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9. April 2026

aus: Wildcat 115, Frühjahr 2026

Im Heft findet ihr eine ausführliche Chronologie

Der Aufstand im Iran

Phase 3

Vor nicht einmal drei Jahren erschütterte eine breite Bewegung das iranische Regime. Sie war von Frauen getragen und hatte ganz neue Parolen. Trotz monatelanger Kämpfe und viel Unterstützung im Ausland erreichte sie letztlich nur einen liberaleren Umgang mit den Kleidervorschriften. Die Repression war hart.

Weil die Lebensbedingungen für die Mehrheit immer schlechter werden, während die korrupte herrschende Klasse sichtbar in Saus und Braus lebt, gab es auch danach immer wieder kleinere Proteste von Arbeitern, Rentnern usw., die international kaum wahrgenommen wurden. Sechs Monate nach dem Zwölftagekrieg im Juni 2025 und erneut verschärften Sanktionen begann dann im Dezember eine Protestbewegung, die sich innerhalb von Tagen auf das ganze Land ausweitete. Zentren waren die ärmsten Regionen und die Peripherien der Großstädte.

Die US-Regierung sah die Gelegenheit zu massiver Einmischung. Der seit 1979 im US-Exil lebende Sohn des letzten Schah, Reza Pahlavi rief zum Aufstand in den Nächten vom 8. und 9. Januar. Riesige Menschenmengen strömten auf die Straße. Die Monarchisten sahen darin eine »nationale Revolution«, das Regime »Putsch« und »Terrorismus«. Die Islamische Republik schaltete das Internet und andere Kommunikationskanäle ab und verübte auf den Straßen das abscheulichste Massaker in der Geschichte des Landes.

Am 28. Februar begannen Israel und die USA mit dem Bombenkrieg. Damit waren keine Bewegungen im Iran mehr möglich. Bereits am ersten Tag starben 110 Schülerinnen beim Angriff auf die Grundschule in Minab, insgesamt wurden 168 Menschen getötet.

Die ökonomische Entwicklung unter den Sanktionen

In den letzten Monaten des Jahres 2025 stürzte die iranische Währung ab. Dadurch stieg die Inflation im Dezember auf 42 Prozent, bei Lebensmitteln sogar auf 72 Prozent gegenüber dem Vorjahr. US-Finanzminister Bessent behauptete, Washington habe eine Dollarknappheit im Iran herbeigeführt, um den iranischen Rial ins Trudeln zu bringen und Proteste im Iran auszulösen.

Ende Dezember 2025 stellte Präsident Peseschkian seinen neuen Haushalt vor. Die Regierung hatte entschieden, den Vorzugswechselkurs auch für Ölsaaten, Dünger und Viehfutter aufzuheben. Stattdessen bekommen 80 von 93 Millionen IranerInnen monatlich eine Million Toman für neun Grundnahrungsmittel auf ihre Bezahlkarte gebucht. [1] Nach Bekanntgabe dieser Entscheidung stiegen die Preise für Fleisch, Geflügel, Eier und Nudeln stark an, der Preis für Pflanzenöl verdreifachte sich.

Wechselkursschwankungen und Versorgungsengpässe aufgrund der internationalen Sanktionen gefährden die Existenz der über vier Millionen Einzelhändler und ihrer Familien. Sie machen nach den Lohn- und Gehaltsempfängern den größten Anteil der Haushalte aus. Zu den sozialen Unruhen beigetragen hat auch die Wasserkrise im Land.

Proteste in drei Phasen

Am 28. Dezember schlossen die Händler von Elektronik- und Smartphoneartikeln ihre Läden und protestierten mehrere Tage auf den Straßen von Teheran. Das Regime setzte Wasserwerfer und Tränengas ein.

Danach begann in Kleinstädten weit weg von Teheran die zweite, qualitativ andere Protestphase mit Straßenbarrikaden, Angriffen auf Banken und Ladenketten sowie Versuchen, Regierungsgebäude oder Polizeistationen zu besetzen. Innerhalb von zwei Wochen weiteten sich die Proteste auf über 682 Orte in 203 Städten und 55 Hochschulen in den 31 Provinzen des Landes aus. Die Grenzen zwischen wirtschaftlichen und politischen Forderungen verschwammen. [2]

Das Regime schlug nun mit einer ganz anderen Härte zu – besonders in der Provinz Ilam, wo die Bevölkerung überdurchschnittlich arm ist und schon viele Tote aus den vergangenen Aufständen zu beklagen waren. Hier gab es jetzt die ersten Todes­opfer durch scharfe Munition.

