Wildcat-Zirkular Nr. 30/31 - November 1996 - S. 35-72 [z30cleav.htm]


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Das Geld als Kommando - und wie es in der aktuellen Krise unterlaufen wird

Harry Cleaver (in: Bonefeld / Holloway (Hrsg.): Global Capital, National State and the Politics of Money, 1995, Kapitel 7)

Im Laufe von zwanzig Jahren hat sich das Geld in weiten Teilen der Welt zu einer zentralen Achse des Klassenkonflikts entwickelt. Das Kapital hat das Geld gegen die aufständische Kraft der Arbeiterklasse benutzt: zunächst mit der Umstellung von festen auf flexible Wechselkurse Anfang der 70er Jahre, dann mit dem Aufstieg des Monetarismus und der Politik des knappen Geldes und schließlich mit der Schuldenkrise der 80er Jahre. Inzwischen ist es unmöglich geworden, das Geld weiterhin in bloß technischer Weise als »Preismaßstab«, »Zirkulationsmittel«, »Zahlungsmittel« oder »Wertaufbewahrungsmittel« zu betrachten. Es ist auf neue und ungewöhnlich brutale Weise zu einer Herrschaftswaffe geworden. Aber gleichzeitig hat sich, wie wir sehen werden, das monetaristische Geld im Vergleich zum früheren keynesianischen Gebrauch des Geldes als bestenfalls stumpfes und grobes Instrument herausgestellt. Es ist nützlich, um gnadenlos die Reallöhne und den Lebensstandard zu senken und um massive Arbeitslosigkeit und weitverbreitetes Elend zu schaffen. Aber es ist ihm nur begrenzt gelungen, sich in wahrhaft produktives Kapital zu verwandeln. Bisher ist es ihm nicht gelungen, einen neuen Akkumulationszyklus zu organisieren. Und das liegt, wie wir sehen werden, daran, daß es auf zwei verschiedene Weisen unterlaufen wird: einmal aus dem Kapital selbst heraus, wo das Geld eher zur Umverteilung als zur Schaffung von Mehrwert genutzt wird, und zum anderen aus der Arbeiterklasse, die das Geld in einen nicht-kapitalistischen Gebrauch umleitet und damit die Grundlagen der kapitalistischen Akkumulation angreift.

Im folgenden werde ich vier Argumente skizzieren: erstens, daß in der marxistischen Theorie das Geld im Kapitalismus die Verkörperung von Klassenmacht ist; zweitens, daß in der Ära des keynesianischen Staates das Geld beim kapitalistischen Management der Klassenbeziehungen sowohl national als auch international eine grundlegende Rolle spielte; drittens, daß der Kampfzyklus der Arbeiterklasse, der diese Ära beendet hat, teilweise den keynesianischen Gebrauchs des Geldes ausgehöhlt hat; und viertens, daß in der aktuellen Phase des kapitalistischen Gegenangriffs der Einsatz von Geld als Waffe seine wichtigsten Ziele nicht erreicht hat.

Die marxistische Theorie vom Geld als Kommando

Marx beginnt seine Analyse des Geldes mit den Rollen, die es in der kapitalistischen Gesellschaft spielt; er beendet sie mit einem Verständnis der verschiedenen Rollen des Geldes in der Dynamik des Klassenkampfs. Die Unterordnung des Geldes als Mittel des Tauschs (W-G-W) unter das Geld als Zweck (G-W-G) ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal der kapitalistischen Wirtschaft und Gesellschaft. Was aber bedeutet es, daß Geld zum Zweck wird? Wenn wir bei der rein quantitativen Anhäufung von Geld (Profit) stehenbleiben, fallen wir einem Fetischismus zum Opfer. Marx zeigt uns gerade, daß die wesentliche gesellschaftliche Rolle des Geldes im Kapitalismus im Kommando über das Leben der Menschen als Arbeit besteht. Die »Kapitalisten« sind nicht einfach die Reichen, die Luxus konsumieren - das tat der vorkapitalistische Landadel. Sie sind nicht einfach Händler, die kaufen und verkaufen, um Profit zu machen - solche Leute hat es seit den Sumerern gegeben. Sie sind eine neue Sorte von Ausbeutern, die ihr Geld benutzen, um Menschen zum Arbeiten zu bringen, wobei die Produktion von Gebrauchswerten lediglich das notwendige Mittel zum Zweck der Organisierung der Gesellschaft um die endlose Arbeit herum ist. Ja, diese Arbeit produziert immer mehr Wert und Mehrwert (vom Geld her gesehen: Profit), aber dieser Mehrwert ist (als Kapital) nur das Mittel, um die Leute, oftmals mehr Leute, wieder zum Arbeiten zu bringen. Wie Marx immer wieder betonte, ist das Kapital ein soziales Verhältnis - ein antagonistisches Verhältnis der Durchsetzung der Arbeit und des Widerstandes gegen sie. Deshalb erhoben sich historisch die Kapitalisten gegen die Muße und den Konsum sowohl der Landaristokratie als auch der arbeitenden Klassen und hißten stattdessen das Banner der Genügsamkeit, der Investition und der Arbeit.

Das ist das Geheimnis der ursprünglichen Akkumulation: die Erschaffung einer neuen Klassenstruktur, in der die eine Klasse (die Kapitalisten) das Geld benutzt, um die andere (die »arbeitende« Klasse) zum Arbeiten zu bringen. Im Verlauf dieser Geschichte wurden Land und Werkzeuge der Mehrheit weggenommen und in den Händen der neuen herrschenden Klasse konzentriert, die sie benutzt, um das Leben dieser Mehrheit der Arbeit zu unterwerfen. Wie Marx und andere nach ihm gezeigt haben, war diese Unterwerfung alles andere als einfach, da sich die meisten Leute äußerst hartnäckig dagegen wehrten, nun unter schweren Ausbeutungsbedingungen für andere arbeiten zu müssen. Dieser weitverbreitete Widerstand wurde ebenso vielfältig wie die Umstände, unter denen die Arbeit durchgesetzt wurde. Um diesen Widerstand zu überwinden, brauchte es die kapitalistische Kontrolle über zwei miteinander verbundene Institutionen: das Geld und den Staat.

Die Zentralität des Geldes in den neuen Klassenverhältnissen war genau die Zentralität des Kommandos. Die Schaffung der Arbeiterklasse bestand zuerst und vor allem darin, das (kapitalistisch kontrollierte) Geld als Vermittlung zwischen den Menschen und den Subsistenzmitteln durchzusetzen. Die Enteignung von Land und Werkzeugen machte es den Menschen unmöglich, unabhängig zu leben. Aber die Durchsetzung des Geldlohns und des Geldpreises war notwendig, um die Menschen zu zwingen, für das Kapital zu arbeiten. Diese Durchsetzung setzte vor allem neue Gewalten eines neuen kapitalistischen Staates voraus: die Kontrolle über die Herstellung und Regulierung des Geldes und die Polizeigewalt, um der Gesellschaft das Geld als universelles Maß und universellen Vermittler aufzuzwingen. Daher war die »Blutgesetzgebung« gegen die Enteigneten - die mit Peitsche, Brandeisen und Galgen durchgeführt wurde - vor allem die Durchsetzung von Geldbeziehungen: das Geld wurde zum einzigen Subsistenzmittel, und die Verfügung über Geld wurde davon abhängig, daß man sein eigenes Leben als Arbeitskraft verkaufte. Die zahlreichen und weitverbreiteten Versuche, unabhängig zu werden - von der Rücknahme des Landes (z.B. die Diggers) über die direkte Aneignung von Reichtum (z.B. betteln und »stehlen«) bis hin zu offener Rebellion (z.B. die Erhebung von 1745 in den schottischen Highlands) -, mußten hart und gründlich unterdrückt werden, um die neuen monetären Regeln des kapitalistischen Spieles durchzusetzen [1]. Die Herrschaft des Kapitals war eine Herrschaft des Geldes, und wie Peter Linebaugh kürzlich gezeigt hat, war eine neue »Thanatokratie« (»Todesherrschaft«) nötig, um sie durchzusetzen [2]. »Wenn das Geld, nach Augier, 'mit natürlichen Blutflecken auf einer Backe zur Welt kommt■, so das Kapital (die kapitalistische Nutzung des Geldes) von Kopf bis Zeh, aus allen Poren, blut- und schmutztriefend«. [3] Gleichzeitig beinhaltete die Durchsetzung des Geldes - ebenso wie alle anderen Herrschaftsmechanismen - ein ständiges Risiko: nämlich daß die Arbeiterklasse es für ihre Zwecke nutzen würde. Damit meine ich nicht einfach, daß das Geld für die Subsistenzmittel ausgegeben wird; das ist an sich völlig im Sinne des Kapitals, solange es dabei lediglich um die Reproduktion der Arbeitskraft geht. Wir müssen aber feststellen, daß es in dieser Rolle des Geldes nur einen begrenzten Automatismus gibt. Die Arbeiterklasse muß ihren Lohn ausgeben, um sich zu reproduzieren, und solange das Kapital weiter die Arbeit durchsetzen kann, wird die Konsumtion unvermeidlich Arbeitskraft reproduzieren, zumindest bis zu einem gewissen Grad. Gleichzeitig haben die Arbeiter jedoch auch bewiesen, daß sie ziemlich gut in der Lage sind, Geld für Zwecke einzusetzen, die einer solchen Reproduktion zuwiderlaufen. Offensichtlich ist es da, wo ArbeiterInnen Geld benutzt haben, um ihre Kämpfe gegen das Kapital zu finanzieren: von Streikkassen und Waffen bis zur regelmäßigen Vermeidung der Arbeit, wenn das Geldeinkommen dazu ausreicht. [4] Über dieses rein negative Unterlaufen des Geldes hinaus geht die Nutzung des Geldes durch die ArbeiterInnen, um ihre eigenen kreativen Formen der Selbsttätigkeit zu finanzieren, mit denen sie anderen Lebensweisen nachgehen als dem Kapital - von Neuerungen in traditionellen kulturellen Aktivitäten bis zur Entwicklung neuer Formen kommunistischer sozialer Beziehungen [5]. So oder so muß man sich natürlich von Fall zu Fall genau ansehen, inwieweit das Geld wirklich unterlaufen worden ist, da die Nutzbarmachung des Klassenkampfs den Motor der kapitalistischen Entwicklung selbst darstellt. Trotzdem ist das Kapital niemals von vornherein in der Lage, bestimmte Formen des Kampfes der Arbeiterklasse zu begrenzen und zu reintegrieren, und wie wir wissen, war es oft nicht in der Lage dazu, so daß dem Kapital nur der Ausweg blieb, die Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse offen zu unterdrücken. Es geht nur darum, daß die Durchsetzung des Geldes als universellem Vermittler von Anfang an bis heute ein solches Potential der Unterlaufung durch die Arbeiterklasse mit sich brachte, wie ich es beschrieben habe.

Nach der ursprünglichen Durchsetzung des Geldes und seiner Rolle als Werkzeug kapitalistischer Herrschaft ging es darum, diese Beziehungen im Verlauf des Akkumulationsprozesses aufrechtzuerhalten und anzupassen. Obwohl die Arbeiterklasse angeblich subtil über »Marktzwänge« kontrolliert wird - im Gegensatz zu den nackten Gewaltverhältnissen, die angeblich in früheren Gesellschaften geherrscht haben -, war der Widerstand der Arbeiterklasse so groß, daß das Kapital nie auf die - direkte wie indirekte - Macht des Staates verzichten konnte. Stets mußte das Verhalten der Arbeiterklasse polizeilich kontrolliert werden: von der Verhinderung von Sabotage, Streiks und »Riots« der Industriearbeiter über die polizeiliche Überwachung des nichtangepaßten, nichtentlohnten Lumpenproletariats bis zur militärischen Niederschlagung von aufständischen Bauern und Plantagenarbeitern in den Kolonien. Immer wieder wurde die Rolle des Geldes bedroht, was staatliches Handeln notwendig machte: von der direkten Regulierung des Vermittlers selbst bis hin zur Steuerung des Geldflusses.

Deshalb mußte die Rolle des Staates bei der Herstellung und Steuerung des Geldes erhalten und sogar erweitert werden: von der Prägung metallener Münzen über das Bedrucken von Papier bis hin zur Regulierung der Bankreserven und zur Finanzpolitik (Steuern und Ausgaben). Die Entwicklung einer solchen staatlichen Politik und die philosophischen und politisch-ökonomischen Debatten darüber stellen eine lange Geschichte von Versuchen dar, die beste Methode zu finden, wie sich das Geld als wesentliches Moment kapitalistischer Klassenbeziehungen durchsetzen läßt. Im Rahmen des Kapitalismus gibt es dabei zwei große Hindernisse: erstens bei den Kapitalisten selbst einen Geld-Fetischismus, der wesentlichere gesellschaftliche Beziehungen verdeckt, und zweitens die auf dem Antagonismus beruhende Macht der Arbeiterklasse, das Geld vom kapitalistischen Kommando zu trennen und es für autonome Zwecke zu nutzen.

In der klassischen politischen Ökonomie des 18. Jahrhunderts nahm der Kampf gegen das erste Hindernis, den Geld-Fetischismus, die Form eines Angriffs auf die verschiedenen Richtungen merkantilistischen Denkens und merkantilistischer Politik an, die das Geld in seiner Gold- oder Silber-Form als die wesentliche, in erster Linie durch Handel zu erreichende Form des Reichtums ansahen. Obwohl ein gewisser Fetischismus in Form von Spielarten von Humes und Lockes Quantitätstheorie überlebte, brachen die klassischen Ökonomen dem Geld-Fetischismus das Rückgrat, indem sie wieder zeigten, daß die Arbeit die Quelle des Reichtums darstellt, speziell die industrielle Arbeit, die Waren für den Markt produziert. Ihre Arbeitswerttheorie drückte deshalb die grundlegendste Charakteristik der kapitalistischen Gesellschaft aus (die Zentralität der Unterordnung des Lebens unter die Arbeit) und fand im Arbeitswert das Maß allen Reichtums. Über Steuart und Smith bis Ricardo entwickelte sich daher schließlich die Einsicht, daß das Geld keine selbständige Macht ist, sondern von diesen gesellschaftlichen Beziehungen hervorgebracht wird. Marx erarbeitete schließlich eine Theorie dieser Beziehungen, die ihren ausbeuterischen Charakter von Klassenherrschaft und Kampf betonte. Diese intellektuellen Bemühungen gegen das »monetäre System« dienten nicht nur zur Unterfütterung aller möglichen politischen Aktivitäten, die industrielle Investitionen und Entwicklung fördern sollten (z.B. die Abschaffung der Corn Laws), sondern auch zur Begründung einer neuen Politik, in der das Geld, vor allem das Wachstum und die Regulierung des Bankgeldes (Banknoten und Kredit), direkt vom Staat gesteuert werden sollte. Ricardos Arbeiten über das Geld, dienten z.B. dazu, Sir Robert Peels Bankgesetze von 1844 und 1845 zu rechtfertigen und die Wirksamkeit der nicht ganz so unsichtbaren Hand des Goldstandards zu begründen [6].

