aus: Wildcat 115, Frühjahr 2026
Vom 13. September bis 4. November 2024 streikten 33 000 Boeing-Beschäftigte in der Metropolregion Seattle. Dort wurde Boeing vor 110 Jahren gegründet, dort befinden sich die zwei größten Fabriken. Nach Beschäftigten (182 000 in zivilen und militärischen Sparten) ist der Konzern das weltweit größte Luftfahrtunternehmen. Nach Neubestellungen von Passagierflugzeugen hat Boeing 2025 seinen größten Konkurrenten Airbus (157 000 Beschäftigte) zum ersten Mal seit 2018 wieder überholt; in Produktion und Auslieferung blieb Boeing zweiter. Nach Waffenverkäufen ist Boeing der viertgrößte globale Rüstungskonzern. Historisch war Boeing führend in der Auslagerungs-Strategie. Massiver als andere Konzerne griffen die Chefs Arbeitsbedingungen und Gewerkschaften an, was sich katastrophal auf die Sicherheit ihrer Flugzeuge auswirkte.1 In der Covid-Pandemie 2020 warf Boeing zehn Prozent der Belegschaft raus, viele vor allem Ältere kamen nicht mehr zurück. Boeing hat viel Knowhow verloren. Man stellte jede Menge junge Arbeiter ein – und die sind jetzt bereit zu kämpfen. Der Streik im Herbst brachte die neue Belegschaft zusammen
Das folgende Interview haben wir am 5. Juni 2025 in Seattle geführt.
Könnt ihr euch kurz vorstellen?
K: Ich bin Ky, arbeite seit sechseinhalb Jahren bei Boeing und bin seitdem IAM Mitglied (International Association of Machinists and Aerospace Workers). Ich arbeite in der Flugzeugmontage in Everett, wir fügen die Teile zusammen. Also alles von der Hydraulik, den Flügeln, den Sitzen usw.
ET: Jeder kennt mich als ET. Ich arbeite auch in der Montage, aber in Renton. Wir bauen die Flügel zusammen. Ich bin erst seit etwas über zwei Jahren IAM-Mitglied.
Was ist der Unterschied zwischen Everett und Renton?
K: In Everett sind wir etwa 30 000 und bauen die 777 und 767.
ET: In Renton sind wir 12 000 und bauen die 737er Reihe. Bei uns arbeiten IAM-Mitglieder, also Festangestellte, aber auch Leute aus Subunternehmen, die nicht von der Gewerkschaft vertreten werden.
Wechselt ihr hin und her?
BEIDE: Ja.
ET: Manchmal wollen die Leute selber wechseln, etwa wenn sie umziehen und näher an ihrem neuen Wohnort arbeiten wollen. Manchmal müssen sie wechseln. Zum Beispiel als das 787-Programm endete, kamen viele aus Everett zu uns nach Renton.
Das 787-Programm wurde nach Charleston, South Carolina verlagert. Habt ihr Kontakte dorthin?
K: Ich selber nicht. Charleston ist nicht gewerkschaftlich organisiert. Es ist schwer, dorthin Kontakte aufzubauen. Es gab Versuche, dort eine Gewerkschaft einzuführen, aber South Carolina ist ein Right-to-work-Bundesstaat. Das macht es sehr schwierig.
Wie viele Leute beschäftigt Boeing in Seattle?
K: In Seattle und Umgebung wahrscheinlich 100 000. Es gibt nicht nur IAM-Mitglieder und die Leute aus Subunternehmen, sondern auch Teamsters- und SPEEA-Mitglieder. Society of Professional Engineering Employees in Aerospace ist die Gewerkschaft der höheren Ingenieure.
Boeing-Arbeiter verdienen offensichtlich über dem Durchschnitt. Allein wenn ich mir die Autos da draußen anschaue, verrückt teure Karren...
