Wenn iranische Organisationen sieben verschiedene Kundgebungen anmelden, haben viele Linke hierzulande Schwierigkeiten, wo sie sich einreihen sollen. In einem lesenswerten Artikel im freitag ging Massoud Doktoran dem Problem nach, dass die iranische Diaspora andere Ziele hat als die Menschen im Iran. »In der Diaspora (ging es) nie um die iranische Realität, sondern immer um die Wunde des Exils. Um den Wunsch nach einem Happy End einer grausamen Geschichte ... und sei es, dass das Land im Krieg zugrunde geht.« (freitag, 16.4.2026)
Die Parolen der Volksmudschahedin, der Linken, der Monarchisten, der Kurden und der sogenannten Republikanischen Kräfte suggerierten immer, dass es bald mit dem Regime vorbei sei. Die Volksmudschahedin wiederholen seit 1982 die Phrase: »Dieses Jahr ist das Jahr des Blutes, Sayyid Ali (Chamenei) wird gestürzt«. Im linken Lager wurde immer wieder von der »Endkrise der Islamischen Republik« gesprochen.
Besonders seit dem Aufstand im Januar 2026 suggerierte ein Teil der Diaspora, das iranische Regime stehe kurz vor dem Ende, die Spaltung innerhalb der Eliten sei unumkehrbar, ethnische Minderheiten würden sich auf die Seite der ausländischen Invasoren schlagen und militärischer Druck in Verbindung mit innenpolitischen Unruhen werde zu einem Führungswechsel führen. Die Monarchisten agitierten mit: »Das ist die letzte Schlacht, Pahlavi kehrt zurück.« Und viele Exil-IranerInnen traten medienwirksam für den Angriff von USA und Israel auf den Iran ein.
Die »Frau, Leben, Freiheit«-Bewegung 2022 (Wildcat 111) überdeckte eine Zeitlang die sozialen und ethnischen Gegensätze der Diaspora. Eine Grenze war, dass sie auf den Iran bezogen blieb und keine Sicht auf die klassenbezogene Unterdrückung der Frau im Iran hatte. So konnte sich sogar »Exkaiserin« Farah Diba positiv darauf beziehen – und sich damit auch selber neu legitimieren. Danach versuchte ein Teil der Opposition, sich im Ausland als »politische Führung« der Proteste zu präsentieren. In diesem Zusammenhang rückte Reza Pahlavi in den Mittelpunkt. Und auf einmal galt die persische Monarchie sogar für einen Teil der Linken nicht mehr als Feind, sondern nur als politischer Gegner.
Mit Trumps erneutem Regierungsantritt verschoben sich die Hoffnungen hin zu einer »Rettung von außen«: Befürwortung von verschärften Sanktionen, ausländischem Druck auf das Regime bis hin zur expliziten Forderung nach einem Militärschlag. Insbesondere nach dem Zwölf-Tage-Krieg im Juni 2025 schien ein Teil der im Exil lebenden Opposition die Lösung nicht in der sozialen Bewegung im Iran, sondern in einer ausländischen Intervention zu suchen.
Viele der Iraner in West-Deutschland stammten aus bürgerlichen Familien, studierten hier, arbeiteten als Ärzte oder Teppichhändler, oder bekleideten später zu Hause gute Stellen, vor allem im öffentlichen Dienst. In den 70er Jahren traten Iraner Innen vor allem als linke Studenten auf, präsent an allen wichtigen Unis, organisiert in der CISNU (Confederation of Iranian Students National Union) bzw. als Sympathisanten der bewaffneten Gruppen. Sie fühlten sich als Teil einer weltweiten Bewegung und waren ziemlich entfernt von z.B. türkischen GastarbeiterInnen und ihren Kämpfen.
Die krasse Trennung innerhalb dieser »Community« – auf der einen Seite die »Jubelperser« beim Schahbesuch 1967 oder Soraya, die »Deutsche auf dem Pfauenthron«, und auf der anderen Seite die linke Opposition – änderte sich mit der politischen Wende im Iran 1979. In der ersten Fluchtwelle kamen die Monarchisten aus dem Iran, nicht viel später die ersten Linken und Oppositionellen. Während des Iran-Irak-Kriegs und mit Massenverhaftungen sowie tausendfachen Hinrichtungen verstetigte sich die Zuwanderung. Weitere Wellen folgten 2009, 2015 und heute.