Ab dem zweiten Wochenende eskalierten die Proteste in den Metropolen, insbesondere in Teheran, Isfahan und Mashhad, der zweitgrößten Stadt des Iran.

Der Aufruf Pahlavis war ein Wendepunkt. Er leitete letzte Phase der Proteste ein; sie dauerte nur zwei oder drei Tage. Am 8. Januar waren landesweit in Großstädten und Provinzhauptstädten Hunderttausende auf der Straße, und einige gingen mit großer Wut offensiv gegen die Repressionskräfte vor. Besonders am 8. und 9. Januar war die gesellschaftliche Mitte präsent, also Traditionalisten, Modernisten, neben vielen jungen Menschen alle Altersgruppen von Großmüttern bis Kindern. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ältere Menschen sich nach Trumps verbaler Unterstützung den Protesten anschlossen, in der Zuversicht, dass die Repressionskräfte zurückweichen würden. Die Aufrufe von Pahlavi, Trump, Netanjahu, Pompeo und Co. und die immer weiter verbreitete Parole »Das ist die letzte Schlacht, Pahlavi kommt zurück« hatten ein Klima erzeugt, das einige denken ließ, ein Ende des Regimes sei absehbar – womöglich mit einer Militäroperation wie in Venezuela.

Zuverlässige Zahlen gibt es nicht. Iranische Geheimdienste und Sicherheitsbehörden beziffern die Zahl der Demonstranten auf eineinhalb Millionen. Augenzeugen gehen von weitaus höheren Zahlen aus. Manche sprechen von fünf Millionen, also knapp acht Prozent der Erwachsenen. In einigen Großstädten hatten die Menschen bis spät in die Nacht die Straßen fest im Griff.

Die Repression

Nur durch wahllose Tötungen konnte das Regime die Oberhand behalten. Scharfschützen waren auch auf Moscheen und Krankenhäusern postiert. In Rasht wurde der große Basar während des Massakers niedergebrannt. Große Teile der Aufständischen dachten, dass sich die Repressionskräfte zurückgezogen hätten. Trump schrieb auf X, Mashhad sei befreit – BBC widersprach. Und tatsächlich handelte es sich danach um verbrannte Erde.

Auf Trumps Warnungen hin, die USA würden zu Hilfe kommen, sollte auf Demonstranten geschossen werden, hatte sich Ali Khamenei am 3. Januar zum ersten Mal seit Beginn der Proteste zu Wort gemeldet: »die Randalierer müssen in die Schranken gewiesen werden«. Das Regime und seine Anhänger begriffen die Proteste als Krieg, als Neuauflage des Zwölftagekriegs vom Juni 2025.

Auch Pahlavi antwortete am 2. Februar in einem Interview mit CBS auf die Frage des Moderators, ob es zu verantworten war, die Bürger in den Tod zu schicken: »Das ist ein Krieg, und in einem Krieg gibt es Verluste.«

Diesmal hatte das Regime alle Kommunikations­kanäle gesperrt: Festnetz- und Mobilfunk, SMS-Dienste und inländische Messenger, Kanäle regimetreuer Akteure auf inländischen Plattformen, Gruppenchats auf Websites, sogar der Kommentarbereich kommerzieller Websites und inländischer Nachrichtenagenturen. Der Satellitenempfang war massiv gestört, einige Parabolantennen wurden beschlagnahmt. Der Exilsender Iran International wurde zur dominierenden, sogar einzig verfügbaren Nachrichtenquelle in Privathaushalten. Der Sender ist offen die Stimme Israels sowie das exklusive Sprachrohr Pahlavis.

Das Regime gab die Gesamtzahl der namentlich bekannten Todesopfer mit 3117 an. Bei 131 sei die Identität ungeklärt. Khamenei teilte die Getöteten in vier Kategorien: »Märtyrer« (Regimeangehörige und Unterstützer), »Terroristen«, »Verwirrte« (sie seien auch »unsere Kinder«), Passanten.

