Wildcat-Zirkular Nr. 45 - Juni 1998 - S. 66-69 [z45mexba.htm]


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Der Kampf gegen die Privatisierung der Bahn

Hintergründe des Wildcat-Streiks der mexikanischen Eisenbahner

Dan La Botz (in: Labor Notes #230, Mai 1998)

In der riesigen Gewerkschaftshalle wurde es still. Männer in Jeans und T-Shirts, viele mit Baseballkappen oder Cowboyhüten, hörten aufmerksam den Funktionären auf dem Podium zu.

Die Gewerkschafter sagten, es gäbe keine Garantie, daß sie von den neuen Bahneigentümern wieder eingestellt werden würden. Die neue Firma erkenne den alten Tarifvertrag nicht an, sondern wolle einen neuen, »flexiblen« Vertrag. Das Zugpersonal würde wahrscheinlich von sechs auf drei Arbeiter reduziert werden.

Seit mehr als zwei Jahren hatten sie die Punkte diskutiert: Wechsel des Arbeitgebers, Entlassung und Wiedereinstellung, Verlust ihrer Ansprüche aus der Betriebszugehörigkeit, des Tarifvertrags und der bisherigen Arbeitsbedingungen. Und wenn die Betriebe ganz zugemacht werden würden und 1200 auf der Straße stünden? Für die Menschen von Empalme, eine Stadt mit 56 000 Einwohnern im nordmexikanischen Bundesstaat Sonora, gibt es nichts Ernsteres.

Carlos Figueroa, der Generalsekretär des Ortsverbandes 8, machte einen Vorschlag. Die Debatte wurde leidenschaftlich. Um ihre Jobs und den Vertrag zu retten, hatten sie keine andere Wahl: sie würden streiken.

»Paro« und »Planton«

Von ihren Funktionären angeführt marschierten hunderte von Bahnarbeitern - die meisten davon Männer, aber auch Frauen aus den Büros - vom Gewerkschaftshaus zum nahegelegenen Rangierbahnhof.

Sie kamen an den riesigen alten Betriebswerkstätten vorbei und riefen die Arbeiter heraus, die drinnen Waggons reparierten. Während sie durch die Stadt marschierten, schlossen sich ihnen Männer, Frauen und Kinder an - alles BahnarbeiterInnen oder Nachfahren von BahnarbeiterInnen.

Am Rangierbahnhof angekommen, gaben die Gewerkschafter den Lokführern in den großen Dieselloks und den Rangierarbeitern Zeichen. Die Loks und Waggons hörten auf, sich zu bewegen. »Paro«, rief einer der Gewerkschaftsvertreter, das spanische Wort für wilden Streik.

Einige Arbeiter fuhren ein paar Werkstattwagen an strategische Punkte der Linien. Andere legten Schalter um. Eine Gruppe von Arbeitern begann auf der Hauptlinie das, was die Mexikaner »Planton« nennen: eine Sitzblockade.

So begann am 16. Februar [1998] der größte Eisenbahnerstreik Mexikos seit Jahrzehnten. Der Streik brachte große Teile des industriellen Transports in Nordmexiko unmittelbar zum Erliegen. Zwei Wochen später, nach Intervention der Bundesregierung und der obersten Chefs der mexikanischen Bahnarbeitergewerkschaft, hatten die Streikenden nur für wenige Jobs Garantien gewonnen. Aber sie haben die Bewegung gegen die weitverbreitete Privatisierung der mexikanischen Wirtschaft angeheizt.

Die 3700 Mitglieder von Local 8 der mexikanischen Bahnarbeitergewerkschaft sind mutig für die Rettung ihrer Arbeitsplätze eingestanden. Aber sie kämpften nicht allein.

