Erdölkrisen von 1973, 1979 und 1986 lassen sich besser als kritische Konjunkturen [Zusammentreffen] in der Entwicklung der Erdölindustrie weg von der bewußten und geplanten Regulierung der Produktion und des Austauschs durch die großen Sieben, von der US- und der britischen Regierung unterstützten, Erdölgesellschaften hin zu einem vereinigten Erdölmarkt verstehen, der zu einem großen Teil nicht mehr von Regierungen und Monopolen bewußt zu regulieren ist.

Die Begrenzungen der Methode und Analyse von Midnight Notes werden kraß deutlich in den Artikeln Oil, Guns and Money und Rambo on the Barbary Shore. Obwohl Rambo on the Barbary Shore sich vorgeblich damit beschäftigt, wie Saudi Arabien die Erdölproduktion 1985-86 verdoppelte und wie das mit dem US-Bombardement von Libyen zusammenhängt, faßt es in Wirklichkeit Midnight Notesī Konzeption davon zusammen, wie das Kapital den Markt manipuliert. Dieses Argument wird zusammengefaßt in Oil, Guns and Money, wo sie in bezug auf die 50%ige Abwertung des Dollar im Jahr 1985 folgenden Standpunkt vertreten:

»Dieses Manöver verminderte mit einem Schlag den Wert der Schulden, die Länder wie Mexiko und Polen aufgehäuft hatten, um die Hälfte. Aber dies geschah nicht aus Nächstenliebe. So wie die Senkung der Zinssätze 1983 durch Mexikos Moratorium ausgelöst worden war, wurde die Dollarabwertung durch Südafrikas Moratorium auf Rückzahlungen an ausländische Banken im August 1985 ausgelöst. Die Möglichkeit, daß das südafrikanische Kapital dem Kämpfen der schwarzen Arbeiter im eigenen Land unterliegen könnte und daß diese Maßnahme andere Regierungen auf der Welt dazu veranlassen könnte, ebenfalls Schuldenrückzahlungen zu stoppen, reichte aus, um das westliche Kapital dazu zu bringen, die Bedingungen der weltweiten Verschuldung zu ändern. In dieser Manipulation monetärer Werte sehen wir die kapitalistische Planung auf ihren abstraktesten und am meisten verdinglichten Ebenen, wo Entscheidungen, scheinbar weit weg von der Arbeit im Betrieb oder in der Küche letztlich die allertiefsten Auswirkungen mit sich bringen. Eine der wichtigsten Konsequenzen der Dollarabwertung war zum Beispiel die gleichzeitige Verbilligung des Erdöls. Und während des freien Falls des Dollars verdoppelte Saudi Arabien seine Produktion innerhalb von neun Monaten und halbierte damit den Erdölpreis. Die US-Regierung arrangierte diese Verbilligung des Erdöls, damit die Kosten für die Importe in die USA nicht in schwindelerregende Höhen schossen. Denn mit einem Dollar, der nur noch halb so viel wert war, wären die Importe, besonders von Erdöl, doppelt so teuer geworden. Die USA waren sowieso schon auf dem Weg, zum größten Schuldnerland der Welt zu werden, und es gab die Befürchtung, daß die Dollarabwertung sie über den Rand der Solvenz gestoßen hätte. Diese Doppelmanöver von 1985-86 - die Dollarabwertung und Ölpreissenkung - zeigen, wie der internationale Markt vom Kapital bewußt strukturiert wird.« [13]