Das Time Magazine behauptete am 25. Januar, die iranische Regierung habe allein am 8. und 9. Januar 30.000 Menschen getötet. Die einzige namentlich genannte Quelle ist ein deutsch-iranischer Augenchirurg. Die Webseite The Dissident deckte auf, dass Amir Parasta kein neutraler Arzt ist, sondern als »Fachberater« bei NUFDIran fungiert, einer Lobbygruppe für Pahlavi und für eine von den USA und Israel durchgeführte Operation zum Regimewechsel im Iran. [3] Iran International gibt die Zahl der Getöteten mit 36.500 an – eine Zahl, die von Trump und vielen im Westen angenommen und wiederholt wurde.

HRANA hat mehr als 143.330 Meldungen aus exklusiven und öffentlich zugänglichen Quellen überprüft, um verifizierte Fälle anzugeben. Die Ergebnisse sind in einem ausführlichen Bericht dargestellt. [4] Sie kommen auf 7007 Todesopfer: davon 6488 Demonstranten, 236 Kinder, separat gezählt, 76 Zivilisten, die keine Demonstranten waren, 207 Angehörige des Militärs und der Regierungskräfte. Getötet wurde in allen 31 Provinzen des Landes; in bestimmten Provinzen ist die Zahl der Toten jedoch deutlich höher. Am höchsten mit 1588 in Teheran, 753 in Isfahan, 622 in Mashad, 419 in Gilan, 395 in Kermanshah. [5]

Weitere 11.744 Fälle werden derzeit noch von HRANA geprüft, was schwierig ist, da viele Leute untergetaucht sind, um sich der Verhaftung zu entziehen. Und seit den amerikanisch-israelischen Bombardements haben Millionen Menschen Teheran verlassen und sind irgendwo auf dem Land untergekommen.

Es wurden 25.846 Zivilisten und 4884 Angehörige von Militär und Sicherheitskräften verletzt. Festgenommen wurden insgesamt 53.777 Menschen (555 Kinder, Jugendliche und Schüler; 147 Studenten). 369 erzwungene Geständnisse sind dokumentiert, 11.053 Vorladungen. Bisher wurden vier junge Leute öffentlich hingerichtet, denen man in einem kurzen Prozess die Tötung von Sicherheitskräften zur Last gelegt hat.

Seit 2016 gibt es immer wieder kleine Streiks, Demos, Sit-downs von Arbeitern, Rentnern u.ä. für Löhne, Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen. Solche Kämpfe gibt es etwa 4000 pro Jahr. Allein im Dezember 2025 waren es mindestens 97 Arbeiterproteste und 33 Streiks, 115 Versammlungen von Berufsverbänden/Gewerkschaften. [6]

Derartige Kämpfe haben es seit Januar mit massiver Repression zu tun. Die Busfahrergewerkschaft von Teheran wies am 9. Februar auf die Massenverhaftung von Arbeitern in Asaluyeh hin: Arbeiter, die streiken wollten, wurden festgenommen und in Lagerhallen ihrer Betriebe zusammengesperrt. Auch die staatsnahe ILNA (Iranian Labour News Agency) berichtete, Arbeiter der 10. Raffinerie des South-Pars-Gaskomplexes seien am 7. Februar aus Protest gegen ihre Lebensbedingungen zum fünften Tag in Folge in den Streik getreten. Dort gibt es ein großes Gasfeld, Gasaufbereitungsanlagen und Raffinerien. Arbeiter, die aus den ärmsten Gebieten des Landes hierher gezogen sind, arbeiten unter heftigen Gesundheits- und Sicherheitsrisiken. In den letzten Jahren sind sie wiederholt mit Streiks und Protesten gegen ihre Arbeitsbedingungen, unfaire Löhne und das Leiharbeitssystem auf die Straße gegangen.

Am 18. März verübte Israel umfangreiche Angriffe auf genau diese Anlagen in Asaluyeh. Die Gefahr von Giftgasaustritten, eine weitreichende Luft- und Wasserverschmutzung sowie die Zerstörung des Ökosystems der Region sind nun eine direkte und anhaltende Bedrohung für die Arbeiter und Hunderttausende AnwohnerInnen.