In den letzten Jahren haben sich in Sonora Bahnarbeiter, Bergleute, Telefonarbeiter, Lehrer, Professoren und andere Beschäftigte von Universitäten, Studenten, Nachbarschaftsorganisationen und Gruppen von Yaqui Indianern zusammengeschlossen und die »Breite Front der sozialen Organisationen« (FAOS) gebildet. Als der Streik begann, schlossen sich FAOS-Aktivisten den Bahnarbeitern an und stoppten die Züge in Hermosillo, eine Stunde nördlich von Empalme und Standort einer großen Ford-Fabrik. Auch in anderen Teilen Sonoras kamen FAOS-Aktivisten den Streikenden zu Hilfe.

Bürgermeister und religiöse Führer gewährten Unterstützung. Zwei Tage nach Streikbeginn erschien der katholische Priester Rogelio Lopez auf dem Rangierbahnhof und hielt eine Messe bei der »Planton«, genau da, wo die Arbeiter die Züge blockierten.

Ein Wunder auf der Autobahn

Weil der Streik sich so dahinschleppte, hielten die ArbeiterInnen Versammlungen zur Diskussion der Strategie ab. Etwas anderes mußte gemacht werden. Ein Arbeiter meldete sich: »Ich schlage vor, daß wir zum Schrein des wundertätigen Heiligen Judas Tadaeus gehen.« Also marschierten sie zum Schrein auf einem Hügel am Rande von Empalme. Dort beteten hunderte von Streikenden und ihre Unterstützer zum Heiligen am Rande der Autobahn. Die Menge wuchs an, bis sie auf die Autobahn überquoll und den Verkehr blockierte. Das Ergebnis war in der Tat wunderbar: Die LKWs stauten sich kilometerweit auf der Autobahn, die parallel zu den Schienen verläuft und die Westküste Mexikos versorgt. Mit Hilfe des Heiligen kam der ganze Überlandtransport im Bundesstaat zum Erliegen.

Der Streik zog alle mit in den Kampf. Lydia Cano, 66jährige Eisenbahnerwitwe und Führerin der Ortsgruppe einer landesweiten Rentnerorganisation, organisierte eine Demo von pensionierten Eisenbahnern und anderen pensionierten Staatsbediensteten. Dann wandte sich Cano an die Frauen der Stadt und organisierte die »Marchade la Cazuelas«, den Marsch der Töpfe und Pfannen. Zwei- bis dreitausend Frauen und Kinder demonstrierten durch Empalme und schlugen auf Töpfe und Pfannen. Leere Töpfe und Pfannen sind »Symbole von Hunger und Arbeitslosigkeit«, so Cano.

Während sich vor Ort eine breite Koalition hinter die Streikenden stellte, gingen die Spitzenfunktionäre der Gewerkschaft auf Distanz. Der Chef der mexikanischen Bahnarbeitergewerkschaft, Victor Felix Flores Morales, hatte sich das von Weltbank, Regierung, staatlicher Eisenbahngesellschaft und Privatindustrie befürwortete Privatisierungs- und Reorganisationsprogramm vollständig zu Eigen gemacht. Victor Flores akzeptierte nicht nur das Privatisierungsprogramm der Regierung, sondern unterstützte dessen Durchführung, indem er die Arbeiter drängte, Vorruhestand und Entlassungen hinzunehmen.

Flores hatte die Kontrolle über die Eisenbahnergewerkschaft in den frühen 90er Jahren nach blutigen Kämpfen rivalisierender Fraktionen gewonnen. Im Verlauf dieser Auseinandersetzungen war Lorenzo Duarte Garcia, von 1989 bis 1992 Generalsekretär, bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommen. Viele denken, daß er ermordet worden ist. Nur drei Wochen danach wurde der amtierende Generalsekretär Praxedis Fraustro Esquivel Opfer eines Mordanschlags, der bis heute nicht aufgeklärt ist.