In den Kämpfen des 17. und 18. Jahrhunderts gegen das zweite große Hindernis für die kapitalistische Nutzung des Geldes - die Arbeiterklasse - ging es abgesehen von den von mir bereits beschriebenen Maßnahmen zur Durchsetzung immer universellerer Geldbeziehungen um die Durchsetzung eines einheitlichen Geldstandards und seine Verteidigung gegen »Verschlechterung«. Der Staat konnte einen solchen Standard zwar rein physisch durch die Prägung von Münzen und später durch das Drucken von Geld schaffen, aber es war wesentlich schwieriger, ihn auch gesellschaftlich einzuführen und aufrechtzuerhalten. Erstens, weil Geld schon früh in einer Vielzahl von - offiziellen wie privaten - Formen zirkulierte und erst durch den einheitlichen, staatlich sanktionierten Standard ersetzt werden mußte. Das war sogar nach der Einführung des Papiergeldes noch der Fall, als z.B. im Schottland des 18. Jahrhunderts lokale Autoritäten Geld herausgeben konnten, je nachdem, welchen Zwängen sie sich gerade ausgesetzt sahen, von der Zahlung von Löhnen bis zur Vermeidung von Straßenraub. [7] Zweitens, weil die verbreiteten Widerstandsformen wie Münzschneiden, Fälschen und Schmuggel unterdrückt werden mußten. Eine solche Periode des Konflikts zwischen dem Staat und den weitverbreiteten und größtenteils unsichtbaren »Münzverschlechterern« der Währung waren die 1790er Jahre, als John Locke sowohl seine Geldtheorie als auch den Verfolgungsapparat des Münzamtes mobilisierte, um die Währung zu verteidigen. Mithilfe einer Kombination aus Aufhängen und Münzneuprägungen stellte er die Macht des Geldes wieder her und verteidigte die Macht des Staates. [8]

Eine zweite Anwendung der Geld- und Wirtschaftstheorie, um den Widerstand der Arbeiterklasse zu überwinden, betraf die Arbeitslosen und ihre Beziehung zu den Entlohnten. Ob Geld ausgegeben wurde (als Armengeld und im Arbeitshaus) oder ob Geld zurückgehalten wurde (die Abschaffung der Armengesetze, die Begrenzung der Löhne), das Ziel war das gleiche: die Aufrechterhaltung eines ökonomischen Zwangs, der groß genug war, um die ArbeiterInnen in den Arbeitsmarkt und in die Arbeit selbst zu zwingen. Mit so unverschämten Argumenten wie denen von Malthus forderten die politischen Ökonomen, die Löhne auf die puren Subsistenzkosten zu begrenzen und mithilfe von Armut und Elend die Arbeit zu sichern. Den ArbeiterInnen mußte wohl Geld für ihre eigene Reproduktion überlassen werden, aber zuviel Geld würde nur dazu führen, daß die ArbeiterInnen sich gehen ließen und weniger arbeiteten und daß es letztenendes mehr ArbeiterInnen gäbe, deren Konkurrenz um Arbeitsplätze die Löhne wieder auf ein Subsistenzniveau zwingen würde. Die Angst davor, daß die Arbeiterklasse die Macht des Geldes unterlaufen und für ihre eigenen Zwecke benutzen könnte, ist in dieser Argumentation fast explizit. [9]

Marx beschritt in seiner Analyse des Geldes zwei Wege: eine gründliche Kritik früherer Autoren und Politiker und eine fortlaufende Untersuchung der Klassendynamik des Geldes im 19. Jahrhundert. So ging er von der Lektüre und der Kritik von Hume, Locke, Steuart, Smith und Ricardo zu aktuellen Konflikten um die Geld- und Finanzproblematik über. Er stellte nicht nur eine theoretische Analyse darüber an, welche Rolle das Geld als Kommando im Kapitalismus allgemein spielte, sondern er untersuchte auch detailliert eine Reihe besonderer monetärer Erscheinungen.

Eine der ersten (und im Licht der aktuellen Schuldenkrise interessantesten) Analysen offenbarte, wie die revolutionäre französische Regierung 1848 ihre Schulden gegen die Pariser Arbeiterklasse benutzte. Er zeigte, wie die Anerkennung der vorrevolutionären Staatsschuld an die französischen Bankiers zu einem Werkzeug der Spaltung zwischen Bauern und Arbeitern wurde, indem die Steuern für die ersten erhöht wurden, während den zweiten die Verantwortung dafür zugeschoben wurde - eine Strategie die es erlaubte, die Arbeiter innerhalb weniger Monate niederzuschlagen. [10]

Marx erkannte und untersuchte außerdem einige der Hindernisse bei der erfolgreichen Verwendung des Geldes in der Akkumulation, die auch den Apologeten des Kapitals Sorgen machten. Er studierte z.B. genau die Entwicklung des kapitalistischen Finanzwesens - den Aufstieg des Banksystems und der Börse - und die Probleme, die sich dem Staat bei seinen Regulierungsversuchen auftaten. Seine Sicht der Rolle, die die Banken und die öffentliche Verschuldung in der ursprünglichen Akkumulation spielten, nämlich das für kapitalistische Investitionen notwendige Geld durch zinstragende Kredite an den Staat zu zentralisieren, die aus Steuergeldern zurückgezahlt wurden, erschien unproblematisch. Aber seine Untersuchungen über die Crédit-Mobilier-Affäre zeigten, daß dem überhaupt nicht so war. [11] Im Gegenteil zeigte Marx an dieser ersten französischen »Investmentbank« ebenso wie in seinen Arbeiten über die Börse, wie die zeitliche und örtliche Trennung finanzieller Transaktionen von echten Investitionen in den Bau von Fabriken und in die Schaffung von Arbeitsplätzen zu einem neuen Fetischismus führte: Spekulation auf fiktives Kapital mit dem Hauptziel finanzieller Bereicherung. Crédit Mobilier behauptete zwar, die Rolle des finanziellen Vermittlers zu spielen, nämlich das Geld zu zentralisieren, um es für die Großinvestitionen anderer (z.B. der Eisenbahnen) zur Verfügung zu stellen, aber seine Gründer und Manager betrieben in Wirklichkeit finanzielle Spekulationsspiele, um ihre eigenen Aktien aufzuwerten und sich persönlich zu bereichern. Die gleiche Art fetischistischer Jagd nach dem Geld um des Geldes willen war im 19. Jahrhundert auf allen Finanzmärkten verbreitet, und Marx' Analyse der Dynamik hinter solchen Spekulationen zeigte, wie die Spekulation ganz allgemein zur Destabilisierung und Krise des Kapitalismus beitrug.

Parallel zu seiner Arbeit über den Bereich der »privaten« Finanzen untersuchte Marx die offizielle staatliche Geld- und Finanzpolitik. Neben seinen relativ begrenzten Untersuchungen über die mit öffentlicher Verschuldung, Steuern und Staatsausgaben zusammenhängenden Geldflüsse sollten wir uns seine ausführlicheren Arbeiten über die erfolglosen Versuche des englischen Staates ansehen, über den Goldstandard konstruktiv in die Geldzirkulation einzugreifen. Wie oben festgestellt, stellten Ricardos Arbeiten zum Geld die Grundlage für Peels Bankgesetze dar, mit denen die Disziplin des Münzflußmechanismus in den englischen Binnenfinanzen durchgesetzt werden sollte. Die Bankgesetze sollten die Geldmenge und ihre Bewegung an die Edelmetallmenge und ihre Bewegung binden. Marx zeigte die theoretischen Fehler, die dieser Doktrin zugrundelagen (z.B. daß die zirkulierende Geldmenge vom Wert der Waren abhängt und nicht von den Bankreserven) und ihre praktische Unmöglichkeit, die sich in jeder Krise bewies, wenn nämlich die Bankgesetze außer Kraft gesetzt wurden, um die dringende Nachfrage nach Geld zu befriedigen und den Bankrott der Bank of England zu verhindern. Darüberhinaus führte seine Arbeit über die allgemeinere Geschichte und Theorie der Krise Marx zu der Ansicht, daß solche Booms und Kräche krasser Ausdruck der zugrundeliegenden industriellen Basis waren, deren Instabilität nicht in Geldproblemen sondern vielmehr in Klassenkonflikten wurzelte. Marx zeigte also, daß der englische Staat nur begrenzte Macht besaß, ein nur scheinbar von seiner Klassenbasis abgelöstes Finanzsystem direkt zu regulieren.

Was die Hindernisse angeht, die die Arbeiterklasse der kapitalistischen Verwendung des Geldes setzte, so lieferte Marx nicht nur eine Theorie der Arbeiterklasse als autonomem und zunehmend revolutionärem Subjekt, sondern auch Elemente einer Theorie des Lohnes als Ausdruck nicht der Ausbeutung, sondern der Klassenmacht. In seiner eigenen politischen Arbeit zeigte sich diese Einschätzung in seiner Unterstützung der Lohnkämpfe gegen Weston. [12] Die Arbeiter müßten für höhere Löhne kämpfen und sich gegen Lohnsenkungen wehren, meinte er, um schließlich die Kraft zu entwickeln, das System umzustürzen. Außerdem zeigte sich in seiner Formulierung des Kreislaufs, in dem die Arbeiterklasse Geld erwirbt und ausgibt (Arbeitskraft-Geld-Kapital) eine Sichtweise, nach der vom Standpunkt der ArbeiterInnen (im Gegensatz zum Standpunkt des Kapitals) das Geld zum Leben durch Konsum diente (im Gegensatz zur Reproduktion des Lebens als Arbeitskraft). [13] Dennoch wurde in seinen Arbeiten ebenso klar, daß er reale kurzzeitige Grenzen für Lohnkämpfe sah (z.B. in der Fähigkeit des Kapitals, auf fallende Profite mit einem Investitionsstreik zu antworten). [14] Tatsächlich betonte er auch in seinem anderen wohlbekannten Streit mit anderen Linken über die Politik des Geldes, daß die Arbeiterklasse das Geld nur begrenzt in ihrem eigenen Interesse nutzen könne. Diese zweite Debatte führte er mit Proudhon und seinen Anhängern über die Idee einer Volksbank. Sie meinten, wenn die Arbeiter einen immer größer werdenden Teil des Geldes übernähmen und kontrollierten, könnten sie die kapitalistische Macht untergraben und gleichzeitig eine andere, eigene Gesellschaftsordnung aufbauen. Marx lehnte dieses Schema als illusorisch ab und wies darauf hin, daß keine Manipulation des Geldes die kapitalistischen Gesellschaftsverhältnisse (speziell die Durchsetzung der Klassenherrschaft durch die Arbeit) beseitigen könnte und daß diese direkt beseitigt werden müßten. [15] Neben diesen Momenten der Argumentation blieb jedoch noch eine Menge in seiner Theorie zu entwickeln, und es sollte eine Generation von Kämpfen dauern, um deutlich zu machen und zu entwickeln, was es sonst noch bedeuten kann, daß die Arbeiterklasse das Geld gegen das Kapital benutzt. [16]

Ich will diese Elemente von Marx' Analyse des Klassencharakters des Geldes zunächst nutzen, um eine spätere Periode zu analysieren, nämlich den sogenannten Keynesianismus oder Fordismus, der der heutigen Krise direkt vorausging.

Geld in der keynesianischen Ära

Die theoretische Kritik und sorgfältige historische Untersuchung von Marx haben zwar in aller Deutlichkeit vorgeführt, wie unbeholfen die Versuche der Bank of England waren, das Anwachsen des zirkulierenden Geldes und damit den Rhythmus der Entwicklung zu steuern, aber diese Kritik kann nur ein Ausgangspunkt sein, um die sehr viel ausgefeilteren Bemühungen des keynesianischen Staates zu verstehen, zuerst in seiner amerikanischen und dann in seinen weltweiten Ausprägungen. Es stimmt, daß der keynesianische Staat aus der Asche des großen Krachs von 1929 gestiegen war, hinter dem zum Teil genau die spekulativen Geldfieber gestanden hatten, die Marx in den 1850er Jahren entdeckt hatte, zum Teil auch andere Krisenursachen, die Marx ebenfalls in der Klassendynamik der kapitalistischen Entwicklung verortet hatte. Andererseits standen dem keynesianischen Staat viel mächtigere Instrumente zur Steuerung der Geldflüsse zur Verfügung. Wir können uns leicht vorstellen, wie zufrieden Marx über das Schauspiel des großen Krachs und der anschließenden kontraproduktiven Geldpolitik und über die darauffolgende Explosion der Arbeiterkämpfe gewesen wäre, aber mit Sicherheit hätte er sich gut überlegen müssen, was er von den von Keynes vorgeschlagenen neuen Arten der monetären Manipulation hielt, die im Fahrwasser seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes in die Praxis umgesetzt wurden.

Marx' Analyse des Geldes hat gezeigt, daß im Zentrum aller tatsächlichen und denkbaren Rollen, die das Geld spielt, immer das Klassenmachtverhältnis der jeweiligen Zeit steht. In der hier behandelten Zeit, der großen Depression nach dem großen Krach, änderten sich diese Kräfteverhältnisse ganz epochal. Auf der materiellen Grundlage, die Frederick Taylor und Henry Ford (durch die Entwicklung der Massenproduktion) und die IWW (durch die breite Organisierung ungelernter Arbeiter) zehn Jahre zuvor völlig reorganisiert hatten, breitete sich eine vollkommen neue Struktur der Arbeitermacht aus: die Macht der Fabrik-Massenarbeiter, Tarifverhandlungen und eine neue Art von Industriegewerkschaften durchzusetzen, verbunden mit der gesellschaftlichen Macht, Vollbeschäftigung, steigende Löhne, Sozialversicherungen, Arbeitslosengeld und andere Säulen eines neuen »Wohlfahrts«-Staates durchzusetzen. Die Arbeiter wollten wirklich »neue Karten« [a truly »new deal«], und nur die staatlichen Institutionen auf Bundesebene hatten die Macht, darauf zu reagieren. Im Zentrum der keynesianischen Theorie und anschließend der Politik des kapitalistischen Staates stand die Einsicht in die Notwendigkeit, auf diese Forderung entschlossen und kreativ zu reagieren. [17] Die Reaktion erfolgte über das Geld.

Trotz der üblichen Teilung der keynesianischen Politik in »Währungs«- und »Finanzpolitik« dürfen wir nicht übersehen, daß zu beiden eine hochentwickelte Manipulation des Klasseninhaltes der Geldflüsse gehört. In beiden Fällen war die grundlegende keynesianische Antwort auf die Stagnation während der großen Depression dieselbe: eine Ausweitung des Geldflusses zu erlauben und anzuregen, um nicht nur die Ausgaben, sondern auch Investitionen, Beschäftigung und Produktion anzuregen.

