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3. Oktober 2026

aus: Wildcat 116, Sommer 2026

1976 – 1991: Das Albartus-Papier der Revolutionären Zellen

Die Jahre 1976 und 1991 markieren zwei deutliche Abstürze in der Geschichte der radikalen Linken in der BRD. Bezeichnenderweise kam Ende 1991 das Albartus-Papier der Revolutionären Zellen auf 1976 zu sprechen: die Flugzeugentführung von Entebbe. Anlässlich des 50. Jahrestags haben wir in der aktuellen Wildcat einen langen Artikel, der diese Verbindungen aufzudröseln versucht: »Entebbe und die Folgen«. Hier eine Kürzestfassung plus update:

Im Juni und Juli 1976 herrschte in Europa eine Hitzewelle. Die Temperaturen in Deutschland stiegen wochenlang regelmäßig über 30 Grad auf Spitzenwerte bis 36 und 37 Grad.

Politisch endete vor 50 Jahren das »rote Jahrzehnt«: 24. März 1976 Militärputsch in Argentinien. Am 9. Mai 1976 starb Ulrike Meinhof. Anfang Juni brach auf dem »Pfingstkongress« ein breiter Teil der radikalen Linken mit der Militanz und machte sich auf in die Institutionen. Am 10. Juli begann die Chemiekatastrophe in Seveso. Im August das Massaker von Tel al-Zaatar. Am 6. Oktober der Militärputsch in Thailand.

Auch kulturell war 1976 schlimm: ABBA »Dancing Queen«, Jürgen Drews »Ein Bett im Kornfeld«, Boney M. »Daddy Cool«. Kurz danach kamen dann die BeeGees »Stayin’ Alive« – der Sound zum Deutschen Herbst!

Für die deutschen Maoisten der diversen K-Gruppen lag 1976 zwischen dem Besuch von Franz Josef Strauß bei Mao (Januar 1975) einerseits, dem Krieg Vietnams gegen Kambodscha und den »Reformen« von Deng Xiao Ping (beides im Dezember 1978) andererseits. Die meisten fielen vom Glauben ab, viele von ihnen gründeten die Grüne Partei, andere später die Antideutschen. Diese eroberten nach 1991 die Hegemonie in der radikalen Linken.

Die Flugzeugentführung nach Entebbe...

Seit Anfang 1976 eskalierte der libanesische Bürgerkrieg. Nach monatelanger Belagerung stürmten Falangisten am 12. August das Lager von Tel al-Zaatar und töteten Tausende palästinensische Flüchtlinge.

Im Zusammenhang damit entführte ein deutsch-palästinensisches Kommando aus RZ und PFLP-EO am 27. Juni 1976 ein Flugzeug nach Entebbe und forderte die Freilassung von politischen Gefangenen. In der Nacht zum 4. Juli befreiten israelische Spezialkräfte die meisten der Geiseln. Das wird von gewissen Kreisen bis heute als das beste Kommandounternehmen aller Zeiten bejubelt (etwa: »Mit der Geiselbefreiung von Entebbe zeigte Israel vor 50 Jahren, wie man den Terror bekämpft« Nius 2. Juli 2026). Benjamin Netanjahu, dessen älterer Bruder bei der Befreiungsaktion starb, hat seine gesamte politische Karriere auf »Entebbe« und den »Kampf gegen den Terrorismus« aufgebaut.

»Die Aktion von Entebbe wurde rasch zu einem Vorwand für verschiedene Akteure, die bislang mit dem Milieu der radikalen Linken verbunden waren, sich von Internationalismus und Antiimperialismus ganz zu lösen.« (Gerhard Hanloser: »Desaster mit Nachspiel«)

Wegweisend war der Anti-Repressionskongress des Sozialistischen Büros Anfang Juni (»Pfingstkongress«). Am Abschlusstag hatte der spätere Außenminister Joschka Fischer vor 20.000 Besuchern in der berühmten Römerberg-Rede mit seiner militanten Vergangenheit gebrochen. Später hat er – die Dinge chronologisch auf den Kopf stellend – auf seinem Weg ins Außenministerium immer mal wieder betont, »Entebbe« sei das Ereignis gewesen, das ihn vom Saulus zum Paulus gemacht habe. Dabei lieferte es nur nachträglich den Vorwand.

»Entebbe« ist bis heute wirkmächtig. Das sah man an den Dutzenden von Artikeln und mehreren Büchern, die zum 50. Jahrestag erschienen. Das sah man aber auch daran, dass im März 2023 Mitglieder der Entebbe-Spezialeinheit eine der schärfsten Kritiken an Benjamin Netanjahu in einem offenen Brief formulierten. Netanjahu opfere den Staat Israel und das israelische Volk für seine eigenen Interessen, diffamiere Demonstranten gegen die Justizreform als Anarchisten und alle, die ihn nicht unterstützen, als Terroristen; er hetze Israelis gegeneinander auf.