Die iranische Diaspora wird auf vier bis sechs Millionen geschätzt. 2024 lebten rund 750.000 in den USA, die Hälfte davon in Kalifornien, 55.000 in Texas, 40.000 in New York. Es gibt in den USA sehr viele Führungskräfte und viele selbstständige Unternehmer aus dem Iran.
Die zweitgrößte iranische Diaspora lebt in Deutschland: 324.000; 255.000 sind selbst eingewandert, viele sind erst im letzten Jahrzehnt gekommen, allein 2023 18.872, 2024 16.319. Asyl spielt eine wichtige Rolle: 2016 hatten 26.426 iranische Staatsangehörige erstmals einen Antrag auf Asyl gestellt – das ist der höchste Wert in den vergangenen 25 Jahren. Auch Kanada ist ein bedeutender Zielstaat. 2021 waren knapp 183.000 in Kanada lebende Menschen im Iran geboren. In der Türkei lebten 2024 nach Regierungsangaben rund 96.000 iranische Staatsangehörige.
In der BRD gibt es mittlerweile in fast jeder Stadt Vereine, die politisch, kulturell oder berufsständisch (z. B. Ärzteschaft) aktiv sind. Sie verhelfen auch ankommenden IranerInnen zu einem Aufenthaltstitel oder betreuen medizinisch. The Munich Circle e. V. war beispielsweise der Veranstalter der Kundgebung vom 14. Februar in München für Reza Pahlavi.
Globalisierung, neue Verkehrs- und Kommunikationsmöglichkeiten sowie die Zusammensetzung der Einwanderung haben dazu geführt, dass die Entfernung zur Heimat kleiner wird und die Menschen sich näher kommen. Da die Triebkraft dieser »Globalisierung« die Ausweitung der internationalen Arbeitsteilung und der damit verbundenen Machtverhältnisse ist, handelt es sich dabei nicht um eine harmonische Vernetzung von unten. Deshalb leben Teile der Diaspora zwischen zwei Welten: Mann/Frau ist nicht sicher, ob er/sie Deutsche oder Iranerin ist. Und die Hierarchien bleiben häufig bestehen: Manche bewegen sich frei und profitieren, andere sind unterworfen oder werden »verwaltet«.
Die deutsche Politik hat die iranische Diaspora über Jahre hinweg privilegiert und ihren Mitgliedern den Aufstieg ermöglicht. Einige sind im Vorstand wichtiger Parteien – von der CDU über FDP (Bijan Djir-Sarai, 2021-2024 Generalsekretär) bis zu den Grünen (Omid Nouripour, 2022-2024 Bundesvorsitzender) – oder sind erfolgreich im Kulturbereich tätig. Diese Elite in der BRD bzw. im »Westen« setzte sich lautstark für Sanktionen, Regime-Change und »gezielte« Bombardierungen ein – auch die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi. Die Publizistin Gilda Sahebi sagte Anfang des Jahres im Deutschlandfunk: »Dieser Pahlavi hat vielleicht Macht zu helfen.«
Sie haben aber keine konkrete Alternative und kein gemeinsames Vorhaben für die Zukunft im Iran. Reza Asghari z.B. war im Iran Mitglied der (kommunistischen) Tudeh-Partei, heute sitzt er für die CDU im Bundestag. Während der Bombardierungen sagte er: »Das ist eine sehr emotionale Situation für mich. Das Regime hat in den vergangenen Wochen mehr als 30.000 [1] friedliche Demonstranten umgebracht... Daher bin ich froh, dass Israel und die USA militärisch dagegen vorgehen. Nur so kann diese Mordmaschinerie endlich zerstört und das Volk befreit werden.«
Diese Blindheit gegenüber der Klassengesellschaft hat auch rechtes Gedankengut salonfähig gemacht. Große Teile der Diaspora sind heute nicht mehr links. Gleichzeitig lässt das gesellschaftliche Klima mit Rassismus und Abgrenzung, schwerer werdender Integration, Armut usw. die Exil-IranerInnen mehr in ihrer nationalen Blase schmoren.