Die Zusammensetzung der Aufständischen

Die Parolen waren im Vergleich zu »Frau, Leben, Freiheit« vor drei Jahren ein Rückschritt. Sie waren überwiegend männlich geprägt, autoritär, anti-intellektuell und antidemokratisch: »Das ist die letzte Schlacht, Pahlavi kehrt zurück.« »Das ist das Jahr des Blutes, Seyed Ali [Ali Khamenei, der Oberste Führer] wird gestürzt«. »Dies ist die letzte Botschaft: Wir haben das gesamte System im Visier«. »All die Jahre des Verbrechens – Tod dem ­Velayat [Herrschaft der geistlichen Autorität]«. »Reza Schah, möge deine Seele gesegnet sein«. »Armut, Korruption, Ungerechtigkeit – Tod der Tyrannei«. [7]

Die iranische Zeitung Etemad behauptete am 28. Januar, 77 Prozent der 11252 Verhafteten seien unter 30, 27 Prozent jünger als 18 Jahre. Zwei Drittel der Protestierenden kämen aus der Mittelschicht und unteren Mittelschicht, ein Drittel aus der Unterschicht. 88 Prozent hätten einen Abschluss auf Sekundarstufe I oder niedriger. 60 Prozent seien kleine Selbstständige (wirtschaftlich instabil) und nur zwei Prozent hätten einen Job beim Staat. 17 Prozent seien Schüler. Offensichtlich sind vor allem ProletarierInnen und Angehörige der unteren Mittelschichten, die »Abgehängten«, in armen Stadtteilen und Regionen auf die Straße gegangen.

Ein Augenzeuge aus Kashan, Provinz Isfahan, berichtet: »Ich habe meinem Kumpel gesagt, dass diese Leute keinen Verstand haben, so auf den Aufruf von Pahlavi zu reagieren. Viele Menschen waren ohne Masken gekommen und hatten das Gefühl, das Recht zu haben, ohne Gewalt ihre Stimme zu erheben. Die Rufe der Menschen reichten von ›Iraner, ruft laut, schreit nach euren Rechten‹ bis hin zu ›Das ist der Preis der Inflation‹. Es war das erste Mal, dass Kashan auf die Straße ging, und das lag daran, dass die Bereitschaftspolizei in den Nächten zuvor die Stadt verlassen hatte, um nach Qom, Teheran und Isfahan zu fahren. Die mehrere tausend Menschen starke Menge rückte vor, als könne nichts sie aufhalten. – Allmählich gingen die Sprechchöre in die Pahlavi-Phrase über: ›Dies ist die letzte Schlacht‹, ›Lang lebe der Schah‹ – Ich konnte nicht anders, ich musste weinen. Ich spürte, wie völlig nutzlos ich als Kommunist war, dass diese unterdrückten Menschen, die eindeutig aus den unteren Schichten stammten, ihre Erlösung im Sperma [das ist eine der unzähligen Schimpfnamen für den Schahsohn] der privilegierten Pahlavi suchten. Als wir weitergingen, tauchten plötzlich Sicherheitskräfte vor uns auf. Die Menge drängte sich dicht, die Bereitschaftspolizei war hilflos. Sie feuerten nur Gummigeschosse und Tränengas ab, aber die Menge zerstreute sich nicht ... Doch dann kam der nächste Tag, und Khamenei sagte im Fernsehen, dass sie ›mit Terroristen nicht verhandeln.‹« [8] Der Spiegel zitiert einen Augenzeugen aus Teheran, der selbst angeschossen wurde: »[Am 8. Januar] wirkten die Sicherheitskräfte verunsichert, offenkundig überfordert angesichts der riesigen Menge von Demonstranten. Am nächsten Tag war es anders, in den Gesichtern der Sicherheitskräfte standen Wut und Entschlossenheit.« [9]

Der Soziologe Asaf Bayat schreibt: »Das Regime behauptet, dass Hunderte von ­Moscheen, Banken und anderen Einrichtungen von ›Terroristen‹, ›Mossad-Agenten‹ und organisierten feindlichen Gruppen in Brand gesteckt worden seien. Bei fast allen früheren Aufständen hat das Regime die Proteste auch auf ausländische Agenten zurückgeführt. Es ist durchaus denkbar, dass von ausländischen Kräften inspirierte Elemente an einigen gewalttätigen Vorfällen beteiligt waren. Das Ausmaß der Proteste in 400 Städten und an 900 Orten im ganzen Land übersteigt jedoch bei weitem das, was solche Elemente erreichen könnten. ... Aber in der Konfrontation zwischen zwei ungleichen Kräften sollte die schwächere Seite logischerweise nicht auf dieselben Taktiken zurückgreifen wie die stärkere Seite, denn sie wird das Spiel verlieren.« [10]