… und die beginnende Institutionalisierung der radikalen Linken

1976 hätte auch anders ausgehen können. Im Juli hatten Chemiearbeiter in Seveso gestreikt, um die Katastrophe überhaupt öffentlich zu machen – aber sie hatten nicht mehr die Macht wie Jahre zuvor, die Wirtschaftspolitik des Landes neu zu orientieren. Die massenhaften Schüler- und Studentenproteste in Soweto seit Juni waren größtenteils selbst organisiert und schienen politisch endlich eine Alternative zum ANC zu eröffnen. Aber die Bullen schlugen die Bewegung brutal nieder; sie töteten mehr als 500 der Aufständischen, auch die charismatische Führungsfigur Steve Biko wurde im Polizeigewahrsam ermordet. Langfristig führte diese brutale Repression zu einer massiven Stärkung des ANC, da tausende junge Aktivisten ins Ausland flohen und sich dort mangels Alternative seinem bewaffneten Arm anschlossen. Die Machtübernahme durch den ANC 1994 war der definitive Sargnagel für den traditionellen Antiimperialismus. 1995 wurde der 16. Juni in Südafrika als Soweto Day – heute Youth Day – als Nationalfeiertag etabliert.

Am 7. April 1977 begann die RAF ihre verheerende Offensive mit dem Attentat auf Buback. Im selben Monat schickte HJ Klein einen Brief samt Knarre an den Spiegel; diese hatte er sich extra von seinen GenossInnen aus den RZ vorher bringen lassen. (laut »Augenzeugenbericht eines Ex-Guerilleros – Thomas Kram, einst Mitglied bei den RZ, spricht mit der taz exklusiv…«") Es war offensichtlich, dass Klein ein falsches Spiel spielte – was einer der Gründe war, dass auf seine Geschichten nicht inhaltlich eingegangen wurde. Stattdessen »Die Hunde bellen, und die Karawane zieht weiter«, »Hunde wollt ihr ewig bellen?« Gerade letztere Erklärung zeigt aber auch die politischen Schwachstellen: »Jede der politisch bedeutsamen Bewegungen der letzten Jahre ist an einen Punkt geraten, wo für sie nur noch die Alternative zwischen Resignation und Rückzug oder militärischer Eskalation bestand.« »Gleichzeitig kämpfen wir heute im Modell Deutschland gegen ein Europa unter amerikanisch-deutscher Hegemonie, für ein Europa freier Völker...«

[die meisten Texte hier] – Laut dem Radio-Feature »Freiflug in den Tod« (Peter Hillebrand, Freiflug in den Tod / Auf den Spuren von Gerd Albartus, swr2-Feature vom 14.9.2011) soll ausgerechnet Gerd Albartus, selbst Mitglied der RZ, gesagt haben, die Infos im Kleins Buch »Rückkehr in die Menschlichkeit« würden stimmen.

Die Erklärung »Gerd Albartus ist tot.«

Und so tauchten im Dezember 1991 – obwohl der Wissensstand bereits ein anderer war – zwei Behauptungen von HJ Klein in der Erklärung der RZ zum Tod von Gerd Albartus auf: »Die Selektion erfolgte entlang völkischer Linien. Daß die einzige Geisel, die die Flugzeugentführung nicht überlebte, ausgerechnet eine ehemalige KZ-Inhaftierte war (lag) in der Logik der Aktion.«

Man wusste inzwischen, dass es mehr tote Geiseln gegeben hatte als Dora Bloch; »einzige tote Geisel« und die »Selektion« hatte HJ Klein in die Welt gesetzt. Sie war auch keine KZ-Überlebende – das hatten sich die Schreiber der Erklärung irgendwie ausgedacht.

Die politischen Entwicklungen im Jahr 1991 besprechen wir ausführlich im Artikel; hier nur kurz: Die zu »Antideutschen« gewordenen Ex-Maoisten schossen sich auf die Friedensbewegung gegen den Zweiten Golfkrieg ein; der Hauptvorwurf damals wie heute: Antisemitismus. Auch hierbei wurde wieder »Entebbe« instrumentalisiert. Im April 1991 behauptete Matthias Küntzel in einem Rundumschlag gegen die radikale Linke (»Israel, die deutsche Linke und der KB«), erst der »an nazistische Selektionspraktiken erinnernde Vorgang in Entebbe« habe einen Diskussionsprozess ausgelöst, der endlich und erstmals »linken Antisemitismus« thematisiert habe.