Auf der Währungsseite konnte die keynesianische Politik auf den institutionellen Strukturen aufbauen, die als Reaktion auf die von Marx analysierten Arten von destabilisierender Spekulation entstanden waren. Als Antwort auf die wiederkehrenden Wellen von Finanzspekulation, Bankenpanik und Zusammenbrüchen (und auf die populistischen Forderungen nach einer Regulation des Bankwesens) im 19. Jahrhundert wurde 1913 das Federal Reserve System geschaffen, um die Praxis der Banken durch die Regulierung der Reserven und eine flexiblere Ausgabe von Banknoten zu stabilisieren. Als Antwort auf den (zum großen Teil durch Bankkredite finanzierten) spekulativen Börsen-Boom, der Mitte der 20er Jahre begann und 1929 zusammenbrach, und die daraus resultierenden tausenden von Bankenpleiten und auf die Machtlosigkeit der Federal Reserve, den Zusammenbruch zu verhindern, wurden neue Finanzgesetze erlassen, um in Zukunft die Spekulation zu dämpfen und finanzielle Instabilität zu verhindern. Das Federal Reserve System bekam die Macht, die Rücklageanforderungen zu erhöhen oder zu senken (und damit den Umfang der Bankkredite zu steuern). Der Kapitalmarkt wurde von der Fed [Federal Reserve Bank] und einer neuen Securities and Exchange Commission [Wertpapier- und Börsenkommission] reguliert. Die Federal Deposit Insurance Corporation [Bundesanlagenversicherungsgesellschaft] wurde gegründet, um die Bank-Sichteinlagen - die schon lange den größten Teil des Geldangebotes ausmachten - zu versichern und eine strenge Politik der Bankenüberprüfung umzusetzen. Diese Maßnahmen, führten zusammen mit einer Vielzahl neuer Bundeskredite wie etwa von der Federal Housing Administration [für den Eigenheimbau], dazu, daß das Bankensystem leichter an Geld herankam und daß die Zinsen so stark sanken, daß Geld eher für Realinvestitionen als für spekulative Investitionen verfügbar wurde. Es dauerte nicht lange, bis steigende Einkommen der Arbeiterklasse zu einer weiteren Veränderung kapitalistischer Finanzen führten: Verbraucher-Kredite fanden weite Verbreitung, Einzelhandels- und Bankkredite wurden vergeben, die allgegenwärtigen Nutzung der Kreditkarte weitete sich aus.

Diese neuen Mächte und Einschränkungen gegen die fetischistische Jagd nach Profit ohne Rücksicht auf reale Investitionen waren so wichtig, daß die spekulativen finanziellen Instabilitäten, die das gesamte 19. und die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts charakterisiert hatte, praktisch verschwanden. In der Periode des keynesianischen Staates ging es der »Währungs«-Politik (d.h. den Aktivitäten der Fed zur Regulierung der Banken und der Geldflüsse) nicht in erster Linie darum, Spekulation oder Panik zu verhindern, sondern darum, durch niedrige Zinsen, Vollbeschäftigung und Steuerung des Preisniveaus dafür zu sorgen, daß die Akkumulation finanziert wurde. Der Erfolg dieser Politik zeigte sich teilweise in hohen Firmenprofiten, die eine neue Ära von eigenfinanzierten Investitionen bei historisch niedrigen Fremdkapitalanteilen ermöglichten. [18] Auf der Haushaltsseite bestand die keynesianische Politik zusammengenommen darin, durch die Ausweitung der Bundesausgaben, die Begrenzung der Steuern und, wenn nötig, die Finanzierung von Defiziten die Akkumulation anzukurbeln. [19] Genauer betrachtet war der keynesianische Haushalt so strukturiert, daß sowohl der Konsum gefördert wurde (von der Sozialversicherung und der Sozialhilfe über die Anerkennung der Gewerkschaften bis hin zur progressiven Einkommenssteuer) als auch die Ausgaben ausgeweitet wurden, die die Investitionen förderten und die Produktivität steigerten (von der etablierten Förderung von Forschung und Entwicklung in der Landwirtschaft über die direkte Unterstützung neuer Kalter-Kriegs-Industrien und die Entwicklung ganzer neuer Technologien bis hin zur Investition in »Humankapital«).

Von der Klasse her gesehen erforderte die keynesianische Kontrolle des Geldes eine »Feinabstimmung«: Im Kern der Ausweitung der Gesamtnachfrage stand der Kampf der Arbeiterklasse um höhere Löhne und Sozialleistungen. Keynes hatte akzeptiert, daß sich die Löhne ab jetzt nach oben entwickeln würden, und die Politiker unterstützten ab Roosevelt die Veränderungen, die diesen Prozeß scheinbar institutionalisierten. Aber diese Steigerungen mußten im Rahmen des Anstiegs der Produktionskapazitäten bleiben. Die Bindung der Lohnsteigerungen an die Steigerung der Produktivität sollte die Lohnkämpfe vor den Wagen der Entwicklung des kapitalistischen Systems als Ganzes spannen - eine Institutionalisierung des relativen Mehrwerts. Wenn das Gleichgewicht nicht mehr stimmte, konnten Währungs- und Haushaltspolitik zusammengenommen entweder die Geldmenge ausweiten und damit eine kleine Inflation auslösen, um die Reallöhne im Rahmen der Produktivitätssteigerung zu halten, oder die Geldmenge verringern, um die Arbeitslosigkeit zu erhöhen und somit das Anwachsen der Nominallöhne zu verlangsamen.

Auf der Mikro-Ebene bedeutete das formale »Produktivitäts-Deals« in gewerkschaftlich verhandelten Tarifverträgen [20] und auf molekularer Ebene hieß es, daß die Lohnsteigerungen (mehr Geld für die ArbeiterInnen) in solche Arten von Konsum umgewandelt werden mußten, die zu mehr Arbeit führten. Deshalb mußten die höheren Löhne und Verbraucherkredite in die Reproduktion des Lebens als Arbeitskraft kanalisiert werden: mehr Geld für Autos, um zur Arbeit zu fahren, mehr Geld für Berufsausbildung und Massenmedien, die Normen und Werte vermittelten, die sich mit der Akkumulationsdynamik im Einklang befanden. [21] Ähnlich war auch das Geld für Arbeitlose nicht als Unterstützung eines autonomen Lebens in Muße oder Kampf gedacht, sondern es war an die Job-Suche und das Funktionieren des Arbeitsmarktes gebunden. Sozial- und Bildungsgelder waren nicht nur »Rechte«, sondern wurden zunehmend als Investitionen in die Schaffung von »Humankapital« und eines höheren Produktivitätsniveaus verstanden. [22] So versuchte der keynesianische Staat praktisch alle Gesellschaftsbereiche mit der relativen Höhe der Gelder und der daran gebundenen Bedingungen und Zwänge zu durchdringen und zu steuern. Dieses komplexe Manipulationssystem ist wegen der Arbeitsteilung nicht immer sichtbar - Makroökonomen beschäftigen sich nur mit den Gesamtflüssen, Haushaltsökonomen beschäftigen sich mit Haushaltsbilanzen, und Spezialisten aller Art managen die besonderen Geldaspekte der komplizierten gesellschaftlichen Fabrik. [23]

Der Sieg der Alliierten im Zweiten Weltkrieg, der Sturz des Kolonialismus und die Vorherrschaft der Vereinigten Staaten zwangen der westlichen Welt eine neue Pax Americana auf [die Pax Romana war der römische Frieden im römischen Reich]. Damit wurde die keynesianische Lösung der Klassenwidersprüche in den USA zur Norm in der westlichen Welt, und in einem Land nach dem anderen kopiert oder angepaßt. In den Verhandlungen von Bretton Woods konnte der amerikanische Staat (gegen Keynes, der lieber eine internationale Währung und eine internationale Bank gehabt hätte) feste Wechselkurse, die Hegemonie des Dollars und den Internationalen Währungsfonds (IWF) als Schlüsselelemente einer neuen internationalen Geldordnung durchsetzen. Diese Ordnung war davon abhängig, daß der keynesianische Nationalstaat fähig war, seine inneren Geldflüsse so zu regulieren, daß er jede international verlangte Anpassung mitmachen konnte. Ein Importüberschuß z.B. ließ sich zeitweilig aus den Reserven ausländischer Währungen oder durch IWF-Kredite finanzieren, aber letztlich mußte der Staat seine Währungsmenge verringern und eine Deflation durchsetzen - d.h. die Lohnsteigerungen der örtlichen Arbeiterklasse kleinkriegen -, um die Importe zu reduzieren und die Exporte zu steigern. Die internationale Regulierung des Systems der Nationalstaaten hing deshalb von der inneren Fähigkeit ab, das in Geld ausgedrückte Gleichgewicht der Klassenmacht zu regulieren. Jedes grundlegende Versagen dieser inneren Fähigkeit bedrohte wiederum das System als Ganzes.

Im Lauf der Zeit führte die Dominanz der amerikanischen Wirtschaft in Verbindung mit dem schnellen Wachstum des Handels und der Investitionen während des Wiederaufbaus in Westeuropa und Japan (und dem sehr viel langsameren Wachstum der Goldmenge zur Deckung des Geldes) nicht nur zur Herausbildung eines faktischen Dollarstandards in der westlichen Weltwirtschaft, sondern über kurz oder lang auch zur Entstehung eines riesigen Eurodollar-Marktes. Diese Herausbildung einer internationalen Liquidität bestätigte - und zwar auf globaler Ebene - sowohl für das ungedeckte Geld als auch für den Goldstandard eine von Marx' Lieblingsbehauptungen: daß nämlich die Menge des zirkulierenden Geldes in erster Linie durch die Ausdehnung des Warenhandels und der finanziellen Transaktionen bestimmt wird. [24] Über diese (durch amerikanische Importe und Auslandsinvestitionen in die Welt »gepumpte«) Dollar-Liquidität verfügten teilweise die immer zahlreicher werdenden multinationalen Industriekonzerne und teilweise die immer multinationaler werdenden privaten Geschäftsbanken. Sie machten sie allgemein zur Finanzierung der meisten Devisengeschäfte des Weltsystems verfügbar. Im Verhältnis zu diesem rapiden Wachstum des internationalen privaten Geldes spielte der IWF eine immer kleinere Rolle, obwohl er auch weiterhin eine Schlüsselrolle bei der Stützung von Ländern spielte, die ihre Anpassungsprobleme nicht schnell genug lösen konnten, um Krisen zu vermeiden.

Die Krise der keynesianischen Währungskontrolle

Daß der keynesianische Gebrauch des Geldes, der in den 30er und 40er Jahren so machtvoll begonnen hatte und in den 50er und frühen 60er Jahren so erfolgreich war, schließlich nicht mehr funktionierte, lag an den Prozessen der politischen Neuzusammensetzung der Klasse, in denen entlohnte wie unentlohnte ArbeiterInnen neue Kampfformen entwickelten, denen die bestehenden Geld- und sonstigen staatlichen Strategien nicht gewachsen waren. Mit »politischer Neuzusammensetzung« meine ich Veränderungen in der Verteilung der Klassenmacht unter den ArbeiterInnen und somit auch Veränderungen zwischen den ArbeiterInnen insgesamt und dem Kapital. [25] In den Ende der 60er Jahre immer noch führenden USA hatten die grundlegendsten dieser Neuzusammensetzungsprozesse mit einer neuen Welle von Kämpfen der unentlohnten ArbeiterInnen begonnen, die von vereinzelten Anfängen Ende der 50er Jahre bis Mitte der 60er Jahre zu einer unkontrollierbaren Massenbewegung angewachsen waren, die auch die entlohnten ArbeiterInnen mobilisierte. Ein wichtiger Ausgangspunkt war die Bürgerrechtsbewegung in den USA, die zur Black-Power-Bewegung mutierte und mit den Sozialhilfebewegungen und den in mehreren amerikanischen Städten explodierenden urbanen Aufständen weiterging und die Entwicklung von Bewegungen aus StudentInnen-Minderheiten an Universitäten im ganzen Land forcierte. Ein weiterer Ausgangspunkt waren die südostasiatischen Bauernkämpfe, die sich schnell an amerikanischen Universitäten fortpflanzten und eine weiße Studentenbewegung stärkten, die bereits gegen die Humankapital-Strategien aufgestanden war, die die Universitäten in Fabriken verwandelt hatten. Das Ergebnis war die Anti-Kriegs-Bewegung, die sich in der ganzen Gesellschaft ausbreitete und Geburtshilfe sowohl für die Umwelt- als auch für die Frauenbewegung leistete.

Viele dieser Kämpfe der Unentlohnten pflanzten sich schließlich in den Fabriken und Büros der amerikanischen Wirtschaft fort, sowohl direkt durch die Aktivitäten der Militanten, als auch indirekt durch die materiellen Veränderungen, die diese auslösten. Die schwarzen Jugendlichen mit ihren Erfahrungen im Straßenkampf z.B. brachten ihre Militanz in Fabriken, wo schon lauter schwarze Arbeiter arbeiteten, die in den 40er Jahren nach dem Norden gekommen waren, und gründeten Gruppen wie die League of Revolutionary Black Workers, die sich an die Spitze von Basiskämpfen der Basis gegen die Vormacht der Gewerkschaftsbürokraten stellten. [26] Gleichzeitig hatten die Sozialhilfekämpfe und Aufstände in den Städten eine riesige Ausdehnung der »Humankapital«-Investitionen ausgelöst, wodurch die Untergrenze der Geldeinkommen angehoben wurde, die der gesamten Lohnhierarchie zugrunde lag, was die Kämpfe der FabrikarbeiterInnen um höhere Löhne und bessere Sozialleistungen stärkte. [27]

An dieser Diskussion über die Krise des keynesianischen strategischen Gebrauchs des Geldes ist wichtig, zu sehen, wie all diese verschiedenen Kämpfe jeweils die besonderen monetären Momente eines ausgeklügelten, von monetären Sehnen zusammengehaltenen gesellschaftlichen Organismus sprengten. Bei den Unentlohnten verwandelten die verschiedenen Bewegungen die steigenden Investitionen in die Verbesserung des »Humankapitals« in Ressourcen für den Kampf. Die »Great Society«-Sozialhilfegelder, die zur Befriedung der Städte und zur Verbesserung der Produktion von Arbeitskraft ausgegeben wurden, finanzierten ausgedehnte Kämpfe. Riesige Geldsummen, die zum selben Zweck in das Bildungswesen investiert wurden, wurden umgeleitet in Kämpfe gegen die Unterordnung der Universitäten unter die Wirtschaft und zur Finanzierung der Entwicklung einer ganzen antikapitalistischen und antistaatlichen Gegenkultur. Der unbeugsame Widerstand der südostasiatischen Bauern, der schon bald von der amerikanischen Anti-Kriegs-Bewegung unterstützt wurde, zwang das Kapital, hunderte Milliarden von Dollars aus Investitionen für Polizeiaufgaben auf beiden Seiten des Pazifik abzuzweigen. [28]

