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17. Juli 2026

zu: Wildcat 116, Sommer 2026

Antisemitismusvorwürfe und die Tötung von Kindern

»Der Antiantisemitismus, von einer wachsenden Zahl von Beauftragten exekutiert, erscheint als geschlossenes System, das mal drastisch mit Verboten, mal mit Drohungen das Sagbare definiert. Und die … einst viel gelobte deutsche Erinnerungskultur wird als Mittel verwandt, um sich die Kriegsverbrechen in Gaza mit stählern gutem Gewissen vom Leib zu halten.« (taz 8. Dezember 2025)

Die Brutkastenlüge

Am 10. Oktober 1990 sagte ein 15-jähriges Mädchen namens »Nayirah« unter Tränen vor dem US-Kongress, sie habe als freiwillige Krankenschwester in Kuwait-Stadt gearbeitet, als irakische Soldaten in das Krankenhaus eindrangen und neugeborene Babys aus ihren Brutkästen rissen.

Die Geschichte verbreitete sich rasant. Der damalige US-Präsident George H. W. Bush wiederholte sie mehrfach öffentlich und verglich Saddam Hussein mit Adolf Hitler. Die Resolution für den Militäreinsatz (Operation Desert Storm) ging im Januar 1991 mit knapper Mehrheit durch den US-Senat. Später kam raus: Der emotionale Auftritt war von der US-PR-Agentur Hill & Knowlton inszeniert worden. Das Mädchen hieß anders und war die Tochter des kuwaitischen Botschafters in den USA. Sie hatte nie als Krankenschwester gearbeitet. Finanziert wurde die Kampagne von einer kuwaitischen Lobby-Organisation namens »Citizens for a Free Kuwait«.

Nach dem Krieg untersuchten Amnesty International und Journalisten die Vorwürfe vor Ort und fanden keine Belege für Morde an Säuglingen. Ärzte im betroffenen Krankenhaus bestätigten, dass die Geschichte erfunden war. Da waren allerdings schon mehr als 200.000 irakische Soldaten abgeschlachtet.


Wir besprechen in der neuen Wildcat das Ende 2025 erschienene Buch Das System Netanjahu von Joseph Croitoru. Dieses System besteht aus drei Kernelementen: durch Krieg gewonnenes Territorium darf grundsätzlich nicht aufgegeben werden; Gegner werden als Antisemiten und Nazis diffamiert; und drittens »Hasbara«: Beeinflussung und Manipulation der Medien in Israel und den USA. So fasst Croitoru in der Einleitung seine historische Recherche zusammen. Das Buch und die neue Wildcat können nur wärmstens zur Lektüre empfohlen werden.

Im Folgenden wollen wir auf die Konsequenzen der Verschränkung des »Systems Netanjahu« mit der »deutschen Staatsräson« eingehen. Denn Hasbara funktioniert! – und hat weit über die Antideutschen hinaus hierzulande ihre unbewussten Sprecher unter anerkannten »Antisemitismusexperten«: »Klaus Holz beispielsweise erwähnte in einem Interview die Demonstrationsparole ›Kindermörder Israel‹. Er führt diese Parole auf eine tief antisemitisch geprägte iranische Fernsehsendung zurück. Das mag sein. Allerdings: Die Demonstrationsparole wurde auf einer Antikriegskundgebung während des Gaza-Kriegs ... gerufen. Wir wissen, dass Frauen und Kinder Hauptopfer dieses Krieges waren und noch sind.« (Gerhard Hanloser: Linker Antisemitismus, ein Kampfbegriff um Kritik an Israel zu verhindern)

Hasbara

Der hebräische Begriff »Hasbara« bedeutet wörtlich »Erklärung«. Er bezeichnet die internationale Öffentlichkeitsarbeit und strategische Diplomatie Israels. Das hat nicht Netanjahu erfunden. 1974 wurde unter Shimon Peres erstmals ein offizielles »Hasbara-Ministerium« gegründet – 1975 aber wieder aufgelöst. Im Libanonkrieg (1982) und mit der ersten Intifada (1987) geriet das Image Israels durch Bilder von zivilen Opfern weltweit massiv in die Defensive. Nun wurde »Hasbara« zum permanenten Krisen- und Rechtfertigungsmanagement umgebaut, der Vorwurf des »Antisemitismus« wurde inflationär. In der zweiten Intifada (2000) wurde Hasbara zielgruppenspezifisch und man setzte auf »Nation Branding«. Kampagnen wie »Startup Nation« oder die Bewerbung von Tel Aviv als LGBTQ+-Metropole (»Pinkwashing«) sollten Israel als modern, liberal und innovativ präsentieren. Unter der Regierung von Netanjahu wurde das Hasbara-Ministerium 2009 neu formiert, die Budgets drastisch erhöht, um die Deutungshoheit im Netz zu sichern. Einheiten der IDF und des Außenministeriums wurden zu professionellen Medienredaktionen ausgebaut. Man setzt verstärkt auf bezahlte Content-Kampagnen, Influencer-Kooperationen und Delegitimierung.