Diese ganze Analyse ist voller Fehler, wie sie für die theoretischen Unzulänglichkeiten der Midnight Notes symptomatisch sind. Zunächst wurde der US-Dollar nicht einseitig und auf einen Schlag abgewertet. Die auf das Plaza-Abkommen folgende Dollarabwertung zog sich über beinahe zwei Jahre hin und erforderte die konzertierte Aktion der Zentralbanken der größten Industriemächte, deren Reserven nur einen Bruchteil der riesigen Kapitalflüsse ausmachten, die sich auf den internationalen Geldmärkten drängen. Zweitens halbiert die Abwertung nicht unbedingt die Schulden der USA, vor allem dann nicht, wenn diese in US-Dollar ausgedrückt werden und der Exporteur, z.B. Mexiko, hauptsächlich mit den USA Handel treibt. Es ist richtig, daß der Widerstand gegen die Schulden zur Umschuldung im Bakerplan führte und gleichzeitig die Strategie der US-Regierung begrenzte, die Zinsraten zur unbegrenzten Verteidigung eines überbewerteten Dollars einzusetzen; stattdessen mußten sie den Dollar in internationaler Kooperation 1985 abwerten. Aber wir können nicht einfach Fluktuationen des US-Dollars mit der Festsetzung des Erdölpreises erklären, wozu die Midnight Notes neigen. Den Wert des Dollars zu halbieren bedeutet nicht, daß die Erdölpreise halbiert werden müssen, um die Außenhandelsschulden der USA nicht zu verdoppeln, denn der Preis des Erdöls wird in Dollar festgelegt. Folglich zeigen die Doppelmanöver von 1985-86 nicht, wie der internationale Markt vom Kapital strukturiert wird, sondern im Gegenteil, wie Versuche zur bewußten Regulierung internationaler Märkte höchst begrenzt sind!

Verschwörung um Mitternacht?

Alles in allem ist Midnight Oil ein wichtiges Buch, denn seine hartnäckige Betonung der Kämpfe der Arbeiterklasse ist ein wichtiges Korrektiv zum Objektivismus des Leninīschen Imperialismus und seinen Vertretern. Aber es ist verheerend untergraben von der Tendenz der Midnight Notes, bestimmte Ergebnisse der bewußten Strategie eines vereinigten Kapitals zuzuschreiben. Das ganze Buch hindurch gelingt es den Midnight Notes nicht zu zeigen, wie sich das Kapital konstituiert. Sie deuten an, daß der US-Staat die Strategie des Kapitals formuliert, können dann aber nicht erklären, wie die US-Politik formuliert wird. Das Problem besteht darin, daß die Konzeption der Midnight Notes von einem vereinigten Kapital darauf hinausläuft, daß sie Kapitalismus mit den Aktionen der individuellen Kapitalisten zusammenlaufen lassen. Kapitalismus hat keine Strategie, auch wenn Kapitalisten unterschiedliche Strategien verfolgen. Kapitalismus als eine Totalität wird über den Weltmarkt vermittelt und entsteht aus dem Konflikt zwischen und innerhalb der unterschiedlichen Kapitale und der Arbeiterklasse.

Selbst wenn das Kapital eine Strategie hätte (was es nicht hat), so können die Midnight Notes nicht erklären, wie es organisiert ist und von wem. Wenn wir voraussetzen, daß die Midnight Notes das Kapital als undifferenzierte Einheit sehen, die eine abgestimmte Strategie gegen die Arbeiterklasse durchsetzt, dann würden wir es akzeptieren, daß sie sich auf Organisationen wie die UNO, den IWF, G7 usw. konzentrieren. Zu diesen Organisationen, die als Arenen angesehen werden könnten, um die 'Strategie des Kapitals' auszuarbeiten, legen sie aber sehr wenige Analysen vor. Eine solche Unterlassung kann aber nicht einfach ein Fehler der Midnight Notes sein, es ist eher eine Konsequenz ihrer Methode, die nicht auf Spaltungen innerhalb des Kapitals schaut, weil ihre Theorie solche Spaltungen wegdefiniert hat.

Sobald ihre Konzeption eine vereinigten Kapitals auf konkrete Ereignisse angewandt wird, springen ihre Ungereimtheiten ins Auge. Zum Beispiel betrachteten die Midnight Notes den Golfkrieg als eine vom kollektiven Kapital durchgesetzte, verabredete Strategie zur Durchsetzung höherer Ölpreise. Zu Beginn veranlaßte sie das, die Position einzunehmen, daß es nicht zum Krieg kommen würde, [14] höchstens zu Scheingeplänkel. Denn warum sollte es zum Krieg kommen, wenn es letztlich keine fundamentalen Meinungsverschiedenheit zwischen dem Irak und den USA gab? Als sie dann aber durch die Ereignisse gezwungen waren zuzugeben, daß Krieg geführt wurde, reduzierten sie diesen auf die Militarisierung der Erdölproduktion durch das kollektive Kapital. Dies führt tendenziell zur Aussage, daß der Irak und die USA die Invasion Kuweits insgeheim - via April Glaspie - abgesprochen hatten, als Teil einer koordinierten Strategie zur Erhöhung der Erdölpreise. Während die Invasion von Kuweit eine Konsequenz aus der Unfähigkeit der Ba'ath-Partei war, Austeritätsmaßnahmen gegen die eigene Arbeiterklasse durchzusetzen, trifft es nicht zu, daß sie Teil eines koordinierten weltweiten Plans zur Militarisierung der globalen Erdölindustrie war, wie man an der »Unordnung« in der Antwort der US-Regierung deutlich sehen kann.