K: Kommt drauf an. Ich bin vor kurzem bei der Lohnobergrenze angekommen, nach sechs Jahren bekommst du eine deutliche Lohnerhöhung. Mein Stundenlohn stieg von 29 auf 48 Dollar – das ist ziemlich guter Zaster. Somit könnte ich mir mit meinem Partner wahrscheinlich eine Wohnung mit zwei Schlafzimmern leisten, momentan haben wir eins. Seit der Lohnerhöhung gebe ich weniger als ein Drittel für Lebenshaltung, davor war es aber mehr als die Hälfte. Und was die Autos da draußen betrifft: diese Leute haben sich schrecklich dafür verschuldet. Das ist auch einer der Gründe, warum so viele Leute in der Überstunden-Falle festsitzen. Sie machen so viele Überstunden, weil sie sich was Schönes leisten wollen. Die müssen pro Monat 1000 Dollar an Autokrediten abzahlen – also müssen sie viele Überstunden machen.
ET: Ich kann dir garantieren, dass maximal zwei von den vielen Leuten, die da draußen ihre Autos stehen haben, auch die Eigentümer sind. Die Autos mögen zwar auf sie zugelassen sein, aber nur so lange sie die Bank bezahlen. Sie gehören ihnen nicht wirklich.
Wie ist das Verhältnis von Einkommen und Ausgaben bei dir?
ET: Ich bin in einer glücklichen Lage, ich bin noch sehr jung, stehe noch nicht auf eigenen Füßen und kann da eigentlich gar nicht mitreden. Ich bezahle keine Miete, nur Telefon, Sprit, Versicherungen, dafür geht weniger als ein Drittel meines Lohns drauf. Würde ich ausziehen und in einer Mietwohnung im Raum Seattle leben, dann bliebe von meinem Lohn nix übrig.
Wie hoch ist die durchschnittliche Miete hier?
K: Zwischen Seattle, Everett, Renton usw. gibt es kaum Preisunterschiede. Meine Wohnung mit einem Schlafzimmer in Everett – das ist sehr weit nördlich der Metropolregion – kostet 1800 Dollar pro Monat. Ich habe eine Arbeitskollegin, Single-Mutter mit drei Kindern, die noch bei ihren Eltern wohnen muss, weil sie sich keine eigene Wohnung leisten kann. Das ist die Situation bei uns.
Was ist das Durchschnittsalter bei Boeing?
K: Die Belegschaft wird jünger, ich bin 27. Als ich angefangen habe, traf man immer jemanden, der schon 30-40 Jahre dabei war. Ich arbeite sechseinhalb Jahre bei Boeing und gehöre schon zu den 25 Prozent der Ältesten. Manche sind seit zehn bis 15 Jahren dabei, die meisten jedoch zwei bis zweieinhalb Jahre. Du findest gerade fast keinen mehr, der 25 Jahre Erfahrung hat.
Wie lange arbeiten sie euch ein?
ET: Ich hatte zwei Einschulungsphasen. Die erste bei der Einstellung, da bekam ich allgemeine Informationen und spezifischere zu meinem Job. Ich wurde in einer sehr hektischen Phase eingestellt, in der Boeing sich gerade von den Covid-Kündigungen erholte. Sie versuchten die Verluste zu kompensieren, indem sie die Stückzahlen erhöhten. Ich begann zusammen mit vielen Leuten, die ebenso wie ich wenig Erfahrung hatten. Schlussendlich mussten wir uns selber schulen. Wir verbrachten lange Nächte, in denen wir Zeichnungen, interne Prozesse und Arbeitsanweisungen studierten.
Wurde das bezahlt?
ET: Ja, aber du hattest wenig Zeit zum Lernen. Du musstest produzieren, sie wollten schnell Flugzeuge verkaufen. Es war ein ständiges Hinterherlaufen zwischen Lernen und Anwenden, Lernen und Anwenden – um den Terminplan einzuhalten.
Gibt es ein Tier-2-Lohnsystem wie in der Autoindustrie?