Aber auch die ökonomischen Spaltungen werden sichtbarer. Neulich musste eine Genossin (Tochter eines Ölarbeiters) ihrer Familie im Iran mit Geld unter die Arme greifen, da während des Kriegs (!) die Miete erhöht wurde. Der iranische Vermieter lebt in Kanada und besitzt im Iran fünf Wohnungen.
Mittlerweile laufen die Demos fast gegeneinander: Monarchisten gegen Linke, Kurden, Volksmudschahedin... [2] Es gibt auch schon politische Morde innerhalb der Diaspora: Masood Masjoody, ein iranischer Dissident in Vancouver, der Pahlavis Agenda kritisierte hatte, wurde im Februar ermordet, mutmaßlich von zwei Pahlavi-Anhängern.
Die Linke im Exil lässt sich heute politisch grob in vier Richtungen einteilen: Erstens die sogenannte radikale Linke, die antikapitalistisch ist und aus den Resten der alten Organisationen besteht; ihr Fokus liegt auf dem Iran. Zweitens junge, mehr internationalistisch, aber auch intersektional geschulte Leute – die mittlerweile mit der Rojava- und Palästina solidarität aktiv gewordene »zweite Generation«. Drittens pro-westliche, moderne Anti-Islamisten, die Israel unterstützen – wie die »Antideutschen«. Und viertens die sogenannte Linke der »Achse des Widerstands«, die den Antiimperialismus hochhalten: für die Islamische Republik, China und Russland – wie einige »rote Gruppen« in der BRD.
Ihnen und allen anderen gegenüber stehen die Monarchisten. Sie wollen als einzige in die Vergangenheit zurück und haben einen Führer, der für die USA, Israel und die Sicherheitskonferenz akzeptabel ist. Ihre Parole gegen die »Drei Korrupten« (Mullahs, Volksmudschaheddin, Linke) suggeriert, dass die Revolution von 1979 im Iran den Fortschritt zunichte gemacht hat. Schuld daran sei, dass diese drei zusammengearbeitet haben – was sie mit der damaligen Unterstützung von Khomeini durch die Volksmudschahedin und Teile der Linken belegen. Besonders junge Menschen, die 1979 nicht beteiligt waren, spricht diese Parole an: Seit vielen Jahren ist »79er« ein Schimpfwort.
Die Monarchisten setzten alles in Bewegung, um die Sanktionen oder später den Krieg gegen den Iran zu normalisieren. Um dann, wenn die eigene Mutter wegen der Sanktionen keine Krebsmedikamente bekommt oder die eigene Schwester unter die Bomben gerät, wieder verzweifelt oder heuchlerisch zu behaupten: »So haben wir das nicht gewollt.« Als Trump mitten im Krieg ankündigte, den Iran »in die Steinzeit zurück zu bomben«, hat dies Leute, die an »Hilfe ist unterwegs« geglaubt hatten, fassungslos gemacht. Das hat eher den inneren Zusammenhalt und das Nationalgefühl gestärkt, was das Regime zu nutzen verstand mit nächtlichen Demonstrationen unter dem Motto »Meydan (Kriegsschauplatz), Straße, Diplomatie zusammen«. Der andere »Befreier« Netanjahu kommentierte schon am 12. März in der Times of Israel das Ausbleiben von Protesten im Iran mit dem zynischen Spruch: »Man kann Menschen zeigen, wo das Wasser ist, aber man kann sie nicht zum Trinken zwingen.«
Nach dem Scheitern des Kriegs gegen den Iran treten die Widersprüche innerhalb des monarchistischen Lagers stärker hervor. Es gab Aktionen in deutschen Städten, bei denen hauptsächlich Männer mit Abzeichen des (ehemaligen) Geheimdienstes Savak oder der kaiserlichen Palastgarde marschierten und ihren Gegnern öffentlich drohten. Pahlavi kritisierte diese Aktionen und sagte, sie seien von ihm nicht »genehmigt«.
Der Krieg hat die Spaltung in der Diaspora verschärft. Bei einem Teil konnte sich das Regime auch Ansehen verschaffen, weil es im Krieg gegen den »Imperialismus« »standhaft« geblieben ist. Einige Oppositionelle sind in den Iran zurückgekehrt.