Indem sie den Ereignissen eine vordefinierte Konzeption eines vereinigten Kapitals aufzwingen, sind die Midnight Notes in der Lage, ihre Position zum Golfkrieg zu wechseln vom 'gefälschten Krieg' [phoney war] zu einer Methode des irakischen Regimes, Austeritätsmaßnahmen durchzusetzen. Dies kulminiert in ihrem Argument, daß der irakische Staat nicht glaubte, daß die USA intervenieren würden, und selbst wenn er das glaubte, daß es dennoch in den Interessen des Ba'ath-Regimes lag. Es ist wahr, daß die hauptsächlichen Ziele des UNO-Bombardements Zivilisten waren, Infrastruktur und Truppen auf dem Rückzug, welche die Hauptkraft der Revolte im Irak ausmachten; aber daraus zieht Midnight Notes die Schlußfolgerung, daß der Krieg im Interesse der Ba'athisten war, weil er es ihnen schließlich ermöglichte, Austeritätsmaßnahmen gegen die irakische Arbeiterklasse durchzusetzen. Dabei war der Triumph des Ba'ath-Staates über die Aufstände der Arbeiterklasse alles andere als garantiert. Und es ist nicht wahr, daß der irakische Staat das völlige Zerbomben [saturation bombing] suchte, was zur massiven Zerstörung von produktivem Kapital führte und zur Gefahr des Umsturzes, weil er eventuell annahm, dies würde seine Fähigkeit zur Durchsetzung von Austeritätsmaßnahmen verbessern. Wenn wir die dezimierten Erdölindustrien von Irak und Kuweit ausnehmen, dann gelingt es Midnight Notes nicht zu zeigen, daß die Erdölproduktion nach dem Golfkrieg stärker militarisiert ist als zuvor. Und selbst vor dem Hintergrund des Bürgerkriegs in Jemen kostet das Erdöl heute etwa 16$ pro Barrel, also das gleiche wie vor dem Krieg. Dies ist also keinesfalls die massenhafte Erhöhung der Erdölpreise, welche die Midnight Notes als Ergebnis der durch den Golfkrieg vom kollektiven Kapital durchgesetzten Militarisierung der Erdölindustrie erwarteten. Und angesichts der Tatsache, daß die Erdölpreise in naher Zukunft auf 13 - 14 Dollar pro Barrel sinken werden, können wir schließen, daß das Kapital entweder keine Strategie der hohen Erdölpreise verfolgt, oder daß es nicht in der Lage war, eine solche durchzusetzen. Es ist klar, daß die Erdölpreise nicht als Motor für eine neue Akkumulationsphase funktionieren, welche die Welt aus der Rezession zieht.

Und wenn wir schließlich die Theorie der Midnight Notes auf andere Konflikte wie in Somalia und Jugoslawien anwenden, bricht ihre Methode zusammen. Der Krieg im früheren Jugoslawien ist ein perfektes Beispiel für die Uneinigkeit und Spaltungen zwischen den verschiedenen Kapitalien. [15] Während die Leninisten den Konflikt als imperialistischen Krieg sehen, den Stellvertreter auskämpfen, tendieren die »autonomen« Analysen dazu, ihn als Konspiration eines vereinigten Kapitals zu sehen, das Nationalismus und Krieg dazu benutzt, eine kämpferische Arbeiterklasse zu spalten und zu unterwerfen. Diese beiden Positionen stellen die entgegengesetzten Seiten derselben undialektischen Münze dar. Solche Konflikte können wir theoretisch nur verstehen, wenn wir verstehen, wie der Klassenkampf durch Konkurrenz vermittelt wird und umgekehrt. Die Antipathie der »Autonomisten« dialektischem Denken gegenüber bedeutet, daß sie zwar die Schmähreden der Antiimperialisten korrigieren, sie aber nicht überwinden [supersede] können.