Auf der Arbeit war ein neuer Zyklus von Basiskämpfen für höhere Löhne und bessere Sozialleistungen in Gang gekommen, der sich, wie wir gerade sahen, auf die steigenden Einkommensuntergrenzen der Unentlohnten und die Militanz auf der Straße stützen konnte. Er untergrub sowohl die Kontrolle durch die Gewerkschaftsbürokraten als auch die keynesianischen »Produktivitäts-Deals«, von denen alles abhing und zu deren Durchsetzung sich diese Gewerkschaftsbürokraten verpflichtet hatten. Das galt nicht nur für den privaten Sektor: Je mehr die Welle der Kämpfe anschwoll, desto mehr erfaßte sie auch die Arbeiter des öffentlichen Sektors, die nun ihre eigenen, neuen Kämpfe um Selbst-Organisierung und bessere Gehälter entwickelten. [29] Außerdem wurde mit dem immer leichteren Zugang zu Verbraucher-Krediten die Anbindung des Konsums an die Arbeit immer schwächer. [30] Das manifestierte sich in beschleunigten Lohnsteigerungen (und einem dank Krediten noch schneller steigenden Konsum) und sinkenden Produktivitätssteigerungen. Die Gewinne auf der Lohnseite wurden in neue Kämpfe und in Teilhabe an der entstehenden Gegenkultur »investiert«. Das führte zu sinkenden Profiten, beschleunigter Inflation, steigender Verschuldung der Konzerne und zu einer »Finanzkrise«. [31] Obwohl die Unternehmen mithilfe von Preissteigerungen, die durch eine entgegenkommende Geldpolitik des Bundes ermöglicht wurden, das Ansteigen der Reallöhne größtenteils verhindern konnten, handelte es sich nicht um eine begrenzte keynesianistische Feinsteuerung, sondern um eine zunehmend außer Kontrolle geratende Lohn-Preis-Spirale. Ob die wirtschaftstheoretischen Analysen von »Nachfragesog«-Inflation oder von »Kostendruck«-Inflation sprachen, die Bedeutung war dieselbe: der keynesianische Staat hatte die Fähigkeit verloren, das Geld so zu steuern, daß es die Akkumulation stabilisierte. Im Zentrum der wachsenden wirtschaftlichen und monetären Krise stand ein Verlust kapitalistischer Macht - und wie ich schon erklärt habe, nicht nur auf dem Gebiet der formalen Wirtschaft, sondern auch in der größeren gesellschaftlichen Fabrik. Überall finanzierte das Geld, das bis dahin als Werkzeug des Kapitals fungiert hatte, stattdessen die autonomen Aktivitäten der Arbeiterklasse.

Diese Risse, die sich beim keynesianischen Gebrauchs von Geld im Inland auftaten, setzten sich genauso tiefgehend auf der internationalen Ebene fort. Wie wir schon gesehen haben, war das Funktionieren des internationalen Währungssystems davon abhängig, daß die keynesianischen Nationalstaaten die meisten Anpassungsprobleme intern lösen konnten. Das System konnte nur begrenzt auf supranationale Hilfsmittel zurückgreifen. Nationale Währungskrisen drückten sich nicht nur auf der internationalen Ebene aus, sondern sie zerstörten zunehmend die Fähigkeit der Bretton-Woods-Institutionen, diese auftauchenden Probleme zu lösen.

Eines dieser Probleme, das in zunehmendem Maße direkt aus der inneren und äußeren amerikanischen Krise resultierte, war die rapide wachsende internationale Verfügbarkeit des Dollar. Während in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein »Dollar-Mangel« geherrscht hatte, weil das zuverlässige amerikanische Geld für die Finanzierung des Wiederaufbaus in Europa und Japan nachgefragt wurde, führte die beschleunigte Inflation im Mutterland verbunden mit den amerikanischen Ausgaben im Ausland im Zusammenhang mit dem Vietnam-Krieg (der zu einem wachsenden amerikanischen Zahlungsdefizit beitrug) dazu, daß ausländische Politiker (deren Bankensysteme über die wachsende Menge an »Eurodollars« verfügten und sie nutzten) von einer »Dollar-Schwemme« sprachen. Sie beschuldigten den amerikanischen Staat, seine Inflation zu exportieren, und beklagten sich darüber, daß sie ihre eigene Geldpolitik der Neutralisierung des amerikanischen Inflationsdrucks untergeordnet hatten.

Gleichzeitig hatte das Wachstum des Eurodollar-Marktes, der von keiner nationalen oder übernationalen Institution reguliert worden war, auf globaler Ebene einige der alten Gefahren finanzieller Spekulation und Instabilität, die auf lokaler Ebene weitestgehend bezwungen waren, wieder heraufbeschworen. Die Existenz großer Mengen unregulierter Rücklagegelder bei den Geschäftsbanken machte eine sehr hohe Flüchtigkeit auf dem Eurodollar-Markt möglich. Multinationale Firmen konnten ebenso wie die Banken selbst mit zunehmender Leichtigkeit Gelder von Land zu Land oder von Währung zu Währung verschieben und dies auch taten. Dabei konnten sie sich sicher sein, daß sich die nationale Politik oder die wirtschaftlichen Bedingungen (die durchaus das Resultat angenommener zukünftiger Veränderungen innerhalb der Balancen der Klassenmacht sein konnten) ändern würden, zumindesten spekulierten sie darauf. Wenn z.B. irgendein Nationalstaat aufgrund des Widerstandes der Arbeiterklasse besondere Schwierigkeiten bei der Durchsetzung einer »Abkühlung« seiner Wirtschaft (d.h. ansteigende Arbeitslosigkeit und langsameres Wachstum der Löhne) hatte, konnten massive Geldbewegungen aus diesem Land oder aus seiner Währung heraus eine Krise oder eine Abwertung provozieren. Auf diese Weise untergruben solche internationalen Geldbewegungen das auf Bretton Woods aufbauende keynesianische Gerüst, das Anpassungsmaßnahmen den jeweiligen Staaten überlassen hatte. Veränderungen der festen Wechselkurse wurden seltener und dramatischer, und die schwindende Fähigkeit der nationalen Währungsbehörden, mit ihren eigenen internen Klassenproblemen fertigzuwerden, führte zu immer breiteren Unstimmigkeiten zwischen ihnen. Das Ergebnis war eine wachsende Gegnerschaft zwischen den Nationalstaaten, als viele europäische Staaten unter Führung des französischen Präsidenten De Gaulle begannen, nicht nur den Stopp der amerikanischen Dollarexporte in die Weltwirtschaft, sondern eine grundlegende Änderung des internationalen monetären Systems zu fordern. [32]

Alle diese Krisen hatten ihre Ursachen, wie wir gesehen haben, in einer Neuzusammensetzung der Klassenmacht, die 1971 zu einem Höhepunkt kam. Der 1970 in den USA fehlgeschlagene Versuch, die Lohnsteigerungen durch eine keynesianisch gesteuerte Rezession zu verlangsamen, in Kombination mit dem Auftreten eines amerikanischen Handelsdefizits und einem Ansturm auf den Dollar im Frühjahr 1971 zwangen die Nixon-Regierung zu fundamentalen Veränderungen. Die Goldkonvertibilität des Dollar wurde aufgehoben (und damit die festen Tauschraten des Bretton-Woods-Systems), der Staat griff in die Lohnverhandlungen und in die Preisbildung ein (Lohn- und Preis-Stopp), und die Importsteuer wurde um 15 Prozent erhöht, was zusammen mit der weiteren Abwertung des Dollars die Reallöhne in den USA kappte und die Anpassungskosten auf Amerikas Handelspartner abwälzte. Zunächst weniger sichtbar kam es hinter den Kulissen zu wichtigen Veränderungen bei der staatlichen Steuerung der Geldflüsse - dazu gehörte der beginnende Rückzug der USA aus Vietnam und der Rückzug der Bundesregierung aus dem Krieg gegen die Armut und aus dem Sozialstaat.

Der Gegenangriff: Neue Methoden der kapitalistischen Nutzung des Geldes

Vom Klassenkonflikt um das Geld aus betrachtet beginnt die aktuelle Phase entweder mit den späten 60er Jahren oder mit 1971, je nachdem, ob wir die Subversion des Geldes durch die Arbeiterklasse betonen, oder den kapitalistischen Gegenangriff auf die daraus resultierende Krise. Für die Zwecke dieses Kapitels habe ich mich für letzteres entschieden und werde mich im Schlußabschnitt mit den letzten zwanzig Jahren beschäftigen, in denen die Politiker des kapitalistischen Staates - in seinen nationalen wie in seinen übernationalen Formen - immer wieder versucht haben und dabei immer wieder frustriert wurden, die Kontrolle über das Geld zurückzuerlangen und es zu einem brauchbaren Hebel für die Steuerung der Kapitalakkumulation zu machen.

Das zentrale und bisher erfolgreichste Element dieses kapitalistischen Bemühens war der Versuch, das Geld auf direkte oder indirekte Weise der Kontrolle der Arbeiter zu entziehen. Im ersten Jahrzehnts des hier betrachteten Zeitraums geschah dies durch direkte Angriffe auf Beihilfen und indirekte Reallohnsenkungen durch Inflation. Im zweiten Jahrzehnt traten an die Stelle der Inflation massive Arbeitslosigkeit und Angriffe auf die Nominallöhne, während die Versuche zur Senkung der Beihilfen fortgesetzt und intensiviert wurden. Sowohl die staatliche Geld- wie die Haushaltspolitik spielten in beiden Zeitabschnitten eine aktive Rolle, und zwar auf allen Ebenen: lokal, national und international.

Das andere, bisher nur teilweise erfolgreiche, Element dieses kapitalistischen Bemühens war der Versuch, mit einer Umlenkung der Geldflüsse den Arbeitszwang erneut durchzusetzen, um die nötige Profitabilität für einen neuen Akkumulationszyklus zu schaffen. Die Mechanismen dieser Umlenkung waren sowohl finanzielle als auch anderweitige, nationale wie internationale. Sie wurde von Banken, Unternehmen, Regierungsbehörden und internationalen Institutionen umgesetzt. Wir wollen nun einige Beispiele dieser beiden Anstrengungen untersuchen und uns anschauen, was aus ihnen geworden ist.

In den 70er Jahren versuchten die kapitalistischen Politiker zunächst zwei ihrer monetären Probleme in Lösungen für das eigentlich zugrundeliegende Problem der zerfallenen Klassenmacht umzukehren. Eines dieser Probleme war die sich beschleunigende Inflation, das andere der Zusammenbruch der festen Wechselkurse. Die Umwandlung dieser beiden Probleme in Lösungen wurde gleichzeitig während der meisten Zeit dieses Jahrzehnts betrieben. In beiden Fällen kam es wesentlich auf die internationale Dimension an.

Die Ende der 60er Jahre eingeleiteten Anstrengungen, ein neues internationales Währungssystem auszuarbeiten und eine formale Übereinkunft darüber zu erzielen, wurden unter dem Druck der Krise und der Uneinigkeit fallengelassen. Auf die einseitige Aufkündigung von Bretton Woods durch die US-Regierung folgte zwischen 1971 und 1973 ein stockender und von harten Verhandlungen begleiteter Übergang zu einer ad-hoc-Regelung flexibler Wechselkurse - eine Lösung, die schließlich auf den IWF-Treffen 1976 in Jamaica rechtskräftig wurde. [33] Angesichts einer Krise der keynesianischen Kontrolle auf der Ebene der nationalen Klassenbeziehungen entschieden sich die wichtigsten westlichen Regierungen für einen Währungsmechanismus der internationalen Regulierung, der im Prinzip automatisch funktionieren würde, ohne daß sie mit innenpolitischen Maßnahmen offen auf Angriffe der Arbeiterklasse reagieren müßten. Internationale Schwierigkeiten wie das amerikanische Handelsdefizit, dessen Auftreten im Frühjahr 1971 zur Beschleunigung der Krise des alten Regimes beigetragen hatte, sollten durch Wechselkursänderungen gelöst werden, die sich automatisch auf einem für die Anpassung erforderlichen Stand einpegeln würden. Z.B. würde eine Abwertung des Dollars gegenüber anderen Währungen Importe teurer und Exporte billiger machen und somit das Ungleichgewicht korrigieren. Gleichzeitig übertrugen dieselben nationalen Regierungen dem übernationalen IWF eine sehr viel größere Macht zur »Aufsicht« über die Gestaltung der Wechselkurse und auch erweiterte Ressourcen, die die Rolle des IWF bei der Steuerung der ausgleichenden Finanzierung stützten. Auf diese Weise versuchten sich die nationalen Regierungen von den inländischen Klassenkonflikten um die Wirtschaftspolitik abzukoppeln, indem sie auf internationale Ausgleichsmechanismen setzten, die für den normalen Arbeiter praktisch unsichtbar waren.