Die IDF töten gezielt Kinder

Im Dezember 2025 skandierten die Fans von Maccabi Tel Aviv vor dem Spiel gegen Stuttgart unter anderem die Parole »Es gibt keine Schulen in Gaza, weil es keine Kinder mehr gibt«.

Am 23. Juni 2026 veröffentlichte eine unabhängige Untersuchungskommission der UNO einen der vernichtendsten Berichte zu Israels Vorgehen im Gazastreifen unter der Überschrift »Das Wesen der Kindheit wurde zerstört«. Die Kommission dokumentiert mit Zeugenaussagen, forensischen Beweisen, Satellitenbildern, militärischen Analysen und medizinischen Unterlagen, dass israelische Behörden und Sicherheitskräfte palästinensische Kinder gezielt ins Visier genommen haben. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass das Töten, die Verstümmelung, die Aushungerung, die Inhaftierung und die psychische Zerstörung palästinensischer Kinder nicht als Kollateralschäden erklärt werden können. Vielmehr seien gezielt Kinder angegriffen worden. Seit Oktober 2023 seien mindestens 20.179 palästinensische Kinder getötet und mehr als 44.000 verletzt worden. Etwa dreißig Prozent aller getöteten Palästinenser waren Kinder. Der Bericht dokumentiert wiederholt Fälle, in denen Kinder von Scharfschützen erschossen, von Drohnen angegriffen, auf der Suche nach Nahrung oder Wasser getroffen oder getötet wurden, obwohl sie offensichtlich keine militärische Bedrohung darstellten. Er beschreibt detailliert Angriffe auf Entbindungskliniken, Neugeborenenstationen, Schulen, Waisenhäuser und Notunterkünfte. Er untersucht zudem die Blockade von Lebensmitteln, Wasser und Medikamenten und zeigt auf, wie Hunger, Krankheit und der Zusammenbruch der medizinischen Versorgung zu Kriegsinstrumenten geworden sind.

Kampagne gegen das UNRWA

Am 6. Juli veröffentlichte die Rosa-Luxemburg-Stiftung den Text »Die Kampagne gegen das UNRWA und das palästinensische Rückkehrrecht in Deutschland« des deutsch-israelischen Forschers Alon Sahar. Er kommt darin zum Schluss, dass seit 2014 ein transnationales Netzwerk aus rechtsgerichteten, israelnahen Akteuren darauf hinarbeitet, das Palästinenserhilfswerk UNRWA zu delegitimieren und dessen Finanzierung zu beenden. Organisationen wie UN Watch, NGO Monitor und IMPACT-SE liefern Vorwürfe; die Deutsch-Israelische Gesellschaft, das »Nahost-Friedensforum« u.a. übertragen diese in deutsche Politiksprache, indem sie es mit Debatten über Antisemitismus und historische Verantwortung verknüpfen, flankiert von der Amadeu Antonio Stiftung und/oder dem Zentralrat der Juden; und schließlich die medialen Brandbeschleuniger bei Springer und Nius. Damit werden drei zentrale Vorwürfe verbreitet: UNRWA-Schulen seien antisemitisch; UNRWA sei mit Hamas verflochten; das palästinensische Rückkehrrecht stelle eine demographische Bedrohung für Israel dar.

Die Kampagne war sehr erfolgreich. Ende Juni sagte der UNO-Generalsekretär Guterres in New York bei einer Geberkonferenz, die Einschnitte beim UNRWA gefährdeten die Existenzgrundlage von Millionen Menschen. Er äußerte sich entsetzt von »anhaltenden Bemühungen, das UNRWA zu verdrängen und zu untergraben« und warf Israel vor, mit Verleumdungskampagnen, Desinformation und gezielten Behinderungen die Organisation systematisch zu zermürben. Zahlreiche Restriktionen Israels gegen das Hilfswerk seien eklatante Verstöße gegen das Völkerrecht, etwa die Beschlagnahmung des UNRWA-Hauptquartiers in Jerusalem Anfang des Jahres. Seit fast 18 Monaten erlaubten israelische Behörden keinem internationalen Mitarbeiter mehr die Einreise in die besetzten Gebiete. Seit Oktober 2023 seien mehr als 390 UN-Mitarbeiter im Gazastreifen getötet worden; keine einzige UN-Einrichtung sei unbeschädigt geblieben.

Seit Ausrufung eines Waffenstillstands im Oktober kamen laut Guterres mehr als 1.000 Palästinenser im Gazastreifen durch israelische Angriffe ums Leben. (dlf 1.7.2026)

»Die Siedler kennen keine Grenzen mehr«

Die seit Ende 2022 amtierende Regierung von Netanjahu hat den Siedlungsbau im Westjordanland beschleunigt, intensiviert und radikalisiert. Von 2023 bis 2025 wurden 185 neue Außenposten gegründet. Ihre Zahl hat sich in drei Jahren fast verdoppelt, sie kontrollieren mittlerweile 18 Prozent der Fläche des Westjordanlands. Zwei Drittel der Neugründungen sind kleinste Siedlungen. Oft wohnen in ihnen nur eine Handvoll Bewohner, die Ziegen und Schafe hüten. Gerade diese Siedlungen haben aber den größten Anteil am Landraub im Westjordanland: Durch systematische Angriffe und Drohungen erreichen die Bewohner, dass palästinensische Hirten immer weiteres Land nicht mehr betreten. Etwa 5900 Palästinenser seien seit 2023 vertrieben worden, teilten die Vereinten Nationen am 9. Juli mit.