Fußnoten:

[1] Midnight Oil - Work, Energy, War, 1973-92. Midnight Notes. Autonomedia, Brooklyn 1992; - auf deutsch zusammen mit anderen Texten in: TheKla 10 - Zerowork, TheKla 12 - Arbeit, Entropie, Apokalypse, TheKla 14 Ölwechsel und TheKla 17 - Midnight Oil erschienen.

[2] Sie erklären an anderer Stelle das Problem, den Begriff »Operaismus« ins Englische zu übersetzen; meisten schreiben sie deshalb »autonom« oder »autonomist«. Das ist historisch nicht ganz korrekt, reicht aber für den hier behandelten Zusammenhang aus. Um Mißverständnisse zu vermeiden, haben wir das Wort dann jeweils in Anführungen gesetzt; d.Ü..

[3] Wenn Kreuzfahrer und Assassinen sich zusammentun, muß das Volk sich in acht nehmen, Beilage Wildcat 54.

[4] Karl Marx, Grundrisse, Berlin 1953/74, S. 593

[5] Die Konzeption dieser Tendenz des Kapitals, das über das Maß des Werts hinausgetrieben wird, sieht der stärker mechanistischen Analyse des tendenziellen Falls der Profitrate des orthodoxen Marxismus verblüffend ähnlich. Dies ist vielleicht nicht völlig überraschend, man könnte nämlich vertreten, daß in den Fragmenten über die Maschinen in den Grundrissen Marx noch dabei ist, seine Theorie der fallenden Profitrate auszuarbeiten - so hat er zum Beispiel die Kategorie des konstanten Kapitals an diesem Punkt noch nicht entwickelt. Jedenfalls erklären die Midnight Notes nicht explizit, wie sie diese Tendenz selbst sehen, und unterdrücken Versuche, diesen Punkt zu klären. Und zwar dadurch, daß sie Versuche, diese Passagen in ihrer Beziehung zum Rest der Marxschen Theorie zu klären, als pure 'Marxologie' abtun.

[6] Midnight Oil S. 235; hier zitiert nach TheKla 12 S. 42.

[7] Dennoch liefern die Midnight Notes eine wichtige Analyse, wie sich die Erfahrung der Arbeiter von Ausbeutung mit unterschiedlicher organischer Zusammensetzung ändert. In bezug auf die Energiekrise stellen sie fest: »Das ganze Bild vom Arbeiter scheint sich mit dieser Neuzusammensetzung des Kapitals aufzulösen. Der bullige »Blue Collar«-Fließbandarbeiter verblaßt in der Ölkrise, löst sich in die weibliche Dienstleistungsarbeiterin und den abstrakten Computerprogrammierer auf. Die großen Konzentrationen von Fabrikarbeitern, die sich als dermaßen explosiv erwiesen hatten, werden zerstreut; das spezifische Gewicht der Gegenwart des Arbeiters wird dramatisch vermindert. [...] [D]ie gewaltigen Wanderungsbewegungen »um Arbeit zu finden« [lösen] militante Kreise auf; die alten Hochburgen der Kämpfe werden isoliert und erscheinen altertümlich, beinahe lächerlich.« Midnight Notes S. 234 f.; zitiert nach TheKla 12, S. 41.