K: In dem Sinn, dass manche Beschäftigte eine Rente haben und andere nicht. Wenn du seit den 90ern bei Boeing arbeitest, dann hast du besondere Renten- und Krankenversicherungsansprüche. Bezüglich Bezahlung und anderer Rechte gibt es keine Unterschiede.
Als sich die Blindtür der 737 der Alaska Airlines löste [5. Januar 2024], wurde die Produktion gestoppt. Was habt ihr während des Stopps gemacht?
ET: In den Tagen danach hat das Unternehmen sehr stark auf die Einhaltung der Sicherheitsstandards geachtet. Alle Werkzeuge sollten zertifiziert sein, alle Kollegen die Zeichnungen verstehen, sich mit der technischen Geometrie auseinandersetzen usw. Aber sobald die Augen der Öffentlichkeit wieder weg waren, verschwand eine Menge dieser Sicherheitsthemen sofort wieder. Schnell war wieder Business as usual angesagt, was bedeutet: Tempo. Je schneller wir die Produkte fertig stellen, desto mehr Geld scheffeln sie.
In Charleston haben sie die Qualitätsabteilung im Verhältnis zehn zu eins reduziert. Aber in einem Flugzeug sitzen 200-400 Leute! Wenn das abstürzt… Habt ihr das thematisiert im Streik?
K: Die Boeing-Manager sprechen von »qualitätsgetragener Fertigung«. Aber nur sie bestimmen, was gegen bestimmte Qualitätsprobleme getan wird. Im neuen Tarifvertrag steht nun, dass solche Entscheidungen zu 50 Prozent von Managern und zu 50 Prozent von der Gewerkschaft getroffen werden müssen. Im Vorstand sitzen nun zur Hälfte Gewerkschaftsleute. In der Zeit vor dem Streik und in der Zeit, in der ich eingestellt wurde, gab es großen Druck gegen Qualitätsbeauftragte. Diese mussten 99 Prozent meiner erledigten Arbeiten abnehmen, das wollten sie komplett streichen. Jeder Monteur und Mechaniker sollte seine Arbeit selbst abnehmen. Nur noch einmal im Jahr sollte ein Auditor kommen und das Knowhow überprüfen.
Sie wollten die ganze Verantwortung auf die Arbeiter übertragen?
K: Genau. Aber das haben wir verhindert. Darüber habe ich in letzter Zeit viel nachgedacht. Ich bin noch immer beeindruckt, dass unsere Gewerkschaft das geschafft hat.
Wie lief euer Streik im Herbst 2024?2 Was waren die Forderungen? Wie war die Stimmung?
K: Die Forderungen waren zu Beginn sehr hoch. Unser IAM-District hat dazu Flugblätter und Broschüren in den Pausenräumen verteilt. Wir wollten die Renten zurückbekommen, die wir schon mal hatten, höhere Löhne und mehr Urlaub. Die Renten haben wir nicht zurückbekommen. Ich hab gemischte Gefühle in Bezug auf das Ergebnis.
ET: Der Streik 2024 war eine interessante Erfahrung, wir haben viel gelernt. Die generelle Stimmung war zu Beginn sehr gut. Bei der ersten Abstimmung waren 96 Prozent für Streik, die Leute waren bereit. Es ging um die erste radikale, strukturelle Änderung des Tarifvertrags seit vielen Jahren.
K: Es hatte seit 2008 keine Tarifverhandlungen gegeben. 16 Jahre lang haben sie den Tarifvertrag verlängert. Und die letzte Verlängerung, wo den Leuten ihre Renten genommen wurden, lief zehn Jahre – mit minimalen Lohnerhöhungen unterhalb der Inflationsrate.
Eine wichtige Forderung ging um die Cost-of-living-adjustments (COLA).
K: Wir hatten COLA die ganze Zeit im Vertrag, aber basierend auf der durchschnittlichen Steigerung der Lebenskosten der ganzen USA – nicht auf Basis jener in Seattle, die höher ist. Leider wurde das nicht geändert. Wir bekamen 38 Prozent Lohnerhöhung über die nächsten vier Jahre.