Der zuständige Minister Bezalel Smotrich ist selbst ein religiös-zionistischer Siedler. Er hat das Ziel ausgegeben, die Zahl der Siedler im Westjordanland zu verdoppeln, auf eine Million Menschen. Siedlerorganisationen werden mit Hunderten Millionen Schekel unterstützt. Zugleich wird auf palästinensischer Seite mehr Land enteignet, mehr Häuser werden zerstört, und das Leben wird durch weitere Siedlerstraßen, Zäune, Barrieren und Checkpoints erschwert. Smotrich sagte im April bei der Einweihungsfeier eines neuen Außenpostens, dieser zerstöre »komplett die Idee eines palästinensischen Staates«. Der ebenfalls anwesende Knesset-Präsident Amir Ohana lobte die »schöne biblische Aussicht« und bekräftigte, alles Land hier gehöre dem jüdischen Volk. Viele Beobachter sind inzwischen der Ansicht, dass das Westjordanland faktisch von Israel annektiert worden ist. (alle Infos nach einem Artikel in der FAZ von 11. Juli: »Westjordanland – Die Siedler kennen keine Grenzen mehr«)

»Die israelische Politik wird sich nur durch äußeren Druck ändern.«

Omer Bartov ist einer der führenden Genozid- und Holocaustforscher. In seinem neuen Buch Israel: What Went Wrong? untersucht er die Entwicklung des Zionismus. Die gegenwärtige Krise Israels sei nicht nur auf jüngste politische Entwicklungen zurückzuführen, sondern auch auf grundlegende Entscheidungen bei der Gründung des Staates.

Im Interview mit dem Freitag am 6. Juli sagte er unter anderem: »Ich glaube nicht, dass der Zionismus repariert oder wiederbelebt werden kann.« Er sei von einer Bewegung zur Staatsideologie geworden. »Sie ist zunehmend militaristisch, expansionistisch und rassistisch geworden. Nach dem 7. Oktober wurde sie außerdem dazu benutzt, einen Völkermord zu rechtfertigen.«

Der heutige Zionismus ähnele in einigen Elementen »der Ideologie des iranischen Regimes und bestimmter Hamas-Ideologen. Es gibt eine seltsame Konvergenz (mit) Formen des islamischen Fundamentalismus.« »Israel hat in vielerlei Hinsicht bereits theokratische Gesetze – Zivilehe etwa existiert nicht.«

Israel hat seine Grenzen nie formal definiert und keine Verfassung verabschiedet. »Dadurch fehlten dem Staat sowohl ein verfassungsrechtlicher Rahmen als auch ein klar definierter territorialer Rahmen.« »Eine Verfassung hätte möglicherweise die Grenzen des Staates festgelegt, was David Ben-Gurion entschieden abgelehnt hat. Stattdessen hat Israel nur Waffenstillstandslinien gehabt, die de facto akzeptiert werden, aber keine wirklichen Grenzen im verfassungsrechtlichen Sinn sind.«

»Die israelische Politik wird sich nur durch äußeren Druck ändern, und der müsste in Form von Sanktionen erfolgen.« Ein solches Fazit ist immer sehr bitter. Zum Schluss zu kommen, dass in dem Land aus dem man stammt, keine Veränderungen von innen mehr zu erhoffen sind und deshalb auf äußeren Druck wie Boykott oder Sanktionen zu setzen…

Bundesrat will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen

Am 10. Juli beschloss der Bundesrat, dass Menschen, die »öffentlich oder in einer Versammlung das Existenzrecht des Staates Israel leugnen oder zu dessen Beseitigung aufrufen«, mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe bestraft werden sollen. Der Bundestag muss dem noch zustimmen. Bisher sieht das Recht keine Strafbarkeit für die Leugnung des Existenzrechts des Staates Israel oder eines anderen Staates vor. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages hat Ende Mai ausgeführt, ein entsprechender Gesetzentwurf sei grundsätzlich nicht mit der Meinungsfreiheit aus Artikel 5 des Grundgesetzes vereinbar.

P.S. Meldung vom 16. Juli: In Israel wird eine neue Medienbehörde geschaffen, mit der die Regierung die israelische Medienlandschaft umkrempeln will. Es ist eines von mehreren umstrittenen Vorhaben der Regierung Netanjahu, die diese derzeit im Eilverfahren vor den anstehenden Neuwahlen beschließt.

Fußnote

Zur Geschichte des Zionismus haben wir 1990 den Artikel »Der Zionismus, Mißgeburt der Arbeiterbewegung« aus der französischen Zeitschrift Le Brice-glace, Frühjahr 1989, übersetzt und in Thekla 14: »Ölwechsel« – Klassenkampf und neue Weltordnung veröffentlicht.

 
 
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