[8] Vielleicht am erstaunlichsten überhaupt ist die Tatsache, daß Midnight Notes keine Theorie der Rente haben! Für uns liegt es klar auf der Hand, daß eine Betrachtung der Rententheorie notwendig ist, wenn man die Festsetzung des Erdölpreises angemessen verstehen will. Und in der Tat scheinen die Midnight Notes manchmal [at points] darüber verblüfft zu sein, wie es möglich ist, daß Erdöl zu produzieren im Nahen Osten nur ein paar Cents pro Barrel kostet, und man das gleiche auf den Erdölmärkten für 20 bis 30 Dollar verkaufen kann. Für sie dient das alles nur als weiterer Beweis dafür, daß Erdölpreise festgesetzt werden. Das ist aber nichts Neues und wurde von Marx bereits in Teil VI im dritten Band des Kapital behandelt als ein besonderer Fall der Wirkung des 'Wertgesetzes'. Alle natürlichen Ressourcen haben keinen immanenten Wert, da sie nicht von menschlicher Arbeit hergestellt wurden. Sie haben nur insofern Wert, als sie gehoben und dorthin transportiert werden müssen, wo sie gebraucht werden. Freilich können sich natürliche Bedingungen stark verändern. Die Erdölförderung in der Nordsee oder in den USA ist wesentlich teurer als im Nahen Osten, und so lange solch teures Erdöl nötig ist, um die weltweite Nachfrage zu befriedigen, ist es der Wert dieser marginalen High cost-Produzenten, der den Preis des Erdöls bestimmt. Der Unterschied zwischen diesem Marktpreis und dem Low cost-Erdöl, der eine höhere als die Durchschnittsprofitrate ermöglicht, kann insoweit als Rente gefaßt werden, als Eigentumsrechte als Barriere gegen die Konkurrenzbewegung des Kapitals wirken können, welche notwendig ist zum Ausgleich der Profitrate. Natürlich können solche Eigentumsverhältnisse bestritten und manipuliert werden, da die Preise einer höchst strategischen Ware wie dem Erdöl zu einem großen Teil auch politisch bestimmt werden, aber es bleibt zu zeigen, wie im Fall des Erdöls diese Manipulation das 'Wertgesetz' widerlegt. Siehe The economics of the oil crisis von C. Binia, der die historische Entwicklung der Ölpreisfestsetzung auf Marxens Rententheorie zu beziehen versucht und gleichzeitig die Vorstellung zurückzuweisen versucht, daß die Erdölpreise einfach von der OPEC, den Erdölmultis oder der US-Regierung manipuliert seien.

[9] Die organische Zusammensetzung des Kapitals wird gemessen als Verhältnis vom Wert der Produktionsmittel C (konstantes Kapital) zum Wert der lebenden Arbeit V (variables Kapital), die im Produktionsprozeß verbraucht werden. Es ist vielleicht klar, daß die Atomindustrie eine Branche mit hoher organischer Zusammensetzung des Kapitals ist, aber die Produktion von Erdöl? Auch wenn man einräumt, daß die Erdölproduktion große Mengen an fixem Kapital zur Produktion und zum Transport des Rohöls erfordert im Vergleich zur eingesetzten Arbeit, so wird dieses fixe Kapital aber über viele Produktionszyklen hinweg eingesetzt. So daß die Menge in einem einzelnen Produktionszyklus sehr viel niedriger ist als es auf den ersten Blick scheinen mag. Zweitens hat, anders als im verarbeitenden Gewerbe, der Basisrohstoff, Erdöl im Boden, keinen Wert. So besteht das konstante Kapital also nur in Hilfsmaterialien wie zum Beispiel Strom, um die Pumpen zu betreiben und so weiter.

[10] »Wie erklären wir dann die scheinbare Freiheit des Kapitalisten beim Festsetzen der Ölpreise, unabhängig von der Arbeit, die in Ölproduktion (d.h. vom Wert) eingeht?« Midnight Oil, S. 235 - zitiert nach TheKla 12, S. 42.

[11] Midnight Oil, Einleitung S. VIII.

[12] Foreign Policy 25. Winter 1976. Oppenheim, V. H. »Why Oil Prices Go Up: The Past, We Pushed Them«.

[13] Midnight Oil S. 13 - siehe auch TheKla 14; darin hatten wir aber die ursprüngliche Fassung von Oil, Guns and Money übersetzt, wie sie in einer Broschüre während des Golfkriegs erschienen war. Für das Buch haben die Midnight Notes den Text überarbeitet, obige Stelle fehlt im Original und somit auch in TheKla 14.

[14] Siehe: Wenn Kreuzzügler und Assassinen...

[15] Siehe: Class Decomposition in the New World Order: Yugoslavia unravelled. Aufheben Nr. 2.


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