Ging es auch um gleichere Bezahlung?
ET: Wir forderten, dass Neueingestellte dieselbe Lohnstufe erreichen können wie die Älteren.
Was habt ihr während des Streiks gemacht?
ET: Ich war die ganze Zeit mit Freunden am Streikposten. Ich bin jung und habe keine anderen Verpflichtungen. In der ersten Woche war es sehr aufregend, da kamen spontan massenhaft Leute zum Streikposten. Das war sehr schön zu sehen, dass die Leute wirklich dort sein wollten. Aber ohne Perspektive kann so ein spontanes Bedürfnis schnell zurückgehen. Und so kam’s dann auch. Jede Woche waren wir weniger am Streikposten. Vor bestimmten Toren haben wir den kompletten Streikposten verloren, weil gar niemand mehr kam.
Was war der Grund?
ET: Dafür gab es viele Gründe. Zum Beispiel war die Vereinbarung, wer zu welcher Zeit an welchem Streikposten stehen sollte, sehr beliebig. Die meisten sind ihr Schichtsystem gewöhnt, wurden aber unabhängig davon einem Streikposten zugeteilt. Ich selber arbeite in der zweiten Schicht am Nachmittag, wurde aber für den Streikposten für die dritte Schicht (Nacht) oder ganz in der Früh eingeteilt. Das sind Zeiten, an die ich nicht gewöhnt bin. Ein zweiter Grund war, dass du das Streikgeld bekommen hast unabhängig davon, ob du zum Streikposten kommst oder nicht. Das trug nicht dazu bei, die Leute zu aktivieren. Viele blieben zu Hause und die Streikposten brachen zusammen. Das Streikgeld war auch nicht sonderlich hoch.
Habt ihr über die Passivität diskutiert?
ET: Mit den Kollegen schon. Wir wussten, dass dies nicht zu einem langen Kampf beitragen wird. Aber in der Gewerkschaftsführung gab es darüber keine Diskussion. Wir kämpfen immer noch dafür, dass wir eine Liste der Streikbrecher bekommen. Die Gewerkschaftsführung hatte diepicket captains angewiesen, keine Streikbrecher zu melden oder zu identifizieren. Das ist sehr suspekt.
K: Sie hatten zehn Jahre lang Zeit, sich darauf vorzubereiten – aber die ganze Idee war dann, dass die Leute zu irgendeiner Gewerkschaftseinrichtung kommen und sich in die Streikliste eintragen, um Streikgeld zu bekommen. Das haben die meisten gemacht, danach haben sie noch zwei Stunden ein Schild hochgehalten, dann sind sie nach Hause gegangen. Das war neun Tage lang unsere ganze Pflicht. Es gab keine Schulungen, warum es wichtig ist, Streikposten zu stehen, oder dass man keine Streikbrecher durchlässt. Nicht mal eine Diskussion gab es darüber. Gegen Ende des Streiks war ich selber in der Rolle eines picket captain – ohne Schulung und niemand wurde informiert, dass ich nun diese Aufgabe übernehme. Mir wurde nur gesagt, dass ich den Eingang sichern und Anrufe beantworten sollte.
Die Gewerkschaft wollte also jederzeit die volle Kontrolle über den Streik und über sein Ende haben. Ich habe von einer Gruppe gelesen, die vor der dritten Abstimmung – als absehbar war, dass der Vertrag angenommen wird – ein Flugblatt für die Weiterführung des Kampfs verteilt hat.
K: Das waren wir!
Welche Punkte gegen die Annahme des Tarifvertrags habt ihr darin angeführt?