Die gesteigerten IWF-Ressourcen wurden auch zur Steuerung der anderen monetären Strategie dieser Periode benötigt: zur Finanzierung einer rasanten Beschleunigung der Inflation, um nicht nur das Ansteigen der Reallöhne zu begrenzen, sondern sie selbst zu senken und einen Werttransfer von den Arbeitern zum Kapital herbeizuführen. Veränderungen in der amerikanischen Innenpolitik und die Anerkennung bestimmter politischer Veränderungen anderer Nationalstaaten führten diese Beschleunigung herbei. Zu ersterem gehörten die gezielten Bemühungen von Teilen der Nixon-Administration, durch Produktionseinschränkungen und gleichzeitige Exportsteigerungen (vor allem durch den berüchtigten Weizen-Vertrag mit Rußland von 1972) die Preise in der Landwirtschaft dramatisch zu erhöhen. Angeblich sollte damit der Wert der amerikanischen Exporte gesteigert werden, um mit dem neuen Handelsdefizit fertigzuwerden. Das Ergebnis war aber auch ein dramatischer Anstieg der Lebensmittelpreise, was sowohl im Inland wie im Ausland zu Reallohnsenkungen führen sollte. [34] Die Anerkennung auswärtiger politischer Veränderungen äußerte sich im passiven amerikanischen Verhalten gegenüber dem von der OPEC herbeigeführten dramatischen Anstieg der Ölpreise 1974. Obwohl sie öffentlich das Gegenteil beteuerten, billigte die amerikanische Regierung die Preiserhöhungen, und das internationale Kapital versuchte sie für einen gigantischen Werttransfer von den Konsumenten zu den Unternehmen zu nutzen, indem die OPEC-Gewinne bei Geschäftsbanken angelegt wurden. Preiserhöhungen bei Öl (oder Lebensmitteln) führen zu Reallohnsenkungen, weil sich der Preis dieses grundlegenden Guts quer durch die Wirtschaft auf die Preise aller Konsumgüter auswirkt, die mit seiner Hilfe hergestellt werden - entweder direkt als Rohstoff (Benzin, Dünger, Plastik) oder indirekt (als Energie-Input in fast allen Produktionszweigen). [35] Während die nationalen Regierungen die »Araber« dämonisierten, ihnen die Schuld für diesen inflationären Angriff auf die westlichen Löhne zuschoben und die Öl-Inflation als Entschuldigung nutzten, um durch Geldverknappung eine Rezession durchzusetzen, konnte das internationale Kapital in aller Ruhe zur Bank gehen, um sich OPEC-Petrodollars für neue Kapitalinvestitionen zu borgen. [36]

Zum Unglück für das Kapital wirkten sich alle diese Manipulationen der Geldflüsse anders als geplant aus. Anstatt einen internationalen Ausgleich auf eine Weise herbeizuführen, die die nationalen Regierungen vor öffentlichem Unmut bewahrte, erwiesen sich nicht nur die flexiblen Wechselkurse aufgrund der enormen Mengen sehr beweglichen Eurogeldes als wechselhaft und abträglich für das »internationale Investitionsklima«, sondern die Nationalstaaten wurden durch öffentlichen Druck wiederholt gezwungen, auf den ausländischen Devisenmärkten durch Kauf oder Verkauf ihrer Währungen zu intervenieren, um ihre Arbeiterklassen vor den Auswirkungen freier Schwankungen zu schützen. Solche wiederholten Eingriffe führten zum sogenannten System des »schmutzigen Floatens« und zeigten, daß es kein einfaches monetäres Entkommen vor der Auseinandersetzung mit den eigenen Klassenproblemen gab. Die Unzufriedenheit brachte die Währungsbehörden einiger europäischer Länder dazu, zu festen Wechselkursen zurückzukehren: von der »Währungsschlange« über das Europäische Währungssystem (EWS) von 1979 bis hin zu den aktuellen Verhandlungen zur Schaffung einer einzigen europäischen Währung. Wie Robert Triffin den US-Politikern erklärt hat, sollte mit der europäischen Rückkehr zu wenigstens lokal feststehenden Wechselkursen eine Situation geschaffen werden, in der sich Angriffe auf die Arbeiterklasse im nationalen Rahmen (z.B. die Durchsetzung von Austeritätspolitik) mit der moralischen Pflicht zur Einhaltung internationaler Zusagen rechtfertigen ließen. [37]

Was die von den Lebensmittel- und Ölpreisen angeheizte Inflation betrifft, so bewiesen die Arbeiterklassen der ölkonsumierenden Welt mehr Stärke als erwartet. Trotz der Rezession und höheren Arbeitslosigkeit in den Jahren 1974/75 konnten sie die Nominallöhne so weit steigern, daß es zu keiner Reallohnsenkung kam. Das Ergebnis war eine Beschleunigung der Inflation, die nichts zur Wiederherstellung der Profite oder der Geschäftsstabilität beitrug und nichts an den wachsenden Handelsdefiziten änderte, weil die weiterhin hohe Nachfrage zu hohen Ölimporte führten und Exporte durch die Rezession begrenzt waren. Um diese Defizite zu finanzieren, mußten schließlich riesige Mengen Petrodollars, die eigentlich für Investitionen verfügbar sein sollten, zur Stützung der Zahlungsbilanz eingesetzt werden - teilweise mit Hilfe einer neuen Öl-Kreditlinie des IWF. Kurz gesagt, mit keiner Strategie konnten die Nominallöhne dramatisch gesenkt werden, um ein Gleichgewicht mit der Produktivität oder den Profitanteilen einer früheren keynesianischen Phase wiederherzustellen.

Erfolgreicher waren in den 70er Jahren die Bemühungen, die Geldflüsse zu den Nichtentlohnten und den ArbeiterInnen des öffentlichen Dienstes zu kappen - entweder durch scheibchenweise Angriffe auf einzelne Programme oder durch eine allgemeinere Austeritätspolitik mithilfe der »Finanzkrisen«. Während einige Angriffe fehlschlugen, wie etwa der auf die Lebensmittelmarken, der unter Nixon begonnen hatte und unter Ford und Carter jeweils erneuert wurde, waren andere erfolgreicher. [38] Zurückschauend hat sich die New Yorker Finanzkrise von 1974/75 als Vorläufer einer viel allgemeineren staatlichen Strategie herausgestellt, fiskalische (wie auch internationale) Ungleichgewichte und öffentliche Verschuldung als Hebel für den Angriff auf alle Einkommensformen der Arbeiterklasse zu nutzen. Die »Krise« im New Yorker Haushalt läßt sich auf drei Phänomene zurückführen: erstens erzwangen Klassenkämpfe höhere kommunale Ausgaben für Sozialprogramme und für höhere Löhne und Sozialleistungen im öffentlichen Dienst, die teilweise durch Steuererhöhungen finanziert werden mußten; zweitens gingen Steuereinnahmen verloren, da Geschäfte und hochbezahlte Angestellte vor der wachsenden Macht anderer Arbeiter in der Stadt flohen; und drittens ein zunehmender Rückgriff der Stadt auf Verschuldung, um ihre Defizite zu finanzieren. Die Entwicklung dieser Trends von Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre war für einen monetären Gegenangriff der Banken und des Staates gegen die Arbeiterklasse von New York City wegbereitend. Der Gegenangriff begann, als die Banken weitere Kreditverlängerungen davon abhängig machten, daß die Stadt eine Austeritätspolitik und insbesondere Kürzungen der Löhne im öffentlichen Dienst und bei den öffentlichen Dienstleistungen durchsetzte. Gleichzeitig wurde die Aufsicht über die Politik der Stadtregierung einer Reihe speziell eingerichteter Aufsichts- und Kontrollgremien übertragen, was die Widerstandsmöglichkeiten der örtlichen ArbeiterInnen weiter einschränkte (siehe auch Marazzi). [39] Die in New York angewandten Methoden wurden vom Kapital bald auch in anderen Teilen der Welt eingesetzt, so z.B. in Ägypten und Polen 1976, wo andere »Finanzkrisen« und der Druck von Finanzinstitutionen (dem IWF) für Angriffe auf die Löhne und den Lebensstandard genutzt wurden. Sie wurden schließlich durch die 1982 einsetzende internationale Schuldenkrise verallgemeinert. Da ich mich mit der Schuldenkrise schon anderswo beschäftigt habe [40], will ich hier nur betonen, daß es in dieser Krise - wie in New York oft eine Subversion des geborgten Geldes durch die Arbeiterklasse als auch den monetären Terrorismus des (nationalen wie übernationalen) Staats gab, der den Geldfluß an die ArbeiterInnen als auch seinen realen Wert senkte, um diese Subversion zu beenden. Sämtliche »Anpassungsprogramme« des IWF, von denen Umschuldungen abhängig gemacht wurden, forderten nicht nur die Reduzierung der öffentlichen Ausgaben, die Geld in die Hände der ArbeiterInnen gaben (Lebensmittelsubventionen, Löhne im öffentlichen Dienst, Investitionen in bessere Ausbildung), sondern mit ihnen wurden auch lokale Währungsabwertungen, Privatisierungen, drastische Einschränkungen von Konsumgüterimporten, Rezession und hohe Arbeitslosigkeit durchgesetzt. All dies verringerte die Möglichkeiten der Arbeiter, Geld zu bekommen und zu nutzen.

Historisch ging die Verallgemeinerung der Strategie der monetären Austerität jedoch nicht wie in New York von einzelnen privaten Kreditinstitutionen aus, sondern von den höchsten Ebenen der kapitalistischen Politikgestaltung: vom IWF und der Exekutive der amerikanischen Regierung. In den 70er Jahren verlangte der IWF immer wieder die Unterordnung der makroökonomischen Politik unter einen konzertierten Angriff auf die Inflation - eine euphemistische Art, einen Angriff auf die Arbeiterklasse zu fordern, in deren Macht er ganz zu Recht die Quelle der steigenden Preise ausgemacht hatte. Während die herrschende Klasse in Europa diese Ziele durch die Rückkehr zu regional festen Wechselkursen zu erreichen versucht hatte, reagierten Jimmy Carter und die Fed auf diese Forderung, mit dem Einsatz eines militanten Monetarismus gegen die Arbeiterklasse ab Mitte 1978. [41]

»Monetarismus« wird hier als ökonomische Theorie und als Wirtschaftspolitik verstanden. Während der keynesianischen Ära, als Geld geschickt dazu eingesetzt wurde, die Klassenkonflikte in das Wirtschaftswachstum einzubinden, war die Theorie des »Monetarismus« nur ein Mauerblümchen in den theoretischen und politischen Diskussionen. Sie existierte vor allem hinter den Mauern der Universität von Chicago, wo sie von Milton Friedman und seinen Kollegen betrieben wurde. Solange Inflation ein unbedeutendes Phänomen war und sogar als nützliches Mittel betrachtet werden konnte, mit dem »das Getriebe der Wirtschaft geschmiert« und die Reallöhne in Grenzen gehalten werden konnten, wurde der monetaristischen Forderung, die Rolle der Fed auf die Steuerung eines langsamen und stetigen Wachstums der Geldmenge zu reduzieren, von denen wenig Beachtung geschenkt, die für die »Feinsteuerung« der Klassenbeziehungen in der Akkumulation verantwortlich waren. Als aber der Produktivitäts-Deal gekippt wurde und die Inflation Ende der 60er Jahre anstieg und Mitte der 70er durch die Erhöhungen der Grundgüterpreise und der Löhne beschleunigt wurde, öffnete sich mit den Fehlschlägen der keynesianistischen Politik (und somit der Theorien) der Raum für einen schnell wachsenden Einfluß monetaristischer Theorien und Politikkonzepte. So wie der Keynesianismus vorherrschend geworden war, weil er mit der Deflation der Großen Depression hatte fertig werden können, so wurde er nun vom Monetarismus ersetzt, weil dieser eine Analyse (zu schnelles Wachstum der Geldmenge) und ein Heilmittel für die Inflation anbot. [42]

Das Heilmittel bestand natürlich in monetären Einschränkungen und einem Wechsel der Fed-Politik von einer Politik, die Lohnsteigerungen ermöglichte und Investitionen durch niedrige Zinsraten zu fördern versuchte, zur Politik eines eingeschränkten Geldmengenwachstums, womit die galoppierende Inflation verhindert werden sollte. Dieser Wechsel fand statt, als Carter 1979 Paul Volcker zum Chef der Fed machte. Dieser setzte sofort eine dramatische Reduzierung der Geldmenge durch, was die Zinsraten in Rekordhöhen schnellen ließ und das Land und die Welt in eine Depression stürzte. Die ökonomische Theorie des Monetarismus - die eine moderne Variante der Quantitätstheorie enthält - war beinahe so geld-fetischistisch wie das merkantilistische Denken, das von den klassischen politischen Ökonomen bekämpft worden war. Dies versorgte zwar die überlebenden Keynesianisten mit unendlich viel Material für ihre Kritik, in der sie darauf pochten, die Theorie müsse die tatsächlichen ökonomischen Beziehungen begreifen, von denen Geld nur ein Teil ist. Aber die monetaristische Politik hatte einen viel offensichtlicheren Klassengehalt: zum einen wurden die Löhne der Arbeiterklasse durch Depression und hohe Arbeitslosigkeit auf direkte Weise und durch das dramatische Anwachsen der Reservearmee auf indirekte Weise angegriffen, zum anderen zielte die Kreditbegrenzung auch unmittelbar auf eine Senkung der verfügbaren Verbraucherkredite und damit auf die Wiederanbindung des Konsums an die Arbeit. [43] Die alten Warnungen von Marx vor der Fähigkeit des Kapitals, Lohnsteigerungen durch Krise und Arbeitslosigkeit zu begrenzen, wurden plötzlich wieder derart aktuell, wie sie es seit den 30er Jahren nicht mehr gewesen waren.

Dieser Klassengehalt wurde noch sichtbarer an den Haushalts-Strategien der »Finanzkrise«, die oben diskutiert wurden. Die monetäre Attacke auf den Lohn wurde durch »angebotsorientierte« Haushaltmaßnahmen vervollständigt, um Wert/Geld von der Arbeiterklasse zum Kapital zu transferieren. Obwohl dieser Prozeß unter Carter begann, beschleunigte er sich unter der Reagan-Administration in den 80er Jahren und gewann in dieser Zeit ein viel klareres Gesicht. »Angebotsorientierte« Wirtschaftslehre und Monetarismus wurden zur neuen staatswirtschaftlichen Lehre, die den Keynesianismus definitiv ersetzte. Deregulierung, um Unternehmenskosten zu senken, Steuersenkungen zugunsten der Unternehmen und eine Verschiebung in der Zusammensetzung der Regierungsausgaben von solchen, die den Arbeitern zugute kamen, zu solchen, die das Kapital unterstützten, wurden zusammen mit dem knappen Geld zur expliziten Politik des neuen Regimes. [44]

Obwohl in den 70er Jahren einige Sozialprogramme erfolgreich gekürzt werden konnten, speziell im ersten Jahr der ersten Reagan-Administration, kam es auch wieder zu Fehlschlägen. Die defensive Gegen-Mobilisierung der verschiedensten betroffenen Gruppen - von der Verteidigung der Lebensmittelmarken für Arme bis zur Verteidigung der sozialen Sicherheit der Mittelklasse - konnte vieles retten, was nach dem angebotsorientierten Programm Reagans hätte abgeschafft werden sollen. [45] Aufgrund des erfolgreichen Widerstandes gegen solche Kürzungen führten die Steuersenkungen des Reagan-Programms ohne die entsprechenden Ausgabenkürzungen zu einem himmelhohen Haushaltsdefizit, das nur durch eine massive Verschuldung im europäischen und japanischen Ausland finanziert werden konnte. Schließlich war Volcker im Herbst 1982 aufgrund der Unzufriedenheit der Unternehmen über die Depression und über den Ausverkauf des Bundes den Geldmärkten sowie der mexikanischen Androhung in der Schuldenkrise, die Schulden nicht zurückzuzahlen, gezwungen, die monetäre Politik zu lockern und die Zinsraten zu senken. Sein ausdrückliches Ziel dabei war die Stimulation des Konsums, nicht der Investitionen. Die darauf folgende langwierige und träge Erholung hatte sehr zum Leidwesen der Monetaristen und Angebotsorientierten einen keynesianistischen Beigeschmack. Da durch Arbeitslosigkeit, Senkung der Einkommenssteuern und finanzielle Deregulierung Geldeinkommen von den LohnarbeiterInnen zu Angestellten und Managern verschoben wurden - und damit die Yuppy-Generation finanziert wurde -, fand diese vom »Konsum gezogene« wirtschaftliche Erholung zwar auf der Grundlage einer neuen Klassenzusammensetzung statt, aber es war eben nicht das von den angebotsorientierten Politikern angestrebte investitionsgezogene Wachstum.