Der Tod dieser beiden Funktionäre machte Victor Flores den Weg an die Spitze der Gewerkschaft frei. Die Partei der Institutionalisierten Revolution PRI, die Mexiko seit siebzig Jahren regiert, verhalf ihm dann bei den Wahlen zu einem Sitz im Kongreß. Victor Flores war außerdem ein Jahr lang Vorstand des mexikanischen Gewerkschaftsdachverbandes, der eng mit der PRI liiert ist.

Schlägertruppen

Von diesen Posten aus half Flores, die Privatisierung der mexikanischen Bahn in Gang zu bringen. Wenn örtliche Gewerkschaftsführer oder Arbeiter Flores in Frage stellten, bedrohte oder bestach er sie. Wenn Mitglieder Versammlungen zur Diskussion über Privatisierung und Reorganisationsfragen einberiefen, führte er persönlich eine hundert Mann starke Schlägertruppe an, um die Versammlungen zu sprengen.

Als Vertreter der Oppositionsparteien in der Kongreß-Kommission für Arbeit und Soziales die Situation bei der Bahn untersuchen wollten, brachte Flores seine Schlägertruppe in den Kongreß. Flores selbst versuchte, einen Kogressabgeordneten zu würgen, während Mitglieder seiner Schlägertruppe mit Mord drohten, sollte man sich in Bahnangelegenheiten einmischen.

Eine Basisbewegung

Von ihrer Führung in Stich gelassen, organisierten sich die Arbeiter an der Basis selbst. Salvador Zarco, vormals Spitzenfunktionär der Ortsgruppe 15, die die Arbeiter im Bereich des Rangierbahnhofes in Mexico City vertritt, organisierte das Komitee zur Verteidigung der Tarifverträge. Zarco und eine Anzahl Mitglieder seiner Ortsgruppe waren unter den ersten, die zu Beginn des Privatisierungsprozesses gefeuert wurden. Zarco glaubt, daß sie gefeuert wurden, um eine Gruppe auszuschalten, die der Reorganisation ablehnend gegenüberstand.

Das Komitee zur Verteidigung der Tarifverträge fing an, Demonstrationen gegen Zwangspensionierungen, Kündigungen und Angriffe auf den Tarifvertrag zu organisieren. Zarco schrieb und verteilte Flugblätter, in denen er die Kollegen über die Privatisierung aufklärte. Das Komitee gab eine Zeitung El Petardo (der Knallfrosch) heraus, die im ganzen Land verteilt wurde.

Zarco und das Komitee argumentierten, die Regierung, die Arbeitsbehörden und die neuen Eigentümer würden mexikanische Arbeitsgesetze verletzen. In Paragraph 41 des Bundesarbeitsgesetzes heißt es: »Ein Wechsel des Arbeitgebers berührt nicht die Arbeitsbeziehungen bei der Firma oder dem Unternehmen.« Also, sagt Zarco, sollten die Unternehmen nicht die Macht haben, Arbeiter zu entlassen, Tarifverträge aufzukündigen, Rechte aus der Dauer der Betriebszugehörigkeit zu verweigern oder Löhne zu kürzen.

Im letzten November organisierten Zarco und das Komitee eine Karawane mit 2000 Teilnehmern, die meisten davon Arbeiter aus Zentralmexiko. Sie reisten von Guadalajara bis Nogales, um mit Bahnarbeitern zu reden und Literatur zu verteilen. Einer der Orte, an denen sie Halt machten, war Empalme, wo drei Monate später die Arbeiter zur Tat schritten und die Züge stoppten. Als der Streik in Empalme ausgebrochen war, half Zarco bei der Koordinierung der Kontakte unter den Streikenden und zu anderen Gewerkschaften und sympathisierenden Kongreßabgeordneten. Jetzt steht der Rangierbahnhof von Mexiko City, wo Zarco gearbeitet hatte, zum Verkauf. Er glaubt, daß das neue Unternehmen bereits zum 30. April Massenentlassungen verkünden und den Tarifvertrag aufheben könnte.


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