K: Wir haben uns auf die Forderungen zu Streikbeginn bezogen. Das waren wirklich gute Forderungen, aber schon ein paar Tage vor der ersten Streikabstimmung wurden sie völlig verändert. Es ging von einer 40-prozentigen Lohnerhöhung, rückwirkenden Rentenzahlungen und anderen ziemlich fantastischen Dingen zu viel niedrigeren Forderungen. Das Angebot von Boeing war sowieso nur 18 Prozent auf vier Jahre und eine Einmalzahlung über 3000 Dollar. Und die Gewerkschaftsführung hat das akzeptiert! Wir haben dies aber mit überwältigender Mehrheit abgelehnt: 94 Prozent gegen den Vertrag, 96 Prozent für Streik. Das war Ausdruck riesiger Wut. Man fühlte sich betrogen: Zuerst sprachen sie so, als ob man in ein richtig gutes Spiel geht, und dann – was zur Hölle verlangen sie da von dir? Sollen wir einem Vertrag zustimmen, auf den wir zehn Jahre gewartet haben und der absolut nichts verändert!? Boeing hat den Vertrag besser dargestellt, als er wirklich ist, sie haben zum Beispiel den Abschlussbonus hervorgehoben. Darüber sollte das Flugblatt aufklären. Der Bonus ist nur eine Einmalzahlung und die Lohnerhöhung viel zu niedrig. Unser Flugblatt wollte einfach sagen: »Hey, in den Nachrichten wird gesagt, dass der Vertrag großartig ist. Aber wir sagen euch, was er wirklich bedeutet und was drin steht.«
Wie konntet ihr wissen, was im Vertrag drin steht?
ET: Der Vertrag war öffentlich einzusehen, aber du musstest die Details selber zusammensuchen. Öffentlich angesprochen haben sie nur die großen Dinge wie den Bonus bei Vertragsabschluss usw.
Boeing ist nach Lockheed Martin, Raytheon und Norhtrop Grumman der viertgrößte Waffenhersteller der Welt. Wie kam der Streik generell an? In der Community, in der linken Szene … ?
K: Ich bin selber bei den DSA Seattle organisiert [Democratic Socialists of America, mit 100 000 Mitgliedern die größte linke US-Organisation]. Meine Genossen kamen zu mir am Streikposten. Auch andere linke Gruppen solidarisierten sich, kamen vorbei, brachten Essen …
ET: Wir haben viele linke Gruppen am Streikposten gesehen. Das ging von DSA bis zu anderen Marxisten. Manche waren nur anwesend, andere kamen, um mit den Streikposten über Boeings Rolle in der Rüstungsindustrie und im internationalen Imperialismus zu diskutieren. Es hatte was von Schulungen. In Renton produzieren wir hauptsächlich zivile Flugzeuge, nur ein sehr kleiner Teil hat mit Rüstung zu tun, nämlich die Produktion der P-8, einem 737-Derivat zur Ozeanaufklärung [und in Everett wird die KC-46 produziert, ein 767-Derivat zur Luftbetankung]. Deshalb waren diese Interventionen von geringem Erfolg. Speziell als der Israel-Gaza-Konflikt angesprochen wurde, wurde mir klar, dass die meisten Kollegen ziemlich ignorant damit umgehen und sich nicht damit beschäftigen wollen.
In Europa sieht es nicht anders aus. Einige Länder mit im Vergleich zur USA passablem Sozialsystem verschieben die Ausgaben gerade in Rüstung und Militär. Die Gewerkschaften und – soweit ich das überblicke – auch die Arbeiter ignorieren dies bisher. Nur eine kleine Minderheit lehnt die Rüstungsproduktion ab. Immerhin gibt es die Mask-off-Maersk-Kampagne. Seht ihr irgendwelche Anzeichen einer Friedensbewegung?
K: Ich kenne ein paar aus dieser Kampagne und wollte Kontakt aufnehmen.