Auffällig war die Zurückhaltung in Kurdistan und Belutschistan, die beiden Regionen, die bei den Frau-Leben-Freiheit-Protesten führend gewesen waren. Die Kurden gingen in den beiden Nächten 8. und 9. Januar nicht auf die Straße, sondern streikten tagsüber in ihren Städten. Auch die weitgehende Abwesenheit der Aserbaidschaner, der größten ethnischen Minderheit, ist möglicherweise auf den Lärm der Pro-Pahlavi-Parolen zurückzuführen.

Zweifellos waren die Demonstranten am 8. und 9. Januar durch Pahlavis Aufruf beeinflusst. Wieviel Unterstützung die monarchistische Bewegung im Iran wirklich hat, ist aber schwer einzuschätzen. Nicht nur in KI-erstellten Fake-Videos der Monarchisten wird die Zustimmung für Pahlavi völlig übertrieben. Eine Gruppe von Medienexperten in Schweden (Mazdak Azar) kam nach Auswertung von 4500 Videoclips auf verschiedenen Plattformen zum Schluss, dass nur 17 Prozent der Parolen während des 20-tägigen Zeitraums monarchistische Inhalte hatten wie etwa »Lang lebe der Schah«; die überwiegende Mehrheit wollte einen Regimewechsel und rief etwa »Tod dem Diktator«. Iran International hat zu 81 Prozent monarchistische Parolen in seinen Sendungen dargestellt, bei BBC Persian waren es 35 Prozent. [11]

Die Motive der Aufständischen

Eine linke Gruppe namens »Komitee für organisierte Arbeiteraktionen«, die an den Protesten teilnahm, schreibt: »Man sollte bedenken, dass diese Menschenmenge nicht unbedingt ›wegen‹, sondern ›unter dem Vorwand‹ und manche sogar ›trotz‹ des Aufrufs von Reza Pahlavi auf die Straße gegangen war. ... Unsere eigenen Erfahrungen vor Ort haben gezeigt, dass viele von ihnen entgegen anfänglicher Erwartungen gar nicht politisch im engeren Sinne sind; man sollte nicht fälschlicherweise annehmen, dass wir es auf den Straßen mit einer Armee von Pahlavi-Anhängern zu tun haben. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass schon das Eingreifen aus einer Minderheitenposition heraus und das Äußern offener Opposition dazu führen kann, dass die pro-Pahlavi-Sprechchöre in der Menge verstummen, oder in manchen Fällen sogar eine Situation schaffen, in der sich ein Teil der Menge anschließt und Parolen skandiert, die gleichzeitig gegen die Islamische Republik und gegen die Monarchie ­gerichtet sind.« [12]

Viele Menschen im Iran sind völlig verzweifelt aufgrund der miserablen Lebensbedingungen. Vor allem die sogenannten Gemäßigten hofften, das Regime zum Einlenken gegenüber den USA bewegen zu können. Einige hofften auf ein Eingreifen von Trump, Israel, Pahlavi: dass Trump die Stützpunkte der Revolutionsgarde bombardiert und Ali Khamenei tötet. Viele haben auch einfach zugeschaut, sie waren gleichgültig, z. B. die Besitzer von Dollarwährung oder die Landwirte, die wahrscheinlich mit der Inflation gut verdienen.

Die Veränderung der Diaspora

Die iranische Diaspora ist zahlenmäßig groß und hat eine lange Geschichte. Mit jeder Bewegung im Iran, der darauffolgenden Repression und Flucht, der Bespitzelung und Ermordung auch von Oppositionellen im Ausland, die ständige Angst, bei einer Reise in die Heimat verhaftet zu werdwww.newyorker.comen... Die Vorgänge im Iran sind für alle Auslandsiraner allgegenwärtig.

Innerhalb der Diaspora hat eine politische Verschiebung stattgefunden. Historisch waren die Linken und die Volksmudschahedin der aktive Teil, später die sogenannten Reformisten (Berliner Konferenz durch die Grünen; Habermas im Iran; kritischer Dialog, Atomdeal u.ä.). Heute sind die Rechten tonangebend.