Nach 88 Tagen »Blackout« des Internets vom 28. Februar bis 26. Mai sind jetzt wieder Menschen aus dem Iran zu hören, die vorher keine Stimme mehr hatten. Einige benutzen den Hashtag »Als ihr nicht hier wart«, um zu sagen, was in den Tagen im Iran vor sich ging, als andere aus der Ferne über den Krieg und in ihrem Namen sprachen. »Die Atmosphäre im Iran ist extrem polarisiert. Eine Gruppe von Menschen – eher passive Leute – verteidigte sogar die Bombardements in der Hoffnung, dass der Krieg eine grundlegende Veränderung bewirken könnte. Eine andere Gruppe von Leuten war gegen die Regierung und gegen den Krieg, das haben viele nicht verstanden. Weil jede Opposition gegen den Krieg als Verteidigung der Islamischen Republik angesehen wurde.« »Aber es gibt auch Leute im Iran, die nach den Zerstörungen durch den Krieg zu dem Schluss gekommen sind, sich hinter die Regierung zu stellen. Nach Kriegsende ist die Atmosphäre ausgeglichener geworden, weil viele Leute gesehen haben, dass der Krieg praktisch kein Ergebnis im Interesse des Volkes gebracht hat.«
Laut dem jüngsten Bericht des Statistikamtes lag die Inflation im April bei 73 Prozent, für Lebensmittel bei über 115 Prozent. Einige Prognosen gehen davon aus, dass das Bruttosozialprodukt 2026 um 8,8 bis 10 Prozent sinken wird. Viele sind nicht mehr in der Lage, sich ausreichend zu ernähren, Medikamente sind knapp und teuer, die Behandlungskosten haben unvorstellbare Höhen erreicht. Der Wiederaufbau der für die Wirtschaft des Landes wichtigen Stahl- und petrochemischen Industrie wird Jahre in Anspruch nehmen. Durch die Bombardierung des South-Pars-Gasfelds ist ein Drittel der Förderkapazität verloren gegangen. Nach gezielten Angriffen auf das Pasteur-Institut und der Zerstörung der Arzneimittelfabrik Tofigh Daru ist die Beschaffung von Medikamenten sehr schwierig geworden. Landesweit wurden geschätzt mehr als 23.000 Industrie- und Gewerbebetriebe beschädigt oder mussten den Betrieb vollständig einstellen.
Vor dem Krieg waren etwa zwei Millionen Menschen arbeitslos, neue Schätzungen gehen von einer Verdopplung dieser Zahl aus, insbesondere in der informellen Wirtschaft. Die Lohnerhöhung in den ersten drei Monaten des Jahres wurde durch die Inflation zunichte gemacht. Deshalb gibt es hie und da Demonstrationen von Rentnern. Mitte Juni haben Frauen in Belutschistan gegen die Benachteiligung der regionalen Arbeitskräfte und die Zerstörung der Natur durch den Taftan-Bergwerk (eine der größten Goldminen im Iran) und auch Chromitbergwerk Faryab demonstriert. Sie wurden von Sicherheitskräften verprügelt und verletzt.
Nach dem Januaraufstand, während des Kriegs und nach dem Waffenstillstand wurden 45 Menschen aus politischen Gründen hingerichtet. Zum einen Angehörige der Volksmudschahedin, die im Gefängnis waren, zum anderen Leute, die während der Aufstände auf der Straße waren; sie wurden auch als angebliche Mossad-Agenten schnell und öffentlichkeitswirksam hingerichtet, um Angst zu verbreiten unter potenziellen Aufständischen. Aktuell gelten alle, die einen Starlink-Account haben oder Fotos von Bombenschäden verschickt haben, als Spione und Landesverräter.
Viele Exil-IranerInnen haben Angst, nicht mehr in den Iran zurückkehren zu können, um die Familie zu sehen, wie es früher möglich war. Das Regime hat Oppositionelle im Ausland bespitzelt, eingeschüchtert und ermordet. Einige wurden sogar im Iran in Abwesenheit verurteilt und ihr Vermögen konfisziert. Verzweiflung und Hass führen zu Zerrissenheit und Trauma oder Nostalgie.