Diese Geschichte des Klassenkonflikts um das Geld auf der Ebene des Staates spielte sich im Rahmen viel umfassendere Konflikte zwischen ArbeiterInnen und individuellen Arbeitgebern auf der privaten Ebene ab. Obwohl der harte Schlag gegen die Fluglotsen zunächst im Hintergrund der Reagan-Politik stand, signalisierte er den Beginn eines umfassenden Angriffs auf die stärksten Sektoren der amerikanischen Arbeiterklasse - wobei Stärke am Geld gemessen wird. Zusammen mit der staatlich geförderten hohen Arbeitslosigkeit und den Angriffen auf die Sozialleistungen, die die Lohnhierarchie von unten her angriffen, spielte die Deregulation - die mit der Begründung verkauft wurde, »uns die Regierung vom Hals zu schaffen« - eine Schlüsselrolle bei den Bemühungen, Löhne und Absicherungen in der Privatwirtschaft zu senken. Sie senkte nicht nur unmittelbar die Kosten für die Unternehmen, die durch Arbeitskämpfe in die Höhe getrieben worden waren (z.B. für Arbeitssicherheit und Umweltschutz), sondern ermöglichten den Unternehmen auch ihre Reorganisation auf Firmen- und Industrieebene. Chapter 11 [des US-amerikanischen Konkursrechtes] wurde dazu benutzt, Zugeständnisse bei Lohn- und Leistungskürzungen zu erzwingen, den Firmen einen leichteren Zugang zu Industrien wie der Luftfahrt zu verschaffen, und um es dem Kapital leichter zu machen, sich in neuen, gewerkschaftsfreien Unternehmen zu reorganisieren und damit vom den alten keynesianischen formellen Tarifverhandlungen zu befreien. Wo die Gewerkschaften es nicht geschafft hatten, die ArbeiterInnen in die Schranken des Profits zu weisen, wurden sie gemieden, und die Drohung mit Arbeitslosigkeit eingesetzt, um Löhne und Absicherungen niedrig zu halten.

Gleichzeitig nutzten viele Unternehmen den wachsenden Vorteil fallender Löhne in der Dritten Welt, die auch vom monetären Terrorismus durchgesetzt worden waren (in diesen Fällen vom IWF gesteuert), um NiedriglohnarbeiterInnen gegen besser bezahlte ArbeiterInnen auszuspielen. Produktionsverlagerungen ins Ausland wurden angedroht und tatsächlich durchgeführt, z.B. von amerikanischen Firmen nach Mexiko, von nordeuropäischen in den Mittelmeerraum, von japanischen und südkoreanischen nach Südostasien. Als in Detroit, Liverpool, Lille, Hamburg, Kyoto und Seoul Fabriken geschlossen wurden und einstmals hochbezahlte ArbeiterInnen von ihrem Platz in der Lohnhierarchie geworfen wurden, öffneten neue Fabriken in Mexiko City, Spanien, Bangkok und Singapur, wo die ArbeiterInnen mit bedeutend weniger Geld oder irgendwelchen anderen Einkommensformen im Austausch gegen härtere, gefährlichere und längere Arbeit abgespeist werden konnten.

Zu den Maßnahmen, mit denen diese multinationale Zersetzung der globalen Strukturen von Klassenmacht vorangetrieben werden sollten, gehörten auch Anstrengungen, Handelsströme (Waren und Dienstleistungen) und Geldflüsse (sowohl Aktien wie Direktinvestitionen) von Einschränkungen zu befreien. Der Abbau solcher Einschränkungen, der für den Prozeß der gesellschaftlich-geographischen Reorganisierung notwendig war, wurde zum Teil mit dem Druck erreicht, den der IWF auf nationale Regierungen ausübte, die zu Umschuldungsmaßnahmen gezwungen waren. Außer den schon erwähnten Haushaltskürzungen, Währungsabwertungen und Privatisierungen, wurden sie zur Abschaffung verschiedener protektionistischer Maßnahmen gezwungen, mit denen sie inländische Industrien hatten schützen wollen, und zur Abschaffung von Hindernissen für Kapitalbewegungen, mit denen die Gewinnrückführung aus ausländischen Investitionen begrenzt werden sollte. Kurz gesagt, »freie Märkte« aller Art waren eine Voraussetzung für die Freiheit des Kapitals, Geld wieder so einzusetzen, daß es die Kontrolle über die Arbeiterklasse zurückerlangen konnte. [46] Um diese Freiheit ging es auch in der Uruguay-Runde der GATT-Verhandlungen und beim amerikanischen Drängen auf ein Nordamerikanisches Freihandelsabkommen (NAFTA) als erstem Schritt zu einem gemeinsamen Markt, der die halbe Erdkugel umfassen würde. [47] In beiden Fällen war das wichtigste zu überwindende Hindernis - das hinter den widerstreitenden Verhandlungspositionen der verschiedenen Nationalstaaten stand - die Gegnerschaft verschiedener Arbeitergruppen, von Reisbauern in Japan und Südkorea über Bauern in Europa bis zum verbreiteten Widerstand von Industriearbeitern, Umweltschützern und sogar Kleinbauern [48] in ganz Nordamerika, denen die Bedrohung klar war, ArbeiterInnen mit Hilfe des internationalen Handels gegeneinander auszuspielen. [49]

An dieser Stelle möchte ich von den verschiedenen Versuchen, den Arbeitern Geld und Einkommen zu entziehen, zu den Bemühungen der Kapitalistenklasse übergehen, dieses Geld wieder in die Akkumulation zu leiten. Ein Teil dieser Geschichte ist zwangsläufig schon erwähnt worden: die weitgehend fehlgeschlagenen Anstrengungen, höhere Ölpreise in kapitalistische Investitionen umzuwandeln, die weitgehend erfolgreiche Verlagerung von Investitionen über die Grenzen hinweg und die industrielle Reorganisation, der Ergebnisse gemischt waren. Aber über diese einzelnen Maßnahmen hinaus stellt sich die allgemeinere Frage, in welchem Maße es dem Kapital gelungen ist, mit Hilfe des Geldes die Grundlage eines neuen Akkumulationszyklus zu schaffen, der sich trotz möglicherweise anderer Steuerungsformen mit dem vom keynesianistischen Staat organisierten Zyklus vergleichen ließe.

Die Antwort auf diese Frage muß meines Erachtens weitgehend negativ ausfallen. Die langwierige Erholung (1983-89) von der Reaganschen monetaristischen Depression war schwach, und die zielstrebige Verfolgung einer repressiven »Null-Inflations« der Fed, die sich gegen die Löhne richtete, löste am Vorabend des Golfkrieges eine neue Depression aus. Darüber hinaus wurde der gesamte Versuch, einen neuen Akkumulationszyklus einzuleiten, von zwei Phänomenen untergraben - einem alten und einem neuen.

Das alte Phänomen waren die anhaltenden Kämpfe der Arbeiterklasse, defensive wie offensive, innerhalb der Vereinigten Staaten wie in anderen Teilen der Welt. Ich bin bereits auf den entschlossenen und ziemlich erfolgreichen Widerstand eingegangen, der sich gegen die Versuche von Reagan und Bush formierte, Sozialprogramme zu kürzen. Die tatsächlich erzielten Kürzungen wurden dadurch eingeschränkt und Milliarden von Dollar blieben in den Händen der Arbeiterklasse. Aber wir müssen auch sehen, daß die Arbeiterklasse neben den Versuchen, den in früheren Jahren bereits erreichten Lebensstandard zu verteidigen (was sie in Wirklichkeit nicht erreichen konnte), auch beträchtliche Mengen ihres Geldes in die Verfolgung eigener Ziele gesteckt hat. In den 80er Jahre gehörten dazu vor allem die Erringung der Autonomie der schwarzen Arbeiterklasse in Südafrika, die Ausbreitung und Verteidigung der Revolution in Mittelamerika, der Befreiungskampf der Palästinenser, die Verfolgung eines ökologischen Programmes, das (ob es die Beteiligten so sehen oder nicht) die Überwindung des Kapitalismus erfordert, die Ausdehnung der Macht der Frauen, die Erweiterung von Rechten für Minderheiten und eingeborene Bevölkerungen, kulturelle Erneuerung usw.. All das stellte eine fortgesetzte und sich in viele Richtungen ausbreitende Subversion des Geldes da, das von den kapitalistischen Zielsetzungen weg in die Kämpfe umgeleitet wurde. Die wiederholten Fehlschläge des Kapitals bei dem Versuch, mithilfe der Schuldenkrise eine für die Akkumulation ausreichende Kontrolle wiederzuerlangen, waren in dieser ganzen Phase ein Maßstab für die Stärke des Widerstands der Arbeiterklasse. Wo ökonomische Mittel fehlschlugen, wurde die Macht der Arbeiterklasse durch militärische Interventionen - vor allem dem Golfkrieg von 1991 - angegriffen, sowohl direkt wie indirekt. Auf direkte Weise bekam das öl-produzierende Proletariat diesen Angriff zu spüren, dessen Arbeitsplätze militarisiert wurden und das sich einem riesigen Zersetzungsprozeß durch Tod, Knast und Deportation ausgesetzt sah. In indirekter Weise wurde die »Krise« als Rechtfertigung für erneute Angriffe auf die Arbeiterklasse benutzt, auf ihr Einkommen (höhere Ölpreise) und auf ihre qualitativen Erfolge (reduzierte Umweltkontrollen, erneuerter Push der Nuklearenergie, gesteigerter Rassismus in Form einer härteren Politik zur Kontrolle der Arbeitsimmigranten).

Das neue Phänomen war die enorme Umleitung von Geld weg vom umstrittenen Feld der Produktion hin zur Spekulation, die in Folge der finanziellen Deregulierung, mit der viele der in der keynesianischen Ära eingerichteten Hindernisse beseitigt wurden, plötzlich und in enormem Ausmaß anstieg. Diese Deregulation, die unter Carter begonnen hatte, unter Reagan beschleunigt und von Bush oder Clinton nicht aufgegeben wurde, machte eine rapide Entwicklung zahlreicher neuer finanzieller Praktiken möglich, von denen viele sehr gut für spekulative Zwecke geeignet waren (z.B. junk bonds [eine spezielle Form von relativ hochverzinsten Wertpapieren; in den USA entwickelt und dort von Bedeutung sind, Anm.d.Ü.]). Kombiniert mit einem neuen White-House-Ethos von Reichtum und Gier (der von den Medien breit propagiert wurde) führte das zu einer Explosion der spekulativen Aktivität, wie es sie seit den 20er Jahren nicht mehr gegeben hatte. Riesige Ressourcen an Geld, menschlichem Können und organisatorischen Anstrengungen wurden in die schnellsten und lukrativsten Profitspiele gesteckt, statt in Investitionen, mit denen sich die langanhaltenden Klassenwidersprüche hätten überwinden lassen. Angesichts schwindelnd hoher Profitraten aus Papierinvestitionen, die zum Teil auf die hohen Zinsraten zurückzuführen sind, zu denen die Fed mit ihrer Politik der Geldverknappung beitrug, und industriellen Profitraten, die unter dem Druck der Depression erwartungsgemäß niedrig waren, geschah das Unvermeidliche. »Kapital« in Geldform floß in Papier- und spekulative Investitionen und forcierte die Hausse-Spekulationen an der Börse und eine immer tiefgreifendere Beteiligung der Banken und Bausparkassen an einem ebenso aufgrund von Spekulation boomenden Immobilienmarkt. Das Ergebnis bestand, wie wir heute wissen, unter anderem im Börsencrash von 1987, den weitverbreiteten Zusammenbrüchen von Bausparkassen und der aktuellen Krise des amerikanischen Bankwesens. All diese phantastischen Rasereien und die Panik, die Marx in den 1850er Jahren fasziniert hatten, aber deren Untersuchung während der keynesianischen Ära aus der neoklassischen und marxistischen Wirtschaftstheorie völlig verschwunden war, erlebten plötzlich ihre Wiedergeburt in dem, was Business Week ohne Zögern und mit beträchtlicher Bestürzung als »Casino-Ökonomie« bezeichnete. [50]

Dieses Wiederauftauchen einer extrem fetischistischen Jagd nach Geld im späten 20. Jahrhundert, bei der die Steuerung der Klassenbeziehungen vernachlässigt wurde, hat zweifellos die Lösung der Krise dieser Beziehungen verhindert, um die das Kapital in den letzten zwanzig Jahren bemüht war. Indem die Reagonomics es erleichterten, große Mengen von Ressourcen von ernsthafteren Experimenten zur Umstrukturierung der Klassenzusammensetzung wegzuleiten, untergruben sie eben die »angebotsorientierte« Revolution, die sie herbeiführen wollten. Die Reaganauten wiesen die Argumente von keynesianistischeren Angebotsorientierten wie Lester Thurow zurück, die für eine beschleunigte Umstrukturierung mittels einer »Industrie-Politik« des Bundes eintraten, statt »die Investitionsentscheidungen dem privaten Sektors zu überlassen«. Aber während ein Teil des privaten Sektors intensiv über alternative Management-Modelle diskutierte, mit denen die Subjektivität der Arbeiterklasse kontrolliert werden sollte (z.B. die Debatte über das »japanische Modell«), begnügte sich der überwiegende Teil damit, die Konzentration des Geldes in den eigenen Händen auf Kosten der ArbeiterInnen zu beschleunigen. Wie ernsthaft konstruktivere Anstrengungen zur Krisenlösung dadurch untergraben wurden, läßt sich nur zum Teil an der Menge des umgeleiteten Geldes ablesen. Wichtiger ist es, die wesentlichen Anstrengungen des Kapitals zu erkennen und zu untersuchen, die auf den erneuten Einsatz des Geldes in der wirklichen Akkumulation zielen.

Zu diesen Anstrengungen gehörten bedeutsame Investitionen in die Entwicklung und Nutzung neuer Technologien, die die organische Zusammensetzung des Kapitals erhöhten und eine Reorganisation der Produktion und Zersetzung der Arbeitermacht erlaubten. Am bekanntesten waren die Investitionen, die zur Transformation der fordistischen Massenproduktion führten, wie die Mechanisierung der Produktion durch computergesteuerte Robotisierung, um die Fließbandfertigung durch eine flexible Just-in-time-Produktion kleiner Serien zu ersetzen, die von einem neuen Typ von Arbeiter geleitet wird. [51] Solche neuen Technologien werden heute nicht nur in den alten, hochentlohnten Betrieben eingeführt, die dadurch ArbeiterInnen überflüssig machen und entlassen können, sondern auch in den neuen, in die Dritte Welt verlagerten Fabriken, wo sich herausgestellt hat, daß auch eine viel geringer entlohnte Arbeitskraft solche Produktionsprozesse steuern kann. Weniger traditionell, aber von zunehmender Bedeutung ist die Reorganisation von Informationsflüssen (eingeschlossen jene, die mit der Schöpfung der Wissenschaft und Technologie selbst verbunden sind) durch immer stärker dezentralisierte aber komplexe Netze computergestützter Kommunikation. [52] Zu solchen »postfordistischen« Methoden der Arbeitsorganisation gehörten auch Versuche, das öffentliche Bildungswesen als Instrument für ein erneutes Produktivitätswachstums wieder an die Privatwirtschaft zu koppeln (d.h. durch das Aufgreifen und Benutzen einer neuen Subjektivität innerhalb der Arbeiterklasse). [53] Diese beiden Richtungen kapitalistischer Investitionen treffen sich in dezentralen Netzwerken von weitgehend selbstgesteuerter hochflexibler Produktion, in denen sowohl die Produkte wie die Herstellungstechnik von den Arbeitern selbst ständig verändert werden. Das ist nirgends so sichtbar wie in der Softwareindustrie, die in den letzten Jahren dramatisch angewachsen ist. [54] Solche neuen Entwicklungen sind kreative Reaktionen auf das Auftauchen der machtvollen und verschiedenartigen Subjektivität der Arbeiterklasse, die die keynesianische Form des Kapitals in die Krise getrieben hatte. Für ihre Verbreitung und Weiterentwicklung sind beträchtliche Ressourcen erforderlich, von denen viele von Geschäftsleuten vergeudet wurden und werden, die vergessen haben, daß das Geschäft des Geschäftemachens nicht nur im Profit besteht, sondern in der Organisation der Gesellschaft durch die Erzwingung und die Kontrolle von Arbeit.