Im Januar und Februar gab es im Ausland zahlreiche Demos gegen das iranische Regime mit unterschiedlichen Teilnehmern – von Monarchisten bis Linken. Einigkeit herrschte (von außen betrachtet) darüber, dass die Machthaber im Iran weg sollen, aber nicht darüber, wie das geschehen könnte und was danach im Land passieren soll.

Am 14. Februar 2026 war der Höhepunkt dieser Kundgebungen – Reza Pahlavi hatte zu einem »Globalen Aktionstag« aufgerufen – u.a. an drei Orten: Toronto (nach Schätzungen der Polizei mit 350.000 Teilnehmer), Los Angeles (laut Polizei mehr als 300.000) und München während der Sicherheitskonferenz. Dort forderte Pahlavi die USA zur »humanitären Intervention« auf. Auf der Theresienwiese sprach er auf einer von ihm initiierten Kundgebung, die Polizei zählte bis zu 250.000 Teilnehmer – offensichtlich eine völlig übertriebene Zahl. Hier wurde mehrfach die Parole »Ein Volk, eine Fahne, ein Führer« auf Farsi gerufen. Vor Beginn der Kundgebung mahnte eine Stimme zur Vorsicht: Einige Parolen seien verboten, es werde darum gebeten, auf den Slogan »Tod den drei Korrupten ...« zu verzichten und stattdessen »Schande über die drei Korrupten ...« zu rufen. Gemeint ist die Parole »Tod den drei Korrupten – den Mullahs, den Linken, den Mudschahedin«, eine der beliebtesten Losungen unter Pahlavi-Anhängern

Wie und wann entstand der Schah 2.0?

Erst mit Trump I wurde Pahlavi wieder außerhalb der Regenbogenpresse wahrgenommen. Während der Frau-Leben-Freiheit-Bewegung wurden die Monarchisten auf die Liste der »demokratischen« Opposition gesetzt. Intellektuelle, Feministinnen sowie kurdische Organisationen fingen an, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Nach der Niederschlagung des Aufstands scheiterte die Zusammenarbeit, u.a. wegen seines Allein­vertretungsanspruchs. Danach trat eine Kraft auf, die sowohl den Willen als auch die Stärke hat, um der Islamischen Republik einen entscheidenden Schlag zu versetzen: Israel. Im April 2023 war Pahlavi in Jerusalem und traf Benjamin Netanjahu. Den seit Jahren andauernden »kontrollierten Konflikt« eskalierte Israel mit dem Zwölftagekrieg und dem Raketenangriff auf die Sitzung des »Obersten Nationalen Sicherheitsrats«. Bereits vorher war ein von der israelischen Regierung finanziertes Netzwerk aus gefälschten Nutzerkonten und KI-Bots aufgebaut worden, um in den sozialen Medien eine Welle der Unterstützung für Pahlavi zu erzeugen. [13] Seither hat Israel viele Ressourcen und Energien darauf verwendet, um ihn als Alternative aufzubauen.

Pahlavi ist weder ein charismatischer Führer, noch verfügt er über die organisatorischen Strukturen, um im Iran zu einer stabilen und ernstzunehmenden politischen Kraft zu werden. Erst Trumps Botschaften über die »Unterstützung der Demonstranten« machten ihn zum »Symbol« einer Kraft mit »echter Macht« und verliehen ihm Gewicht auf den Straßen. »Viele derjenigen, die die ›Pahlavi kommt zurück‹-Sprechchöre anführten, zeigten in privaten Gesprächen keine Verbundenheit mit Pahlavi und bezeichneten die Gründe für diese Parolen als ›taktisch‹. In dieser Hinsicht erleben wir auf den Straßen keine weit verbreitete Illusion über Pahlavi, sondern eine weit verbreitete Illusion über die Macht hinter ihm (den Imperialismus und seinen ›befreienden‹ Krieg).« [14]

Ein US-Geheimdienstbericht, der Trump eine Woche vor Kriegsbeginn vorgelegt wurde, kam zum Schluss, dass Pahlavi über kein ausreichendes Netzwerk innerhalb des Landes verfügt, um einen Sturz des Regimes anzuführen. Trump und seine Helfer begannen, Pahlavi als »Verliererprinzen« zu bezeichnen. [15]