ET: Die öffentliche Meinung verändert sich gerade. Ich sehe durchaus eine stärkere Stimmung gegen Krieg und Imperialismus. Aber so schön das auch ist, weiter kann die öffentliche Meinung nicht gehen. Es ist sehr wichtig, dass Arbeiterbewegungen und wir innerhalb der Arbeiterbewegungen solche Vorstellungen verbreiten. Schlussendlich sind dies die Orte, wo die Macht wirklich liegt. Wir haben die Macht, unsere Arbeit zu verweigern, unsere Arbeit in der Produktion von diesen Kriegswaffen. Wir haben deswegen auch die Verantwortung, das nicht zu ignorieren und nicht nur drauf zu schauen, was wir uns zu Hause als nächstes in die Garage stellen. Unsere Gruppe versucht hier gerade, etwas aufzubauen.
Mit Gruppe meinst du DSA?
ET: Nein, ich bin kein DSA-Mitglied. Ich meine unsere Informationsgruppe innerhalb der Gewerkschaft. Wir veröffentlichen Artikel über Klassenbewusstsein, aktuelle Ereignisse und Dinge, die für den durchschnittlichen IAM-Arbeiter relevant sind. Wir versuchen, die Leute mit bestimmten Dingen zu konfrontieren und wollen sie dazu bringen, dass sie darüber nachdenken.
Könnt ihr eure Ideen und Forderungen in der Gewerkschaft einbringen und tut sich dabei was?
K: Es ist zäh. Die meisten Treffen drehen sich um bürokratische Abläufe. Für Themen, die wirklich was bringen, nur sehr wenig Zeit. Vor kurzem wurde ein Kollege aus einem anderen Local von der Abschiebebehörde ICE festgenommen und ins Tacoma Detention Center gesperrt. Der Gewerkschaftspräsident John Holden sprach darüber nur 30 Sekunden lang im Zuge der regulären Infos. Es ist aber nicht so wie in vielen anderen Gewerkschaften Amerikas, wo du gleich rausgeworfen wirst, wenn du abweichst. In unseren Newsletter schreiben wir diese Dinge rein. Wir versuchen, alle Leute unter einen Hut zu bringen, die unsere Vorstellungen teilen. Ich weiß, dass da draußen eine Menge solcher Leute existieren, denn ich habe sie bei anderen Protesten und Gewerkschaftsaktionen gesehen, zum Beispiel habe ich IAM-Mitglieder bei Aktionen der Starbucks Workers United gesehen. Es gibt sie also.
Könnt ihr ein paar Kollegen organisieren, die mit euch zu den Gewerkschafts- und/oder DSA-Treffen gehen? Oder zu Kundgebungen/Demonstrationen wie den No-Kings-Demos?
K: Ich hab große Mühe, meine Freunde in diese Zusammenhänge zu bringen. Ich hab das Gefühl, dass jeder sich gerade so durchschlägt. In meiner Gegend machen viele Überstunden, weil sie ihre Rechnungen bezahlen müssen. Danach fehlt dir die Energie, um zu protestieren. Erst recht, wenn du auch noch Kinder hast.
ET: Persönlich hab ich es noch nicht geschafft, neue Leute mitzubringen. Aber ich konfrontiere meine Kollegen in Gesprächen mit politischen Themen. Auch um zu sehen, wo sie so stehen. Vor dem Streik war es ehrlich gesagt etwas unheimlich, wenn ich den Kollegen zugehört habe. Aber seitdem Trump die Wahlen gewonnen hat und seine Spuren in Politik und Wirtschaft hinterlässt, sind die Widersprüche zu deutlich geworden. Kollegen, die mit Trump sympathisiert haben, bekommen Zweifel, und sie überdenken ein paar Dinge. Es ist gut zu sehen, dass sie nun verstehen, dass Trump von Beginn an nicht ihre Interessen im Kopf hatte, aber es ist ein bisschen spät.
Der pazifische Nordwesten ist ja eher die liberale Ecke der USA. Habt ihr in euren Kollegenkreisen tatsächlich Trumpisten?