Schlußfolgerungen

In Zusammenhang mit dem Andauern der Krise und den Fehlschlägen bisheriger politischer Maßnahmen zu ihrer Lösung spielte das Geld eine erfolgreiche kapitalistische Rolle nur auf repressive, nicht auf schöpferische Weise. Die Siege des monetären Terrorismus in den führenden kapitalistischen Ländern und in der Dritten Welt waren nicht von einem neuen Geldfluß in eine Umgestaltung der Klassenbeziehungen begleitet, mit der die kapitalistische Macht wieder stabilisiert und ein neuer Akkumulationszyklus eingeleitet werden konnte. Die komplexe Struktur monetärer Beziehungen, die im Rahmen der keynesianischen gesellschaftlichen Fabrik geschaffen und von den Kämpfen der entlohnten und nichtentlohnten ArbeiterInnen zerstört worden war, ist bisher nicht repariert und ein neues tragfähiges Gewebe solcher monetären Beziehungen nicht geknüpft worden.

Obwohl es verschiedene neue Bemühungen und Experimente gibt, sich die neu aufgetauchten Eigenschaften der Subjektivität in der Arbeiterklasse nutzbar zu machen, sind diese weder auf einer ausreichend breiten Ebene durchgeführt worden, noch haben sie entsprechend stabile Ergebnisse hervorgebracht, um eine erfolgreiche Antwort auf die Krise der Klassenverhältnisse zu sein, die vor mehr als zwanzig Jahren begonnen hat. Auf der Ebene der internationalen Geldverhältnisse folgten auf das Scheitern des »schmutzigen Floatens« die Fehlschläge des EWS. [55] Auf der Ebene der Produktion sind wir vielleicht schon Zeugen der ersten Krise des gerade begonnen »Postfordismus« geworden. [56] Auf der Ebene der Reproduktion wehren sich Frauen und Studenten weiterhin dagegen, daß ihre Selbsttätigkeit für die Produktion von Arbeitskraft funktionalisiert wird. [57]

Das Andauern der Krise, die Krise des kapitalistischen Gebrauch des Geldes eingeschlossen, erlaubt es uns, eine Reihe von weitreichenden Fragen zu stellen. Wird die Krise schließlich dazu führen, daß sich die kapitalistischen gesellschaftlichen Verhältnisse wieder auf irgendeine Art und Weise stabilisieren lassen, oder werden wir als Subjekte handeln können, deren nicht zu fesselnde Selbsttätigkeit die kapitalistische Geschichte zu ihrem Endpunkt bringt und neue, postkapitalistische Welten errichtet? Überall auf der Welt, von den Straßen in Los Angeles bis zu denen in Osteuropa, von Brixton in London bis nach Tepito in Mexico City ist die Zukunft des Geldes offen. Kann es in Kapital verwandelt werden? Wir haben die Schwierigkeiten gesehen. Kann es von der Arbeiterklasse genutzt werden, um die Krise zu verschärfen und Alternativen auszuweiten? Wir haben einige der Möglichkeiten gesehen. Und schließlich: Können wir ohne Geld und ohne all die anderen Formen von Kapital und eindimensionalen Mitteln auskommen zugunsten einer Welt, in der wir uns selbst und alle anderen nach ständig neu definierten Werten beurteilen, in einer Vielzahl freier kultureller Einheiten, die durch eine neue Art demokratischer Politik miteinander verbunden sind? ■

 

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Fußnoten:

[1] Zur Rolle des Geldes bei der »Zivilisierung« der schottischen Highlands nach dem Aufstand von 1745 und zu dem Beitrag, den David Hume dazu leistete, siehe Caffentzis (1992).

[2] Linebaugh (1992).

[3] Marx (1867, S. 788).

[4] Die Vermeidung der Arbeit kann die Form von regelmäßigem wöchentlichen Fehlen am Lohnarbeitsplatz annehmen, wie es Ende der 60er Jahre äußerst verbreitet war. Es kann auch die Form von nur zeitweiliger Lohnarbeit annehmen, wenn das dabei verdiente Geld ausreicht, um anschließend eine Zeitlang frei vom Arbeitsmarkt durchkommen. In der traditionellen Familie, wo einige (gewöhnlich Männer) für einen Lohn arbeiten und andere (gewöhnlich Frauen und Kinder) nicht, gelingt es denjenigen, die die unentlohnte Arbeit machen, unter Umständen, einen ausreichenden Teil des Lohns in arbeitssparende Anwendungen zu kanalisieren (vom Kauf einer Waschmaschine bis zum Essen gehen). Ähnliche Erscheinungen gibt es bei anderen Einkommensformen neben dem Lohn wie dem Markteinkommen von Bauern oder der Arbeitslosenversicherung - die beide unter Umständen ausreichen, um relativ lange um die Arbeit fürs Kapital herumzukommen.

[5] Solche Projekte der Selbstverwertung bedeuten durch ihr bloßes Anderssein gegenüber dem Kapital gleichzeitig seine Negation. Mir geht es hier darum, Kampfprojekte, die einfach Widerstand gegen die kapitalistische Herrschaft leisten oder sie angreifen, von solchen zu unterscheiden, die versuchen, neue Grundlagen für eine gesellschaftliche Entwicklung jenseits des Kapitals zu schaffen.

[6] Marx' Analyse dieser Entwicklung findet sich in verschiedenen zwischen 1857 und 1858 veröffentlichten Artikeln zu den Finanzproblemen in England und in Kapitel 2, Teil C von Zur Kritik der Politischen Ökonomie (Marx 1859).

[7] Linebaugh (1992), S. 210-213. Wie Caffentzis (1992) zeigt, bestand Humes Lösung für diese Probleme darin, einen einzigen und metallischen Währungsstandard einzuführen - nicht aus irgendeinem Goldfetischismus heraus, sondern als Mittel zur Durchsetzung von Währungsdisziplin.

[8] Diese Geschichte wird vom Klassenstandpunkt aus neu untersucht und interpretiert bei Caffentzis (1989).

[9] »Es gibt nichts Häufigeres«, sorgte sich Defoe, »als daß ein Engländer arbeitet, bis er die Tasche voller Geld hat, um sich sodann dem Müßiggang hinzugeben«. Zitiert bei Linebaugh (1992, S. 54).

[10] Diese Darstellung findet sich in Marx' Schrift Die Klassenkämpfe in Frankreich. Eine ausführliche Analyse findet sich bei Ricciardi (1985).

[11] Marx' Kommentar zur Rolle der Banken in der ursprünglichen Akkumulation findet sich im ersten Band des Kapital im 24. Kapitel über die »Genesis des industriellen Kapitalisten« (Marx 1867, S. 777ff). Seine Schriften über den Crédit Mobilier bestehen hauptsächlich aus Ende 1857 geschriebenen Zeitungsartikeln, die sich zum größten Teil in MEW 12 finden. Die Bedeutung dieser Schriften für Marx' Analyse des kapitalistischen Finanzwesens unterstreicht Riccardi (1985, Kap. 5); siehe auch Bologna (1993).

[12] Und zwar in der Rede vor Arbeitern 1865 (Lohn, Preis und Profit), mit der Marx die Argumente des Owenianers John Weston gegen Lohnkämpfe widerlegen wollte (Marx 1865).

[13] Das Kapital, 2. Band, 1. Kapitel (Marx 1884).

[14] Neben seinen Kommentaren in Lohn, Preis und Profit (Marx 1865) beschäftigt er sich damit auch im ersten Band des Kapital (Marx 1867), wo es um Löhne im Zusammenhang mit dem Wirtschaftszyklus geht.

[15] Siehe das Kapitel über das Geld in den Grundrissen (Marx 1857). Angesichts seiner Argumentation gegen Weston hätte Marx ein bißchen großzügiger gegenüber Proudhon sein können - d.h. wenn er nicht so sehr mit dem politischen Kampf gegen ihn beschäftigt gewesen wäre. Ein leichterer Zugang zu Krediten für die Arbeiterklasse würde den Kapitalismus zwar genauso wenig zu Fall bringen wie höhere Löhne, aber Marx hätte durchaus erkennen können, daß mehr Kredite genauso wie mehr Löhne und der Kampf für Kredite genauso wie der Kampf für Löhne durchaus positiv zur Entwicklung der Macht der Arbeiterklasse beitragen kann, wenn er in nicht-utopischer Weise betrieben wird.

[16] Das war die Generation der 60er und 70er Jahre in Italien, die sich in den Kämpfen der Massenarbeiter entwickelte und sich dann über sie hinaus auf die unentlohnte und teilweise entlohnten StudentInnen, Hausfrauen und Bauern ausweitete. Theoretisch gesagt entwickelte sich die marxistische Lohntheorie folgendermaßen: Während es zunächst vor allem um die politische Autonomie der Forderungen der Arbeiterklasse ging, wurden zunehmend Projekte praktischer Selbstverwertung anerkannt, die mit Geld »finanziert« wurden, das zunehmend von der kapitalistischen Arbeit getrennt wurde.

[17] Klassisch wird diese Interpretation bei Negri (1968) vertreten.

[18] Dieser Übergang wurde von den sozialistischen Ökonomen Baran und Sweezy als endgültiger Übergang zur Ära des »Monopolkapitals« und Ende der vorherigen Ära des »Finanzkapitals« verkündet. Siehe Baran und Sweezy (1964), wo die Analyse eher auf der neoklassischen Firmentheorie und der keynesianischen Makroökonomie als auf der marxistischen Theorie beruht.

[19] Die Konzentration des Geldes in den Händen der Kapitalisten über öffentliche Schulden und Steuern, die Marx in der Phase der ursprünglichen Akkumulation beobachtet hatte, war schon lange zum integralen Teil der laufenden Akkumulationsmuster geworden. Die neu eingerichtete Fed hatte diesen Prozeß schon während des Ersten Weltkrieges beschleunigt und machte in der keynesianischen Zeit weiter damit.

[20] Obwohl diese Kollaboration von Gewerkschaften und kapitalistischer Entwicklung von mächtigen kommunistischen und Arbeiterparteien abgesegnet wurde, gab es über Jahre hinweg eine Kritik daran in der oppositionellen Kultur der außerparlamentarischen marxistischen Linken. Einige Beispiele finden sich in den Schriften der Johnson-Forest-Tendency in den USA in den 50er Jahren (z.B. C.L.R. James (Johnson) und Raya Dunayevskaya (Forest)) und der italienischen Neuen Linken in den 60er Jahren (z.B. Raniero Panzieri und Mario Tronti).

[21] Die integrative Funktion solcher gesteuerten Ausgaben wird in den meisten kritischen Diskursen über die »Konsumgesellschaft« klar benannt - auch wenn ihnen eine Klassenanalyse fehlt. Hier liegt die Betonung aber genau andersherum als in der üblichen Sichtweise der Konsumgesellschaft: Statt zu meinen, die Arbeit würde von der Organisation des Lebens um den Konsum herum verdrängt, geht es darum zu zeigen, daß in der »Konsumgesellschaft« das Leben so strukturiert wird, daß mehr Arbeit dabei herauskommt. Wer sich zum Kauf des neuesten Modells verführen ließ, ließ sich dazu verführen, mehr zu arbeiten, um das dafür notwendige Geld zu verdienen (oder um die Raten abzubezahlen). Wie wir unten sehen werden, trat die Krise für das Kapital da auf, wo die ArbeiterInnen wirklich anfingen, den Gebrauch des Geldes von der Arbeit zu trennen.

[22] Eine marxistische Interpretation dieser »Humankapital«-Investitionen findet sich bei Caffentzis (1975).

[23] Der Begriff der »gesellschaftlichen Fabrik« stammt aus den Arbeiten von Mario Tronti von Anfang der 60er Jahre in Italien und wurde 1974 von der Gruppe »Modern Times« aus Cleveland und 1975 von Zerowork für die USA formuliert. Siehe Tronti (1973; 1976), THEKLA 9.

[24] Und damit indirekt durch die Ausdehnung des Zwangs zu der Arbeit, die die Waren hergestellt hat und die von den Investitionen finanziert wird. Wie wir gleich sehen werden, zeigte sich in der Krise der Dollarliquidität, die den westlichen Polit-Strategen solche Sorgen machen sollte, die darunterliegende Krise der Klassenbeziehungen. Dadurch, daß die internationale Geldordnung nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Dollar aufgebaut wurde, konnte die Geldmenge tatsächlich schneller wachsen, als es für das Wachstum des Handels und der Kapitaltransaktionen nötig gewesen wäre, und das trat tatsächlich zunehmend ab Ende der 60er Jahre ein. Es ist aber interessant, wie viele Jahre lang theoretisch und praktisch mit dem Thema »Liquidität« umgegangen wurde - nämlich so, daß das Geldangebot mit dem Bedarf der internationalen Wirtschaft wuchs, ohne zu Deflation oder zu störender Inflation zu führen.

[25] Siehe die Einleitung zu Zerowork, Nr. 1 (1975) und Moulier (1986).

[26] Siehe Romano und Stone (1947), Facing Reality (1964), Georgakis und Surkin (1975) und Georgakis (1981).

[27] Siehe Carpignano (1975) und Fox Piven und Cloward (1977).

[28] Natürlich wurden mit einem Großteil des Geldes, das der militärisch-industriellen Komplex für Kriegsmaschinen bekam, Investitionen und Arbeitsplätze in den Kriegsindustrien finanziert, und es ist schon viel über diesen Aspekt der »permanenten Rüstungsökonomie« als Charakterzug des keynesianischen Staatskapitalismus geschrieben worden. Rückblickend aber wurde nicht nur ein Großteils des Kriegsgeldes für verschwendete Gebrauchswerte statt für Investitionen ausgegeben, sondern die Umleitung der Investitionen vom zivilen in den militärischen Bereich trug auch dazu bei, daß die amerikanischen Kapitalisten nicht mehr in der Lage waren, steigende Lohnforderungen mit Produktivitätssteigerungen zu beantworten.