Andere Oppositionelle

Die Volksmudschahedin (MEK) – sie nennen sich Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI) – wollen zwar keine Rückkehr zur Monarchie, arbeiten aber mit Israel zusammen. Im Iran-Irak-Krieg haben sie auf Seiten Saddams gekämpft. Die Gruppe behauptet, über Tausende von »Rebellenzellen« im Iran zu verfügen. Obwohl die MEK innerhalb des Iran wahrscheinlich nur wenig Unterstützung genießen, machen sie erfolgreiche Lobbyarbeit im Ausland. Zu ihren »Free Iran«-Konferenzen kommen jedes Jahr zahlreiche prominente Politiker. Ihre im Pariser Exil lebende Präsidentin Maryam Rajavi wird von ehemaligen republikanischen Amtsträgern wie Ex-US-Sicherheitsberater Bolton, Ex-Außenminister Pompeo oder Rudy Giuliani, Ex-Bürgermeister von New York, unterstützt. Mit dem NWRI assoziiert ist die deutschlandweit tätige Gesellschaft von Deutsch-Iranern (GDI), die auch an den jüngsten Protesten teilgenommen hat.

Bodentruppen?

Ob der Krieg weiter eskaliert und wie ihn das Regime im Iran (und Trump in den USA) überlebt, wissen wir nicht. Iranischstämmige Bundestagsabgeordnete wie Omid Nouripour (Grüne) und Reza Asghari (CDU) bis hin zur »Anstalt« im ZDF sind sich einig, dass er richtig ist. Inzwischen hat der Krieg aber so viel Tod, Flucht, Zerstörung, Lebensmittelknappheit mit sich gebracht, dass der Jubel in der Diaspora schrumpft, sogar viele konstitutio­nelle Monarchisten sind jetzt gegen seine Fortsetzung. Viele bereuen ihre Unterstützung für Trump. Sie sagen, er sollte das Regime beseitigen, nicht den Iran bombardieren!

Bis zum 30.3.2026 zählte HRANA 1574 getötete Zivilisten, darunter 236 Kinder, 1211 Soldaten und 707 nicht Klassifizierte. Das Regime lässt täglich Menschen verhaften wegen Kontakt zu ausländischen Medien – wie schon 2025 nach dem Zwölftagekrieg. Politische Gefangene wurden hingerichtet. Die Hoffnung auf eine Schwächung des Regimes und ein Machtvakuum, die sich ­bestimmte Kreise machten, hat sich nicht erfüllt.

Fußnoten

[1] Der Mindestlohn betrug zehn Millionen Toman. Er wurde zum iranischen Neujahr 1405, das am 21. März 2026 begann, um 60 Prozent auf 16 Millionen Toman erhöht; üblich waren bisher 30 Prozent.

[2] Zahlen der Menschenrechtsorganisation HRANA (Human Rights Activists News Agency), die im Iran gegründet wurde, aber seit 2010 in den USA ansässig ist.

[3] the307.substack

[4] Comprehensive Report on the First 50 Days Following the Onset of Nationwide Protests in Iran (Dec 2025-Feb 2026)], HRANA

[5] Diese Zahlen übernahm The New Yorker in seinem Artikel The Distant Promise of Iran's Would-Be King.

[6] Siehe das Dossier »Iran« mit allen von uns veröffentlichten Artikeln

[7] Laut HRANA, s.o.

[8] Ein Beispiel von der persischsprachigen Website einer linken Gruppe

[9] Ein untergetauchter Iraner über die Proteste, aufgezeichnet von Thore Schröder, Spiegel 13.2.2026

[10] auf Persisch

[11] Mazdak Azar

[12] Aufstand 1404: Ein halber Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück. (persisch)

[13] Bericht der israelischen Zeitung Ha'aretz vom Oktober 2025, der sich auf Untersuchungen des Cyberforschungszentrums Citizen Lab stützte. Bis vor drei Jahren hatte die israelische Regierung die Volksmudschahedin unterstützt, eine zwar relativ isolierte, aber organisierte und ernstzunehmende Kraft. Bis heute haben sich nicht alle israelischen Sicherheitsorgane auf die Unterstützung Pah­lavis geeinigt – es ist die exklusive Politik der regierenden Fraktion um Netanjahu.

[14] nach: Aufstand 1404: Ein halber Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück, s.o.

[15] The New Yorker, 22.3.26

 
 
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