K: Ich hatte eine verrückte Erfahrung an einem ziemlich großen Massenstreikposten, als ich eines unserer Flugblätter gegen die Zustimmung zum Tarifvertrag verteilt habe. Es waren auch andere linke Gruppen anwesend, und eine Gruppe von Arbeitern, darunter ein Gewerkschaftsfunktionär, der eine Trump-Kappe trug und mit der Amerika-Flagge rumfuchtelte. Diese Gruppe hat mich dann ausgefragt, wer ich bin und ob ich auch wirklich bei Boeing arbeite. Ich sei diejenige gewesen, die ein bestimmtes Anti-Israel-Paper verfasst hätte und sie stünden nicht für diese Ansichten.
ET: Zu Beginn des Streiks habe ich mit ein paar Gewerkschaftskollegen diskutiert, dass es Konflikte geben wird, weil die Präsidentschaftswahlen bevor standen. Als wir vor der dritten Abstimmung dafür warben, mit ›Nein‹ zu stimmen, erkannten wir die Trump-Unterstützer. Denn als wir fragten, warum sie dem Vertrag zustimmen wollten, sagten einige, dass Trump die Wahlen gewinnen und es dann richten werde! Somit gäbe es keinen Grund mehr zu streiken.
Wie sehen eure Kollegen die Zollpolitik?
K: Die Zölle sind objektiv schlecht. Aber dahinter gibt es noch eine viel dunklere Ebene. Trump forciert Zölle vor allem gegen kleinere Unternehmen. Boeing spendet einfach ein paar Millionen Dollar für seine Kampagne und kriegt dann Ausnahmen. Zum Beispiel hat Rolls Royce in Großbritannien eine Ausnahme, einer der wichtigsten Triebwerkslieferanten von Boeing. Das Motiv für Zölle besteht meiner Meinung nach größtenteils darin, die Macht in den Großkonzernen zu konzentrieren. So sieht es vielleicht auch Boeing. Wenn Boeing wirklich so viele Zölle bezahlen müsste wie andere Unternehmen, dann würde es ziemlich darunter leiden. Denn die meisten Teile und Rohmaterialien kommen nicht aus den USA, die gibt es hier gar nicht. Es ist Korruption. Boeing bekommt Ausnahmen, Amazon und Apple bekommen Ausnahmen.
Wie ist das Verhältnis zwischen den Hautfarben in euren Fabriken? Ist Rassismus ein Thema?
ET: Sehr gemischt. Bei mir arbeiten viele Asiaten, Afroamerikaner und Leute von den pazifischen Inseln. Rassismus hab ich selber noch nicht erlebt oder mitbekommen. Das bedeutet nicht, dass es das nicht gibt, aber wir sind so beschäftigt, dass wir dafür gar keine Zeit hätten. Irgendwie ist das schön, dass jeder versucht, mit dem anderen klar zu kommen.
Manche Vorarbeiter benutzen Rassismus …
K: Ich habe es definitiv mitbekommen. Als ich im 767-Programm arbeitete, hatte ich einen Kollegen, der im Jahr 200 000 bis 250 000 Dollar verdiente, weil er extrem viele Überstunden machte. Er hat ein Haus in Japan, wo er alle seine Urlaube verbringt. Er wird dort Familie haben. Einmal im Pausenraum aß ich mit ihm und er band mir auf die Nase, wie toll die Segregation in Japan sei und dass das auch gut für die USA wäre. Ich sagte, das hatten wir hier schon, es nannte sich Jim Crow. Und dann war daneben einer von der Qualitätssicherung, der sah mir in die Augen und sagte: Jim Crow war nicht so schlecht.
Der Typ war weiß?
K: Ja klar. Das sind alles weiße Typen.
Wenn ich euch richtig verstehe, ist das Problem nicht ständig präsent, so dass es den Klassenkampf verhindert?
K: Nein.
Wie hat sich der Streik auf eure Situation auf Arbeit ausgewirkt? Wurden ein paar Bedingungen besser? Habt ihr ein bisschen mehr Zeit als vorher, oder ist die Arbeit intensiver geworden?