Im Dezember 1991 hätte es für die RZ im Rückblick auf den Mord an ihrem Genossen Gerd Albartus sicherlich Gründe zur Selbstkritik gegeben: ihr plumper Antiimperialismus der 70er Jahre, ihre Affirmation der Botschaftsbesetzung und Geiselerschießung in Stockholm gegen linke Kritik im ersten Revolutionären Zorn, ihre Zusammenarbeit mit Carlos bei der Entführung der OPEC-Minister im Dezember 1975 – das hätte unmittelbar nahe gelegen, denn es war Carlos, der Gerd Albartus erschossen hatte. Hätte, hätte – stattdessen legte man eine falsche Fährte (»eine Gruppe aus dem palästinensischen Widerstand«), fokussierte sich ohne weitere Begründung auf die »Entebbe-Aktion« und schloss sich mit der Gleichsetzung von Antizionismus mit Antisemitismus dem antideutschen Generalangriff gegen die revolutionäre Linke insgesamt an.

Die Erklärung »Gerd Albartus ist tot« nahm nicht einmal die eigenen Genossen gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz. Mit den Behauptungen von HJ Klein legte sie sogar noch eine Schippe drauf und interpretierte die »Flugzeugentführung nach Entebbe als exemplarische Handlung, in der ›links‹ frontal in ›antisemitisch‹ umgeschlagen sei« (Markus Mohr »Legenden um Entebbe«, darin v.a. das Kapitel »Die Revolutionären Zellen in der Dekade des großen Umbruchs«).

Historische und politische Aufarbeitung versus Instrumentalisierung

Zehn Jahre danach haben Klaus Viehmann und Stefan Wisniewski in einer Veranstaltungsrundreise 2001 versucht, »Entebbe« und die Entwicklung der RZ politisch zu kritisieren. Dabei verwiesen sie auf einen interessanten Punkt: Im Dezember 1983 hatten die RZ in ihrer Erklärung »Krieg – Krise – Friedensbewegung. In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod« darauf reflektiert, dass ihre Vorstellung von »Verankern in sozialen Bewegungen« nicht hinhaut und: »die 3. Welt kann nicht mehr als Subjekt verstanden werden«. Stattdessen müsse man sich in der hiesigen Klassenzusammensetzung verankern! »Die neuen sozialen Bewegungen … verlaufen zunehmend quer zur Klassenfrage, überlagern soziale Inhalte und entwickeln sich in Teilen nach rechts. Als ausschließlicher Bezugspunkt einer revolutionären Praxis werden sie fragwürdig. … Die Unterklassen … entwickeln Widerstandsformen, die sich von denen der neuen sozialen Bewegungen grundsätzlich unterscheiden (und) haben mit traditioneller Kampagnenpolitik nichts mehr zu tun. Eine Linke, die sich auf die Unterklassen bezieht, muß die Verlaufs- und Organisationsformen ihres eigenen Widerstandes überdenken….«. Klaus Viehmann kritisierte bei der Veranstaltung, dass kurz danach das Gegenteil geschah: Die »Verengung auf die Flüchtlingsfrage« war die Abkehr von der Klassenfrage und »bewaffneter Reformismus«. Dies habe letztlich zur Auflösung geführt.

Die Erklärung »Gerd Albartus ist tot« stellte sich genau in diese Linie: Wir haben unseren alten, antisemitischen Antiimperialismus mit dem »neuen Antiimperialismus« (Flüchtlinge als revolutionäres Subjekt) überwunden. Dieser »neue Antiimperialismus« dankte genau dann ab, als er gebraucht worden wäre! Denn die Albartus-Erklärung war eine verkappte Auflösungserklärung zu einer Zeit, als der deutsche Staat die Gangart gegenüber Flüchtlingen massiv verschärfte. Enno Schwall, Ende der 80er Jahre Sprecher der RZ in Bezug auf ihre Flüchtlingskampagne, sagte im Interview nach den Angriffen auf das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, zu dem er damals in Sichtweite wohnte: »Die Bullen haben es darauf angelegt, die Auseinandersetzung am Köcheln zu halten; diese Randale wird von der staatlichen Politik befördert.« (Wildcat 60, Beilage S. 18 und 20).