[29] Zu den Kämpfen der ArbeiterInnen des öffentlichen Dienstes und zur Verbindung dieser Kämpfe mit den Auseinandersetzungen im Privatsektor und auf der Straße siehe O'Connor (1973), Demac und Mattera (1977) und Lichten (1988).

[30] Interessante Überlegungen über die Folgen dieser schwächer werdenden Anbindung finden sich bei Nicolas-Le Strat (1992).

[31] Daß Nicht-Finanz-Konzerne immer mehr Kredite bei Finanz-Konzernen aufnehmen mußten, zeigt, daß Barans und Sweezys sich selbst finanzierendes »Monopolkapital« viel weniger auf dem Monopol an sich gegründet war als auf der besonderen, für den Keynesianismus charakteristischen Zusammensetzung der Klassenbeziehungen. Mit der Krise des Keynesianismus kam die Krise des Monopolkapitals. Daher überrascht es nicht, daß die wachsende Verschuldung der Konzerne bei einigen Marxisten neues lebhaftes Interesse an Hilferding und allgemein neue Sorgen über eine angebliche Renaissance des »Finanzkapitals« auslöste. Siehe die Artikel von Fitch und Fitch und Oppenheimer in Socialist Revolution 1970 und die Antworten von O'Connor und Sweezy. Da diese ganze Debatte die Analyse der Beziehungen zwischen verschiedenen Kapitalsektoren von der Analyse der Krise der Klassenbeziehungen abtrennte, trug sie wenig zum Verständnis der neuen Rollen des Geld in der Krise bei.

[32] De Gaulles Finanzminister Jacques Rueff war einer der Wortführer für die Forderung eines bestimmten Teils der Kapitalistenklasse nach einer Wiederherstellung der Zentralität des Goldes als internationales Geld. Dies war eine Reaktion auf die Unfähigkeit der amerikanischen Regierung, durch Einschränkung des Dollar-Angebots für stabile Preise zu sorgen. Teilweise handelte es sich hierbei um einen gewissen Gold-Fetischismus, teilweise war es dieselbe Sorge um monetäre Disziplin, die Hume im 18. Jahrhundert umtrieb (siehe oben). Sie sollte in den 80er Jahren mit Reagan's Befürwortern des Gold-Standards im Gefolge der Inflation in den 70er Jahren wiederkehren. Es gibt eine interessante Parallele in der Geschichte der marxistischen Ökonomie, an der auch Goldfetischisten beteiligt waren, die fest davon überzeugt waren, daß sich das kapitalistische System aufgrund seiner Abschaffung von »wirklichem« Geld im Niedergang befinde.

[33] Ein brauchbarer Überblick über diese Entwicklung - vom kapitalistischen Standpunkt aus - findet sich bei De Vries (1976). Eine marxistische Analyse entwickelt Marazzi, »Das Geld in der Weltkrise« (in Thekla 10).

[34] Zur Erörterung dieser Politik in Klassenbegriffen siehe Cleaver (1977), S. 35-40.

[35] Diese »Sraffanische« Strategie des Werttransfers mithilfe der Inflation bei Basisgütern wurde von den Midnight Notes in »Arbeit, Entropie, Apokalypse«, Thekla 12, analysiert.

[36] Berti (1975) untersucht vom Klassenstandpunkt aus ein frühes Beispiel dieser Art von monetaristischer Einschränkung, die gegen die Arbeiterklasse gerichtet war, und die später von den USA weltweit durchgesetzt wurde.

[37] Triffin (1978/79).

[38] Der erfolgreiche Widerstand gegen diese Angriffe auf das Lebensmittelmarken-Programm ist bei Reynolds (1980) dokumentiert.

[39] Zu diesen Behörden gehörte die Municipal Assistance Corporation und das Emergency Financial Control Board, mithilfe derer es möglich war, die Kontrolle über die städtischen Finanzen dem Land und dem Bund zu übertragen. Zur Geschichte der New Yorker Finanzkrise in Klassenbegriffen siehe Demac und Mattera (1977) und Lichten (1986).

[40] Siehe Cleaver (1989).

[41] Im Gegensatz zu dem früheren Fall Italien, den wir oben erwähnten, zwang die Übernahme dieser Strategie durch die amerikanische Fed der gesamten Welt höhere Zinsraten auf, da andere Währungsbehörden zum Nachfolgen gezwungen waren, um massive Kapitalabflüsse zu den höheren Zinsraten in den USA zu verhindern. Wie wir sehen werden, waren die Vereinigten Staaten trotz dieser Bemühungen anderer Zentralbanken in der Lage, einen Großteil ihrer enormen Budgetdefizite mit ausländischem Geld zu finanzieren, und dies sogar an den Tiefpunkten der folgenden Depression unter Reagan.

[42] Es würde den Umfang dieses Kapitels sprengen, alle hier zu erörtern, aber wir sollten anmerken, daß »Monetarismus« im engeren Sinne nur ein Element des »neoklassischen« Angriffs auf die keynesianische Theorie und Politik war, der eine ganze Serie von »marktorientierten« Maßnahmen in dieser Zeit rationalisierte - von der Deregulierung bis zum Freihandel.

[43] Eine Darstellung der Entscheidung, die Konsumentenkredite direkt anzugreifen, findet sich bei Greider (1987), S. 181-187. Greider zufolge ging der Anstoß eher vom Präsidenten denn von Volcker aus. Dies paßte gewiß zu Carter's kurz zuvor geäußerten Attacken auf »Maßlosigkeit und Konsum« und seinem Ruf nach Selbstverleugnung und Aufopferung. Siehe den Text seiner berühmten Rede vom 15. Juli in der New York Times vom 16. Juli 1979.

[44] Zur Analyse des Klassengehalts der »angebotsorientierten« Ökonomie siehe Cleaver (1981). Trotz ihrer ganzen anti-sowjetischen Rhetorik war es so offensichtlich, daß die Arbeiterklasse der zentrale Feind der Reagan-Regierung war, daß Fox Piven und Cloward deren Politik denunzierten. Siehe Fox Piven und Cloward (1982).

[45] Siehe Cleaver (1986) und Palazzini (1992), die sich auf die Kämpfe um Lebensmittelmarken und soziale Sicherheit konzentrieren.

[46] Die offensichtliche Ausnahme bei diesem Streben nach internationalen »freien Märkten« waren die Märkte für Arbeitskraft. Während jede Anstrengung unternommen wurde, um Einschränkungen der freien Beweglichkeit von Waren und Geldkapital abzubauen, wurden die ArbeiterInnen dem genauen Gegenteil ausgesetzt: zunehmend stärkere Einschränkungen für Einwanderer und Flüchtlinge sowohl durch die offizielle Politik (z.B. Grenzkontrollen) wie durch einen inoffiziellen Rassismus gegen Immigranten. Die Existenz dieser Kontrollen ist ein klares Zeichen für die Autonomie der Bewegungen der Arbeiterklasse und der in ihr liegenden Bedrohung der kapitalistischen Macht. Würden die ArbeiterInnen wohl oder übel nur dorthin gehen, wo ihre Arbeitskraft gefragt ist, dann wären solche Kontrollen nicht nötig. Zu den Einschränkungen in Europa als Reaktion auf die Autonomie der Immigranten siehe Moulier-Butang und Ewenzyck (1978). Zu den Einschränkungen gegenüber der nicht-legalisierten Mobilität in Nordamerika siehe Flores (1977).

[47] Die Parallelen zu Argumenten für den Freihandel, die aus der klassischen politischen Ökonomie des 18. und 19. Jahrhunderts stammen, scheinen auf der Hand zu liegen. Unglücklicherweise wurden diese früheren Argumente von Marxisten normalerweise als Ausdruck des britischen Imperialismus und nicht als Antwort auf den Druck der Arbeiterklasse betrachtet. Eine Ausnahme ist die Arbeit von Ricardo Salvatore über den Handel zwischen Argentinien, England und den Vereinigten Staaten im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert, den er in Bezug auf die Dynamik des Klassenkampfs in den einzelnen Ländern analysiert und dabei zeigt, wie der Klassenantagonismus durch den Handel selbst übertragen und zirkuliert wurde. Siehe Salvatore (1987).

[48] Die Teilnahme der Bauern an der Anti-Nafta-Bewegung in Nordamerika nahm in der Zeit, in der dieses Kapitel zur Veröffentlichung vorbereitet wurde, sprunghaft zu. Am 1. Januar 1994, als NAFTA in Mexiko in Kraft treten sollte, führten die Indios aus Chiapas in vier verschiedenen Städten Überraschungsangriffe auf Regierungsbehörden durch und erklärten dem mexikanischen Staat den revolutionären Krieg. Während sich unter ihren Schlachtrufen auch altbekannte Forderungen wie die nach Rückgabe des Landes und Beendigung der Unterdrückung befanden, stellten sie ihren Kampf auch ganz ausdrücklich in einen Zusammenhang zu NAFTA. In einer Stellungnahme, die sowohl über die Massenmedien wie durch den oppositionellen Cyperspace sofort rund um die Welt gingen, erklärte ein Sprecher der indianischen Streitkräfte, die in San Cristóbal de las Casas einmarschiert waren: »Das Freihandelsabkommen ist der Totenschein für die indianischen Menschen in Mexiko.« Die überraschend schnelle und weitverbreitete Mobilisierung zur Unterstützung des indianischen Kampfes in Mexiko und auf der ganzen Welt stoppte den Gegenangriff der mexikanischen Regierung. Daß eine derart lokale und kleine Bewegung eine solche Oppositionsbewegung auslösen konnte, sollte deutlich machen, daß der internationale Widerstand der Arbeiterklasse viel entwickelter ist, als viele annehmen. Die nordamerikanische Unternehmerpresse verstand sofort, welche Gefahr dies für die internationalen Strategien des Kapitals zur Klassenzersetzung darstellte. Sie warnte die mexikanische Regierung, daß irgendwelche wesentlichen Zugeständnisse an die Indianer geplante Ausweitungen der Kapitalinvestitionen vereiteln würden. Siehe z.B. Business Week (Januar 1994).

[49] In Opposition zu diesen Handelsabkommen standen offensichtlich auch verschiedene Kapitalistengruppen, die vom Abbau diverser Schutzmaßnahmen betroffen wären. Diese Mischung aus Klasseninteressen in der Oppositionsbewegung machte sie anfällig für verschiedene Formen populistischer Ideologie. Bemerkenswert war jedoch das spontane und weitverbreitete Anwachsen einer äußerst niveauvollen Basisbewegung - die sich zunehmend international durch Informationsaustausch und Diskussionen vernetzte, was durch den Gebrauch internationaler Computer-Kommunikations-Systeme befördert wurde.

[50] Vor 1980 gab es innerhalb der herrschenden Wirtschaftstheorie oder im Marxismus nur wenige, die sich mit spekulativem Boom und Crash beschäftigten. Eine erwähnenswerte Ausnahme war Hyman Minsky. Die wenigen übrigen interessierten sich für die »finanzielle Zerbrechlichkeit« vor allem aus historischen Gründen, z.B. Kindleberger (1978).

[51] Siehe Coriat (1990). Zur Debatte um diese Muster einer postfordistischen kapitalistischen Umstrukturierung siehe Coco und Vercellone (1990) und Bonefeld und Holloway (1991).

[52] Siehe Lazaratto und Negri (1991) und Virno (1992).

[53] Das Ausmaß der staatlichen Beteiligung an solchen Bemühungen um eine Lösung der »Ausbildungskrise« war von Land zu Land sehr unterschiedlich, von Ländern wie Japan und Deutschland, in denen der Staat eine zentrale Rolle spielt, bis zu solchen wie den Vereinigten Staaten, wo sich die Rolle des Staates aufgrund des Fehlens einer geschlossenen Bundespolitik meistens darauf beschränkt, daß örtliche Regierungen ihr Schulsystem an die Privatwirtschaft prostituieren, um innerhalb der Konkurrenz einen größeren Anteil an Investitionen, Arbeitsplätzen und Steuern anzulocken.

[54] Trotz der Existenz von Großunternehmen in Teilen der Softwareindustrie war die Rolle der autonomen, dezentralisierten Programmierarbeit sowie der ähnlich ungesteuerten Zirkulation, Modifikation und Nutzung entscheidender. Die Schwierigkeiten einer kapitalistischen Kontrolle dieser Art von produktiver Tätigkeit waren aber von Anfang an klar, da die meisten Mitglieder dieser wachsenden Gemeinschaft von »ArbeiterInnen« auf ihrer eigenen Unabhängigkeit bestanden - bis dahin, daß sie es nicht zuließen, ihre »Produkte« zu Waren zu machen, und eine Ideologie des freien Zugangs zu Informationen vertraten.

[55] Ein paar Monate nach Fertigstellung ursprünglichen Manuskripts, im September 1992, wurden diese Fehlschläge auf dramatische Weise sichtbar. Großbritannien und dann Italien und Irland zogen sich aus dem System zurück und ließen eine Abwertung ihrer Währungen weit unter die vom System gestattete Schwankungsbreite zu. Die Weigerung einiger europäischer Regierungen, die von der Bundesbank diktierten höheren Zinsen (die Bundesbank hatte den Diskontsatz im Juli auf eine Rekordhöhe von 8,75 Prozent angehoben) und höheren Arbeitslosenraten (die Europäische Kommission sagte einen Anstieg auf 9,5 Prozent für 1992 und auf 9,7 Prozent für 1993 voraus) zu akzeptieren, muß als Versagen bei der Durchsetzung dieser gegen die Löhne und die Arbeiterklasse gerichteten Maßnahmen gegenüber ihren eigenen ArbeiterInnen verstanden werden. Im Sommer 1992 kam es überall in Europa zu einer Welle von (örtlichen und allgemeinen) Streiks, die sich gegen die Angriffe auf die privaten und sozialen Löhne (Senkung der Arbeitslosenunterstützung usw.) richteten. Dies kulminierte im Zusammenbruch des europäischen ERM und stellte die Fähigkeit des europäischen Kapitals in Frage, die für 1997 angekündigte europäische Währungsunion durchsetzen zu können.

[56] Negri (1993), S. 11-15.

[57] Trotz des »backlash« gegen die Frauenbewegung in den 80er und 90er Jahren konnten weder die erreichten Erfolge rückgängig gemacht werden, noch ein eindeutiger Erfolg bei der Einbindung neuer Familienformen ins Kapital erzielt werden. Bezüglich der Ausbildung war es weiterhin schwierig, junge Leute in gefügige Arbeitskraft zu verwandeln. Trotz einer massiven Mittelverlagerung von den freien Künsten zu professionellen Schulen lassen die neuesten Zahlen erkennen, daß es zu einer (vom Standpunkt des Kapitals aus) »verrückten« Abwanderung der UniversitätsstudentInnen in weniger auf den Job ausgerichtete akademische Disziplinen kommt.


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