ET: Mit dem 737-Programm in Renton machen sie Geld, deshalb liegt hier der Fokus der Produktion. Everett ist geteilt in Produktion und Nacharbeit. Der Streik hat Boeing offensichtlich finanziell sehr getroffen. Somit wollten sie die Produktion schnell wieder zum Laufen bringen, um Geld reinzukriegen. Im Unterschied zur Phase nach dem Alaska-Airlines-Vorfall mit der Blindtür läuft die Produktion nonstop. Heute kam ich fast zu spät zum Gewerkschaftstreffen, weil ich noch in den Überstunden bis in die Nachtschicht hinein war. Das ist gerade üblich, sie ordnen sehr kurzfristig Überstunden an. Sie wollen ständig die Stückzahlen erhöhen, viele von uns machen Überstunden bis spät in die Nacht hinein. Manche arbeiten vor, manche müssen aufholen. Aber Probleme treten schneller auf, als wir sie beheben können. Kurz gesagt, ist es bei uns gerade sehr hektisch. Die Leute sind erschöpft und bereuen gerade, dass sie dem Tarifvertrag in der dritten Abstimmung zugestimmt haben.
Der Streik richtete sich doch gerade auch gegen die verpflichtenden Überstunden!?
ET: Ja. Ich sag es nochmal: Es ist schön zu sehen, dass viele Leute sagen: wir hätten härter kämpfen müssen. Aber es ist ein bisschen spät.
K: Everett ist da etwas verrückt. Ich hab ein paar Kollegen, die für den Vertrag gestimmt haben, damit sie wieder an ihre üblichen Überstunden kommen. Manche arbeiten mehr Überstunden, als sie eigentlich müssten. Die haben diese sehr toxische Arbeitsmentalität: Wenn ich vier Wochenenden hintereinander schufte, dann kann ich mir dieses blöde Ding kaufen. Aber für viele neue Leute geht es auch drum, dass sie ihre Rechnungen bezahlen können. Und dann gibt es auch Kollegen, die depressiv werden ohne Arbeit, weil sie nichts mit ihrer Zeit und mit sich selbst anzufangen wissen. Bezüglich Arbeitsbedingungen ist es in Everett nach dem Streik ein bisschen besser. Vor dem Streik zogen sie jede 777 gnadenlos durch die Produktion, um die Vorgaben zu erreichen, ohne Rücksicht auf Nacharbeit oder fehlende Teile. So stauten sich Maschinen an, wo mal eine Tür fehlte, mal die Triebwerke, mal Fensterscheiben usw. Das ging monatelang so. Als der Platz ausging, kamen sie dann drauf, dass das idiotisch ist. Seit dem Streik halten sie nun die Flugzeuge so lange in der Montagelinie, bis sie wirklich fertig für den nächsten Produktionsschritt sind. In dieser Hinsicht hat sie der Streik etwas zur Vernunft gebracht. Andere Sachen gehen genauso weiter wie vorher. Genau wie bei ET sagen Kollegen nun, dass wir im Streik härter hätten kämpfen sollen. Sie beginnen nun Sachen zu hinterfragen und sich auf die nächste Tarifverhandlung 2028 vorzubereiten.
Am Tag nach dem Interview, am 6. Juni, fand die Kundgebung gegen die erwähnte Inhaftierung des IAM-Kollegen Maximo Londonio in Tacoma statt. Am 7. Juni gingen die Proteste in LA gegen ICE los.
Am 12. Juni stürzte die Boeing 787 in Indien ab. 260 Menschen starben.
Am 14. Juni fanden USA-weit No-Kings-Demos statt. In Seattle gingen über 70.000 Menschen auf die Straße, etwas mehr als bei den Anti-WTO-Protesten 1999.
Vom 3. August bis 13. November lief der Tarifstreik bei Boeing Defense, der Rüstungssparte. Dieser entwickelte weniger Stärke (Siehe S. 39)
[1] Wildcat 113: Der Fall Boeing
[2] Der Streik ging vom 13. September bis 4. November 2024;
die Präsidentschaftswahlen fanden am 5. November statt.