Die Albartus-Erklärung will von der Rolle des Staates nichts mehr wissen. Sie hat eine beeindruckende Karriere vor allem in antideutschen Kreisen hingelegt. Im Gazakrieg wurde sie vielmals zitiert und sogar nachgedruckt, um Kritik am Vorgehen Israels als »antisemitisch« zu markieren, und mit dem Zitat daraus »wo zwei ethnische Gemeinschaften Ansprüche auf dasselbe Stück Land erheben, gibt es keine revolutionären Lösungen« den Staat Israel zur ethnischen Gemeinschaft herabzustufen. Auch beim staatlich finanzierten Linken-Bashing wird diese RZ-Erklärung zuweilen benutzt. Im Rahmen der »Aktionswochen gegen Antisemitismus«. Ende letzten Jahres in Bremen wurde zwischen dem Vortrag einer Expertin für »islamischen Antisemitismus« und der Veranstaltung »Holocaust revisited. Karikaturen und Comics nach dem 7. Oktober 2023« ein Lektüreworkshop angeboten: »Gerd Albartus ist tot. Eine alte Debatte neu lesen«.

Dabei sind seit 1991 ernsthafte Historiker in bezug auf »Entebbe« zu anderen Ergebnissen gekommen. Etwa Freia Anders und Alexander Sedlmaier »Unternehmen Entebbe«, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung Bd. 22, 2013. Ihr Aufsatz kann bis heute als aktueller Forschungsstand gelten. Davon angeregt hat Markus Mohr vor zehn Jahren den ersten Sammelband zu »Entebbe« in deutscher Sprache herausgegeben »Legenden um Entebbe. Ein Akt der Luftpiraterie und seine Dimensionen in der politischen Diskussion«, Münster 2016. Wer sich mit der Materie genauer befassen will, dem sei dieser Band empfohlen!

Seit Neuestem auch der evangelische Historiker Robert Wolff, der seine Dissertation über die Revolutionären Zellen geschrieben hat: Robert Wolff »Blinde Flecken, Erzählungen, Mythen – Neue Perspektiven auf die Flugzeugentführung nach Entebbe 1976«, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 3/2023, S. 540.

Völlig unbeeindruckt davon gab Thomas Kram, nach eigenen Angaben einer der Autoren des »Gerd-Albartus«-Papiers, zum 50. Jahrestag von Entebbe der taz ein weiteres Interview. Hier verschießt er erneut die Worthülse vom »neuen Verständnis des Antiimperialismus« (Flüchtlinge) und bezieht sich im Schlussabsatz positiv auf die Bremer »Aktionswochen gegen Antisemitismus«: »Ende 2025 las ich die Einladung zu einem Workshop mit dem Titel „Eine alte Debatte neu lesen“. Gemeinsam sollte der RZ-Text zum Tod von Gerd Albartus diskutiert werden. Dabei ging es also um die heute so aktuellen Themen wie Antiimperialismus, Palästinasolidarität, das Verhältnis zu nationalen Befreiungsbewegungen und den Antisemitismus in der Linken. Die historischen Erfahrungen der RZ, die kritische Hinterfragung in dem Text von 1991, können dazu sicher ein paar Argumente beisteuern. Vielleicht bieten sie eine gewisse Orientierung in dem diskursiven Gewirr, das ich seit dem Massaker der Hamas am 7. Oktober und den Vergeltungsmaßnahmen des israelischen Staats wahrnehme.«

Damit sagt jemand mit Definitionsmacht, dass die Erklärung von 1991 nicht von Antideutschen zweckentfremdet wurde, sondern dass sie genauso gemeint war. Mit dem »diskursiven Gewirr« meint er sich möglicherweise selbst, denn er redet fast so wie Wadepuhl (»Vergeltungsmaßnahmen des israelischen Staats«).

Hier versuchen Leute, den Deckel zuzumachen – siehe auch »Wem gehört die Geschichte? Neuherausgabe der ›Früchte des Zorns‹ von Publikationsverbot betroffen.« Man kann nur auf Widerspruch aus berufenem Mund hoffen, die RZ hätten ein besseres Ende verdient als das Aufgehen in der antideutschen Suppe.

Heute hat die radikale Linke keine Mobilisierungsfähigkeit mehr. Sie ist nicht einmal mehr in der Lage, sich gegen Kriege zu stellen. Wenn man sich vergegenwärtigt, dass gegen den Zweiten Golfkrieg im Januar 1991 in Berlin 50.000 und gleichzeitig im Bonner Hofgarten über 200.000 Menschen gegen den Krieg demonstrierten, in Berlin 2003 gegen den Dritten Irakkrieg rund eine halbe Million Menschen…. dann hat man vielleicht eine Vorstellung davon, wie tief wir gesunken sind. Um da wieder rauszukommen, müssen wir die falschen strategischen Weichenstellungen in der Vergangenheit aufarbeiten und korrigieren!

 
 
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